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Klimawandel:Angst vor dem Klimawandel

Illustration: Stefan Dimitrov

Experten rechnen mit kürzer laufenden Policen, da Wetterextreme zunehmen und sich schnell verändern können. Die Risiken verschärfen sich dadurch.

Von Anna Gentrup

In der Rekordhitze 2018 war im Rhein kein Durchkommen mehr. Der Pegelstand des Flusses war so stark gesunken, dass der wichtige Transportweg für Frachtschiffe unpassierbar wurde. In diesem Sommer stand das niedersächsische Atomkraftwerk Grohnde kurz vor der Notabschaltung, da das Kühlwasser aus der Weser zu warm zu werden drohte. Im In- und Ausland tünchen bereits Bahngesellschaften testweise Gleisabschnitte weiß, um Hitzeschäden vorzubeugen. Mit extremen Hitzeperioden, Unwettern und steigenden Meeresspiegeln hat der Klimawandel dramatische Folgen für die Natur - und auch die Industrie spürt den Umbruch heftig. Bei Konzernen sorgen Wetterextreme oftmals für Millionenschäden.

Der Chemiekonzern BASF verzeichnete 2018 durch den Engpass im Rhein Gewinneinbußen von 250 Millionen Euro. Der Konzern bezieht Kühl- und Brauchwasser aus dem Fluss und transportiert darüber Waren. Ein BASF-Werk liegt in Ludwigshafen. "Wir arbeiten daran, den BASF-Standort am Rhein robuster gegen extreme Klimazustände und ihre Folgen aufzustellen", sagt Patrick Fiedler, Senior Vice President bei BASF. Ein Frühwarnsystem soll vor Niedrigwasser warnen. Der Konzern entwickelt außerdem eigene Schiffe, die besonders gut für extremes Niedrigwasser geeignet sein sollen.

Unternehmen müssen ganz besonders auf sichere Standorte achten

Konzerne wie BASF müssen ihre Standorte sorgsam wählen. "Beim geplanten neuen Verbundstandort von BASF in China mit insgesamt zehn Milliarden Dollar Investitionsvolumen ist eine zentrale Frage, welche Landaufschüttungen notwendig sind, um den Standort vor Überflutungen zu sichern", erläutert Fiedler. Zugleich muss der Konzern sicherstellen, dass bei neuen Werken immer ausreichend Wasser für die Produktion verfügbar ist. Die Klimaveränderungen stellen Konzerne bei der Versicherung ihrer Anlagen und Prozesse vor große Herausforderungen. "Wir haben vergangenes Jahr in der Rheinschifffahrt gesehen, wie sehr die Lieferkette unter Druck kommt wenn Schiffe Produkte oder Rohstoffe nicht mehr transportieren können," sagt Thomas Olaynig, Geschäftsführer beim Großmakler Marsh. "Niedrigwasserdeckungen sind definitiv ein Thema."

Wasser für die Wüste: Die Produktion muss weiterlaufen

Eine Gefahr sind auch zu hohe Wasserpegel. "Zu unseren Kunden gehören auch Unternehmen, die küstennah produzieren", sagt Markus Groth, Leiter der Risikoberatung Marsh Risk Consulting. "Sie beschäftigen sich verständlicherweise schon mit der Frage, ob sie angesichts des steigenden Meeresspiegels ihre Produktionsstätten perspektivisch umsiedeln sollten und wenn ja, wohin." Ein solcher Umbau ist mit hohen Investitionen verbunden.

"Ich kann nicht genug betonen, dass sich Unternehmen auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten müssen", sagt Eugenie Molyneux, Chief Risk Officer Commercial Insurance des Versicherers Zurich und ergänzt: "Sie müssen jetzt handeln!" Einige Branchen seien sich der Klimarisiken sehr bewusst und gingen sie an. Molyneux berichtet von einer chilenischen Bergbaugesellschaft, die vorsorglich an der Küste eine eigene Wasser-Entsalzungsanlage gebaut hat, um die Produktion gegen Wasserknappheit abzusichern. Die Anlage beliefert eine wüstennahe Mine mit Süßwasser, um dort das geschürfte Rohmaterial auszuwaschen.

"Der Klimawandel wird bestehende und uns bekannte Risiken verschärfen", erwartet Makler Groth. Beispielsweise steigt das Risiko, dass Hersteller Produkte zurückrufen müssen, weil sie bei deutlich höheren Außentemperaturen nicht funktionieren. Zugleich wächst das Risiko von Betriebsunterbrechungen. "Man muss permanent mit den Kunden darüber sprechen, wie sich ihr Geschäftsmodell und damit auch ihre Risiken weiterentwickeln", sagt Olaynig.

Konzerne müssen die Gefahren genau kennen, um sie über ihr Risikomanagement und mithilfe von Versicherungen abzusichern. Neue Technologien spielen dabei eine wichtige Rolle. "Es wird für Unternehmen immer wichtiger zu wissen, wann sie eigentlich wo welche Werte und Produkte haben und ob sie im gewünschten Zustand sind", sagt Olaynig. Sensoren an Containern und Transportfahrzeugen können Daten für ein Echtzeit-Risikomanagement generieren. Die Informationen lassen sich mit Wetterdaten kombinieren. So können Hersteller rechtzeitig erkennen, wenn eine Lieferung unterwegs von einem Orkan getroffen werden könnte.

Der Klimawandel wird auch die Versicherungsangebote beeinflussen, erwartet der Makler Marsh. "Vorstellbar ist, dass in einigen Bereichen vermutlich weniger Bedarf an Versicherungsprodukten bestehen wird, die über längere Zeiträume von zwei bis fünf Jahren abgeschlossen werden", sagt Risikoexperte Groth. "Wenn sich das Wetter schneller und heftiger verändert, werden wir vermutlich Versicherungslösungen sehen, die Kunden für kürzere Zeiträume nutzen werden." Das könnten Policen sein, die Landwirte für eine zweimonatige Erntezeit abschließen.

Versicherer kündigen Kunden, die mit fossilen Brennstoffen arbeiten

Mit Sorge beobachten Makler und Kunden, dass sich immer mehr Versicherer abrupt aus klimaschädlichen Bereichen wie der Kohle zurückziehen. "Ich wünsche mir im Interesse der Kunden, dass es keinen sofortigen Ausstieg aus jedweder Deckung, beispielsweise für Kohlekraftwerke gibt", sagt Makler Olaynig. Er rät zum Dialog. "Die Kunden sind natürlich auf dem Weg zu erneuerbaren Energien, aber momentan gibt es nun mal noch Kohlekraftwerke."Das richtige Maß sei entscheidend.

Der Versicherer Zurich will seine Industriekunden zu mehr Klimaschutz bewegen. "Unternehmen, die sich bemühen, von treibhausgasintensiven fossilen Brennstoffen wegzukommen, werden dafür belohnt", sagt Risikoexpertin Molyneux. "Wenn sie einen detaillierten Umstiegsplan vorlegen, bekommen sie bei der Versicherung keine Probleme", sagt sie. Andernfalls muss sich der Kunde jedoch nach einem Anbieter umsehen. "Wenn sie keinen solchen Plan haben, erleichtern wir ihnen den Wechsel zu einem alternativen Versicherer", sagt Molyneux.

© SZ vom 29.08.2019
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