Kolumne Die Lust am Weltuntergang

Catherine Hoffmann ist Redakteurin im Ressort Meinung der SZ. Sie fragt sich, ob den immer neuen Erklärungen für den deutschen Wirtschaftsboom zu trauen ist. Und will wissen, ob Roboter oder ein Handelskrieg unsere Jobs gefährden.

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Die Apokalypse steht uns bekanntlich seit Jahrhunderten bevor. Sie begegnet uns als wissenschaftliche Prognose und mahnender Zeigefinger. Warum ist es nur so schwer, sich der Kraft der apokalyptischen Bilder zu entziehen?

Von Catherine Hoffmann

Die Apokalypse steht uns bekanntlich seit Jahrhunderten unmittelbar bevor. Sie begegnet uns in allen möglichen Gestalten und Verkleidungen, als wissenschaftliche Prognose und mahnender Zeigefinger, als Produkt der Unterhaltungsindustrie und Gegenstand von Leitartikeln. Die Katastrophe ist allgegenwärtig. Der Ausnahmezustand Alltag.

Der Populist Donald Trump zum Beispiel werde eine protektionistische Mauer um die USA errichten, ausländische Unternehmen mit Strafzöllen quälen und womöglich sogar den nächsten Weltkrieg anzetteln. Der Brexit führe nicht nur zum Zerfall des Königreichs, sondern gleich zum Ende der Europäischen Union. Das Massensterben von Bienen und anderen Insekten gefährde das Überleben von Bäumen, Blumen und Gräsern und damit unsere Nahrung. Forscher sagen: Würde es keine Bienen mehr geben, wären wir Menschen bald ausgestorben.

Wer in diesen Tagen Jahresrückblicke liest, sieht oder hört, begegnet zerstörerischen Wirbelstürmen, begleitet von Springfluten und Überschwemmungen, er trifft böse Wölfe und lüsterne Künstler, die sich an Frauen vergehen. Er stößt auf Islamisten, gentechnisch erzeugte Killerviren und auf Kim Jong-un. Und er muss sich fragen lassen, ob Deutschland oder die USA zerfallen in Eliten und Abgehängte, Weltoffene und Nationalisten. Selbst optimistische Menschen meinen neuerdings, die Welt befinde sich am Abgrund. Der eine fürchtet die Herrschaft der Roboter, der andere den Zusammenbruch des Finanzsystems.

Fortschritt? Man traut sich kaum, ihn zu erwähnen

Die Schwarzseher und Untergangsapostel haben es leicht: Ihnen glaubt man gern. Und sie haben ja auch recht mit vielen ihrer Warnungen, das soll hier überhaupt nicht schöngeredet werden. Nur: Der Eindruck, der durch die Häufung schlechter Nachrichten entsteht, ist falsch. Nicht alle erdenklichen Katastrophen werden sich zur selben Zeit ereignen, die meisten wahrscheinlich nie. Allein die Tatsache, dass die apokalyptischen Ängste weder neu noch einzigartig sind, sollte uns misstrauisch machen. Es ist nicht alles schlecht - im Gegenteil. Die Welt verbessert sich unaufhaltsam, auch wenn das weniger Aufmerksamkeit erregt. Fortschritt? Man traut sich kaum, ihn zu erwähnen.

Beginnen wir beim Thema Armut: Die hat in den vergangenen 200 Jahren dramatisch abgenommen - bei gleichzeitig rasant wachsender Bevölkerung. Immer mehr Menschen auf der Welt haben Zugang zu Bildung. Und auch die Demokratie hat einen beeindruckenden Aufschwung erlebt: 1820 lebte nur einer von 100 Menschen in einer Demokratie, heute sind es immerhin 56 von 100. Die Menschen werden älter, gesünder und wohlhabender - das gilt nicht zuletzt für Deutschland. Es ja fast schon so etwas wie ein schmutziges Geheimnis: Den meisten von uns geht es ziemlich gut. Sie könnten ganz zufrieden sein und schimpfen trotzdem gern.

Es fällt schwer, sich der Kraft der apokalyptischen Bilder zu entziehen. Man darf dabei nur nicht vergessen: Die Menschen, die solche Bilder entwerfen, erhoffen sich etwas davon. Dass der Zorn Gottes über die Sünden der Menschheit so groß werden könnte, dass er seine apokalyptischen Reiter schickt, glaubt ja wohl niemand mehr. Die Schreckensszenarien von heute sind keine göttliche Strafe, sondern Menschenwerk. "Jetzt darf es keine Kompromisse mehr geben", suggerieren die Bilder. "Jetzt muss der Schalter umgelegt werden." "Schluss mit dem Laster."

Statt sich diffusen Zukunftsängsten hinzugeben, könnte man Vertrauen in die Welt haben und zuversichtlich sein. Auch wenn es schwerfällt.