bedeckt München

Kolumne Silicon Valley:Hoffen auf die Krise

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Malte Conradi (San Francisco), Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Marc Beise (München) im Wechsel.

San Francisco wird weltweit um seinen Erfolg beneidet. Viele Einwohner aber sehen den Boom kritisch. Über eine Stadt, die sich vom Geld überschwemmt fühlt.

Von Malte Conradi

Bunte Kissen auf den Sitzbänken, an den Wänden marokkanische Aquarelle und der hervorragende Kaffee aus echten Porzellanbechern - das "Progressive Grounds" in einer ruhigen Gegend von San Francisco ist ein schönes Café. Nur hat es mit einem Café im herkömmlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Selten sitzt an einem der etwa 15 Tische mal mehr als ein Gast, selten guckt dieser mal nicht angestrengt in seinen Laptop.

Das "Progressive Grounds" ist kein Ort der Begegnung und der Entspannung, es ist für seine Gäste ein Arbeitsplatz, viele kommen regelmäßig her. Seit er an den Wänden über den Sitzbänken vor einigen Jahren Leisten mit Dutzenden Steckdosen angebracht und das Wlan verstärkt habe, sei der Laden voll, erzählt der Besitzer. Vorher kamen die Kunden vor allem, um sich einen Kaffee für unterwegs zu holen. Allerdings beschwerten sich nun regelmäßig Gäste bei ihm: Das Paar am Fenster da drüben unterhalte sich am laufenden Band, so könne man sich nun wirklich nicht auf die Arbeit konzentrieren.

Das "Progressive Grounds" ist kein Einzelfall. Geht es in einem Café in San Francisco lebhaft zu, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Sehenswürdigkeit, und die Touristen bleiben dort auf ihrer Suche nach dem echten Leben unter sich. Die vielleicht meist besprochene Neueröffnung der vergangenen Jahre: eine Salatbar, in der junge Gutverdiener und Wenigzeithaber schnell irgendwas mit Avocado, Quinoa und Nüssen zusammenwerfen, um dann wieder hinter ihren Bildschirmen zu verschwinden. Es dauerte nicht lange, bis das Konzept von einem Investmentfonds übernommen und in eine Kette verwandelt wurde.

Die Entwicklung der Cafés steht für die Entwicklung der gesamten Stadt. Aus einem Ort der alten und neuen Hippies, der Liberalität und der entspannten Kreativität ist in den vergangenen Jahren eine Stadt geworden, die sich nach den Wünschen und Bedürfnissen der Tech-Industrie verändert. Was in San Francisco derzeit ankommt, ist nur die dritte und bislang heftigste Welle einer Flut. Es ist eine Flut des Geldes, die zeigt, dass wachsender Wohlstand eine Stadt nicht immer lebenswerter macht. Mit dem ersten Dotcom-Boom fing es an, der Crash im Jahr 2000 und die Finanzkrise 2008 brachten der Stadt eine Atempause, nach der es umso heftiger weiterging: Uber und Airbnb wurden gegründet, Facebook ging an die Börse. Anfangs spielte sich das noch im 30 Minuten südlich gelegenen Silicon Valley ab.

Doch nun greift die Tech-Industrie nach der ganzen Stadt. Im höchsten Büroturm sitzt, was für eine Symbolik, keine Versicherung oder Bank, sondern eine Software-Firma. Google und Facebook mieten blockweise verspiegelte Hochhäuser, um all die neuen Mitarbeiter unterzubringen. Aus der ganzen Welt strömen gut ausgebildete Software-Ingenieure nach San Francisco. Angelockt von den Traum-Gehältern der Tech-Branche müssen sie allerdings bald feststellen, dass vom Traum-Gehalt nicht viel bleibt, weil sie ja auch irgendwo wohnen müssen.

Wer Glück hat, findet eine Wohnung im Umland. Andere leben im Minivan

Der Tech-Boom hat San Francisco zur teuersten Stadt der USA gemacht. Ein verlassenes Militärgelände, der alte Hafen, das letzte Gewerbeviertel - überall wurden oder werden Luxus-Wohnblocks für die neuen Bürger hochgezogen. In einem dieser Komplexe, schon 15 Jahre alt, kostet eine Einzimmerwohnung mit Einbauküche und klein gemustertem Business-Hotel-Teppich 8000 Dollar im Monat. Es fühle sich hier an, wie auf einem Kreuzfahrtschiff für 26-Jährige, sagt eine Bewohnerin, die eine der wenigen städtisch subventionierten Wohnungen für Geringverdiener ergattert hat. Die Frau ist Universitätsprofessorin. Alles ist hier auf viel arbeitende Singles ausgelegt. Die meisten Wohnungen sind klein, im Innenhof gibt es einen Pool, ein Fitnessstudio, einen Saal für Partys und einen Hundeauslauf. Keinen Kinderspielplatz.

Wenn sie die Mittagspause nicht in der firmeneigenen Kantine verbringen, finden die Tech-Arbeiter in der Stadt immer mehr Läden, die verkaufen, womit Menschen sich belohnen, die keine Zeit haben, sich wirklich zu belohnen: Handgeschöpfte Schokolade, 100-Dollar-Duftkerzen, frisch hergestelltes Eis (sechs Dollar für die kleinste Portion). Die Lokalzeitung berichtet wöchentlich über den nächsten alteingesessenen Laden, der schließen muss, weil er gegen die neue Konkurrenz keine Chance hat.

Der schon zehn Jahre anhaltende Boom hat die Bevölkerung der Stadt zweigeteilt: In die, die mit ihrer Arbeit das Phänomen Silicon Valley am Laufen halten, und die, die ihnen das ermöglichen, weil sie ihnen das Essen kochen und liefern, die Wohnung putzen oder ihre Hunde ausführen. Der einzige Ort, an dem diese beiden Gruppen zwangsläufig zusammentreffen, ist auf der Fahrt im Uber-Wagen. Aber auch da wurde früher mehr gesprochen, und zum Glück gibt es ja das Smartphone, das den Fahrgast davor bewahrt, sich anhören zu müssen, wie der Fahrer erzählt, dass er seine Miete nicht mehr bezahlen kann.

Denn diese Menschen sind die wahren Opfer der irrsinnigen Immobilienpreise. Im günstigen Fall werden sie nur aus der Stadt gedrängt und pendeln jeden Morgen ein oder zwei Stunden. Haben sie Pech, dann ist ihr neues Zuhause ein Minivan an irgendeinem Straßenrand. Friseure, Kellner, Bauarbeiter - ein großer Teil der mindestens 8000 Obdachlosen in dieser Stadt mit 800 000 Einwohnern geht jeden Morgen zur Arbeit.

Auf der ganzen Welt wird San Francisco um seinen Erfolg beneidet. Viele Bewohner wünschen sich inzwischen nur noch eins: endlich mal wieder eine Krise.

© SZ vom 29.05.2019
Zur SZ-Startseite