bedeckt München 15°

Kommentar:Amazons Erfolg wird langsam unheimlich

Michael Kläsgen

Michael Kläsgen blättert auch gern, aber lieber in Büchern als in Katalogen.

Es ist faszinierend und erschreckend mit anzusehen, wie die Macht des US-Konzerns wächst und wächst.

Nichts scheint Jeff Bezos und Amazon aufhalten zu können. Nicht einmal der US-Präsident mit seinen ständigen Mäkeleien. Das macht den reichsten Menschen der Welt und seinen Konzern so unheimlich und faszinierend zugleich. Seine Kritiker beschimpfen, seine Bewunderer verehren ihn. Gleichgültig lässt er kaum jemanden. Das ist auf der ganzen Welt so und war diese Woche in Berlin exemplarisch zu beobachten, wo Bezos eine Auszeichnung des Springer-Verlags entgegennahm.

Gegner und Befürworter dürften sich nun bestätigt fühlen, jeder auf seine Weise. Denn Amazon teilte mit, seinen Gewinn in den ersten drei Monaten dieses Jahres nicht nur gesteigert, sondern verdoppelt zu haben. Weil selbst die Finanzanalysten das so nicht erwartet hatten, schoss der ohnehin schon hohe Aktienkurs weiter in die Höhe; das rechnerische Vermögen des Milliardärs Bezos, des reichsten Menschen der Welt, vermehrte sich dadurch binnen Stunden um einen weiteren zweistelligen Milliardenbetrag, was seine Anhänger sicher honorieren.

Fast beiläufig gab der Internetkonzern noch bekannt, die Gebühr für seine Prime-Mitglieder in den USA von 99 Dollar auf 119 Dollar pro Jahr zu erhöhen. Ein Grund mehr für Amazons Gegner, den Konzern anzufeinden. Einerseits Milliardengewinne einstreichen und gleichzeitig die treusten Kunden schröpfen? Zeigt sich darin nicht die hässliche Fratze des Internetkapitalismus, der nur Gewinner und Verlierer erzeugt?

Wer so denkt, verkennt, dass das eine mit dem anderen im Kern nichts zu tun hat. Der vermeintliche Buchhändler von früher generiert seine inzwischen bemerkenswerten Gewinne zum größten Teil nicht mit dem Verkaufen und Versenden von Büchern, Zahnbürsten oder anderen Dingen. Es ist die Cloud AWS, die Amazon extrem viel Geld beschert. Der Service bedeutet nichts anderes, als dass Amazon anderen Unternehmen Speicherkapazität zur Verfügung stellt. Ein ausgesprochen lukratives Geschäftsmodell, wenn die Dienstleistung gut gemacht wird und leicht auf andere Unternehmen übertragen werden kann, was Amazon offenbar tut. Selbst Konkurrenten wie Zalando oder die Otto Group nutzen Amazons Cloud. Der Konzern ist, so absurd es klingt, in dem Bereich nahezu unverzichtbar selbst für seine Rivalen geworden.

Die Cloud alimentiert die aggressive Expansion des Konzerns im Onlinehandel

Amazon hat früh erkannt, über sein eigenes Kerngeschäft, den Versandhandel, hinausgehen zu müssen, um dauerhaft erfolgreich zu sein. In Deutschland traut sich hingegen kaum ein Unternehmen, jenseits der eigenen Branche zu wildern und in neuen Geschäftsmodellen statt in bestehenden Sektoren zu denken.

Bei Amazon hingegen ist es so, dass die Cloud inzwischen den in Europa stark defizitären Versandhandel alimentiert. So kann der US-Konzern expandieren, massiv in künstliche Intelligenz und Logistik investieren und Wettbewerber aus dem Markt drängen. Weil die Verluste im Onlinehandel unterm Strich hoch sind, tendiert die Steuerlast zudem gegen null. Ein aus unternehmerischer Sicht bestechendes Geschäftsmodell, das wiederum Gegner und Bewunderer in ihrem jeweiligen Lager bestärkt.

Im Moment sieht es nicht so aus, als könne irgendjemand Bezos und Amazon stoppen. Im Gegenteil: Die Fantasien darüber, wie der Konzern mit Sprachassistenten und Drohnen unser aller Konsumverhalten beeinflussen wird, kennen keine Grenzen. Die Marketingmaschine Amazon schürt sie absichtlich, auch weil das den Aktienkurs beflügelt und dem Konzern Aufmerksamkeit verschafft. Nur: Bezos Mantra von der Obsession, ausschließlich dem Kunden dienen zu wollen, kann man als das entlarven, was es ist: ein kluger Schachzug in einem brutalen Verdrängungswettbewerb.