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Kolumne: Augsteins Welt:Entzauberung

Diese Kolumne schreiben Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

In Deutschland gibt es zwei Ikonen: Ludwig Erhard als Minister des "Wirtschafts­wunders" und die Bundesbank als Hüterin der starken Mark. Beides: Kokolores - laut Ulrike Herrmann, die ein Buch über das "Wirtschaftsmärchen" verfasst hat.

Die meisten Deutschen hängen der D-Mark nach, wie man es sonst nur tut, wenn der Hund gestorben ist, der jahrelange Begleiter, oder die Katze oder der Kanarienvogel. Die meisten älteren Westdeutschen halten große Stücke auf Ludwig Erhard, den "Vater des Wirtschaftswunders". Und die meisten Deutschen haben - auch seit der Einigung - große Stücke auf die Bundesbank gehalten, die immer dafür sorgte, dass die D-Mark teuer war. Geldwertstabilität ist das Stichwort. Die Deutschen waren stolz auf die starke D-Mark so wie auf große Fußballspieler. All diese Anhänglichkeiten - die an Ludwig Erhard, an die D-Mark und an die Bundesbank - beruhen auf Irrtümern und Unwissen. Das zeigt die gelernte Bankkauffrau Ulrike Herrmann, Journalistin bei der taz, in ihrem Buch "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen" (Westend, 2019). Ihr Buch handelt von noch vielem mehr. Jetzt geht es um die Frage des Nutzens der Geldwertstabilität und darum, was Ludwig Erhard eigentlich gemacht hat.

Herrmann entzaubert den Nimbus von Ludwig Erhard. Dazu musste sie nicht in Katakomben oder Privatarchiven nach Unterlagen suchen: Es war alles schon vorhanden und gedruckt. Sie hat im Fundus gestöbert und darin das Nötige für die Bühne gefunden. Ludwig Erhard hatte von Volkswirtschaft ziemlich wenig Ahnung. Seine Habilitationsschrift war so bescheiden abgefasst, dass selbst die nationalsozialistisch gesonnenen Prüfer sie nicht annahmen. Und das, obgleich Erhard sich bei den Nazis anbiederte.

1928 war er wissenschaftlicher Assistent beim Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware (IWF) geworden. Weil er mit Leuten gut reden konnte, brachte er in den 30er-Jahren dem IWF viele Aufträge. "Um Kapazitäten für das Militär freizuschaufeln", schreibt Ulrike Herrmann, "musste der private Konsum beschnitten und gelenkt werden. Das NS-Regime benötigte daher Informationen über das Verbraucherverhalten - und versah das IWF regelmäßig mit neuen Forschungsaufträgen." Gleich nach Kriegsende hat Ludwig Erhard sich als Widerstandskämpfer bei den amerikanischen Besatzungsoffizieren angedient. Sie glaubten ihm, machten ihn 1945 zum bayerischen Wirtschaftsminister. Er war zwar glücklos, aber das machte nichts. 1949 wurde er Bundeswirtschaftsminister.

Berühmt wurde er, weil die Mär umging, er habe die D-Mark eingeführt. In der Wirklichkeit haben das die Vereinigten Staaten, die damals von klugen Leuten geführt wurden, geplant und gemacht. Beliebt wurde Erhard wegen des deutschen "Wirtschaftswunders". Aber das war nicht sein Verdienst. Die meisten westeuropäischen Länder florierten nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Anstoß gab der US-amerikanische Marshall-Plan, der Abermillionen Dollar nach Westeuropa brachte. Und als die USA sich in den Konflikt in Korea militärisch einmischten, flossen weitere Dollar. Die USA erwarben in Europa Güter, die sie in Korea brauchten. Aus US-Sicht hat der Krieg das gewünschte Ergebnis nicht gebracht, er war aber sehr teuer, er stimulierte die deutsche Exportwirtschaft. Erhard als Wirtschaftsminister war - abermals - Profiteur eines Kriegs.

Mit den Bundesbankern, sagte Helmut Schmidt, wolle er sich nicht anlegen

Erhards Reden von der "sozialen Marktwirtschaft" war, wie Ulrike Herrmann erläutert, eine rhetorische Finte: "Die 'soziale Marktwirtschaft' strebte nämlich mitnichten eine ausgebaute Sozialpolitik an, sondern behauptete im Gegenteil, dass der freie Markt an sich schon sozial sei." Über Erhards Grab wölbt sich die Meinung, die deutsche Mark müsse stark sein. Das "Wirtschaftswunder" und die harte D-Mark: Beides machte die Westdeutschen selbstbewusst. Als Garant für die harte Währung stand die Bundesbank. Sie wurde gegründet als von der Politik unabhängige Institution - eine Rarität in Westeuropa. Die fürchterliche Geldentwertung Anfang der 1920er-Jahre, der Börsencrash 1929 und dann die umstandslose Abschaffung der Reichsmark 1948 - vom Krieg gar nicht zu reden - hatten die Deutschen furchtsam gemacht. Nie wieder wollten sie ihr Erspartes entwertet sehen.

Die Bundesbank, 1957 gegründet, wurde nachgerade vergöttert. Bundeskanzler Helmut Schmidt, wahrlich kein Weichei, hat seinerzeit gesagt: Mit den Bundesbankern wolle er sich nicht anlegen, das würden die Wähler nicht mitmachen. Anlass hätte er gehabt. Herrmann zeigt, dass die Bundesbank zwar für Geldwertstabilität sorgte, nicht aber für wirtschaftliche Stabilität: "In Wahrheit haben die Frankfurter Notenbanker mehrfach schwere Wirtschaftskrisen ausgelöst, indem sie die Zinsen nach oben trieben und Kredite abstrus verteuerten. (...) Selbst die deutsche Einheit wurde von der Bundesbank torpediert, indem sie die Zinsen nach oben schraubte." Der Regimewechsel in Iran 1979 irritierte die Welt. Öl und andere Rohstoffe wurden teurer. Die Bundesbank zog die Zinsen an, um einer Inflation vorzubeugen. Herrmann zitiert einen Bundesbanker: Inflationen müsse man ebenso bekämpfen wie Diktaturen und im Keim ersticken. Das nimmt sie - und es leuchtet ein - als Zeichen für Selbstüberschätzung und Weltfremdheit. Nicht bloß die FDP, die die sozialliberale Koalition verließ, auch das Verhalten der Bundesbank hat Helmut Schmidt 1982 sein Amt gekostet.

Ulrike Herrmann hat ihr Buch für alle geschrieben, nicht bloß für Professoren. Ein junger Mann namens Arne Schaub, von Beruf Fliesenleger, noch in der DDR zur Welt gekommen, hat mit der Lektüre des Buchs begonnen, obgleich er nach eines langen Tages Mühen eigentlich müde war. Einen Tag später sagte er: "Ich bin baff. Ich lese jetzt weiter." Diese Worte von Arne Schaub sind das schönste Kompliment für das Buch von Ulrike Herrmann.

© SZ vom 11.10.2019
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