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Kolumne: Augsteins Welt:Grüne Seele

Diese Kolumne schreiben Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Ethisches Investment liegt zwar im Trend, bisher aber leider vor allem in den Medien und bei Experten.

Warren Buffett, der inoffizielle Hohepriester geschickten Investierens, kaufte 2008 Anteile eines chinesischen Autoproduzenten namens BYD. Das Akronym steht für "Build Your Dreams", sinngemäß: Mach deine Träume wahr. Der Name des Unternehmens wurde damals anders gedeutet, als die Gründer wünschten: BYD galt als Traumfabrik, wo Wolkenkuckusheimer konkurrenzlos schlechte Elektroautos bauten. 2017 indes konstatierte die Financial Times , Buffetts Investition in BYD habe sich denn doch als äußerst lukrativ erwiesen. Buffett wurde gepriesen für seine Vorausschau: Investitionen in die Produktion klimafreundlicher Geräte lohnten sich.

Späterhin haben Unternehmen, denen Buffetts Fonds vorsteht, rund 30 Milliarden Dollar in Windenergie und Infrastruktur im US-Staat Iowa investiert. Abermals wurde Buffett gepriesen für seine grüne Seele. Da war es ihm zu viel: 2019 tat er kund, ohne die Steuererleichterungen von staatlicher Seite hätte er das nicht gemacht. Sein Fonds arbeite allein für die Investoren, basta. Zur Erklärung sagte er, was nachhaltige Investition ist, sei nicht messbar; es sei kaum möglich, Konzerne daraufhin zu evaluieren. Handfest wie der Mann denkt, brachte er einen Vergleich, den die Financial Times zitierte: "Ich esse gern Süßigkeiten. Ist Süßkram gut für mich oder nicht? Ich weiß es nicht."

Was den Verzehr von Süßigkeiten angeht, hat Buffett recht: Da wird mehr geforscht, als Leser von Expertisen verdauen können. Noch nicht behandelt ist die Frage, ob eine größere Menge Zartbitterschokolade mit Krokant gesünder ist als eine etwas kleinere Menge Milchschokolade mit Nüssen. Was aber Buffetts Skepsis angeht, ob ethisches Investment sich finanziell lohne: Es gibt etliche Studien, die sein Bauchgefühl widerlegen.

Die Ratingagentur Scope ist eine kleine Agentur im Vergleich zu den sogenannten "Großen Vier", Ernst & Young, Deloitte, KPMG, Pricewaterhouse Coopers, deren Expertise Einfluss auf die Weltwirtschaft hat (und das oftmals nicht zum Guten der Menschen und ihrer Länder, aber das ist ein anderes Thema). Scope befasst sich auch mit dem, was immer noch ein Nischenphänomen ist: mit ethischen Anlagen. Scope - so berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung im vergangenen September - hat errechnet, dass ein gutes Gewissen kein Geld koste: "Ganz im Gegenteil. Ob fünf, drei Jahre oder nur ein Jahr: Fonds mit einem Nachhaltigkeitsbezug schnitten immer besser ab als solche ohne diesen."

Ganz genau haben drei Forscher von den Universitäten Frankfurt und Hamburg errechnet, ob Investitionen in "nachhaltige" Fonds und "nachhaltig" arbeitende Unternehmen sich lohnen. Sie gingen zurück bis zum Beginn der Siebzigerjahre und werteten rund 2200 Studien aus, die bezüglich dieser Frage erschienen sind (publiziert 2015 im Journal of Sustainable Finance and Investment). Das Fazit: Die Investoren, die "grün" dachten, haben mehr Geld gewonnen als jene, denen dieses Kriterium einerlei war.

"Nachhaltigkeit" ist ein blödes Wort, das alles Mögliche ansagt: dem Klimawandel Einhalt gebieten; nicht Plastikmüll in Flüssen und Meeren entsorgen; anständige Arbeitsbedingungen schaffen und vieles mehr. Die UN - angeblich wirkte das aufscheuchend und aufmunternd - hat 17 Kriterien für "Nachhaltigkeit" verabschiedet, eines davon ist "Frieden". Dafür kann eine Firma nun wirklich nicht sorgen. Wer aber immer von "Nachhaltigkeit" redet, ohne konkret darzulegen, wie sie das Unternehmen entsprechend formen will: Dieser Person muss man keinen Glauben schenken.

Im Sommer 2019 hat der "Business Roundtable", eine Lobbygruppe der 200 größten US-amerikanischen Konzerne, mit 181 Stimmen beschlossen, künftig nicht bloß das Wohl ihrer Anteilseigner (shareholder) ins Auge zu nehmen, sondern auch das der Arbeiter und der Gemeinschaft (stakeholder). Das war schön gesagt! Warren Buffetts Kommentar wäre aber wohl: Wer's glaubt, wird selig.

Die Deutschen sind bloß halbgute Heuchler. Anlässlich einer (anonymisierten) Umfrage der Technischen Universität München gab jeder fünfte Manager zu, bei Geschäftsentscheidungen die eigenen moralischen Ansichten außer Acht zu lassen. Immerhin, das ist nicht zuletzt der "Fridays for Future"-Bewegung zu danken: Um Plastik zu sparen, bieten große Supermarktketten, Rewe und Aldi zum Beispiel, Obst und Gemüse lose an. Wer nun als Kunde der eigenen Moral folgt, nimmt einen Blumenkohl auch noch dann, wenn ein Röslein angequetscht ist!

Nach wie vor aber ist ethisches Investment, sei es in einen angedetschten Blumenkohl oder in Fonds, ein Nischenphänomen. In der Bundesrepublik flossen 2018 rund 130 Milliarden Euro in (angeblich) nachhaltige Geldanlagen. Das entspricht lediglich einem einstelligen Prozentsatz des Marktes (siehe SZ vom 30. 7. 2019).

Der EU-Wirtschafts- und Währungskommissar, Paolo Gentiloni, hat jüngst erklärt: Die Haushaltsregeln der EU sollten künftig auch den Kampf gegen den Klimawandel unterstützen. Die Idee ist gut. Gegen die - völlig sinnlos und falsch subventionierte - europäische Agrarwirtschaft wird sie sich aber nicht durchsetzen lassen. Und wollte die EU auf die Industrie Einfluss nehmen: Es wäre ja nett, aber es ist zu komplex. Dabei häufen sich die Horrormeldungen: Wenn es mit dem Klimawandel so weiter geht, werden in ein paar Jahrzehnten die Malediven untergehen; danach kommen Städte wie Rotterdam und Hamburg unter Wasser.

Im Moment hilft vor allem ethisches Investment. Wie sagte Marianne Koch vor 40 Jahren in der Fernsehwerbung für die Gardinen "mit der Goldkante"? "Es lohnt sich."

© SZ vom 17.01.2020
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