bedeckt München 24°

Interview mit Debeka-Chef:"Wir haben keinen Mitarbeiter zu viel"

Thomas Brahm, 55, ist gelernter Versicherungskaufmann. In der Freizeit setzt er sich gern auf seine Harley Davidson.

(Foto: Debeka)

Debeka-Chef Thomas Brahm über die Chancen und Folgen der Digitalisierung - und über Beamte in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Thomas Brahm kennt den Debeka-Konzern wie kaum ein anderer. Er arbeitet seit 1982 bei dem Koblenzer Unternehmen, das mit 2,4 Millionen Vollversicherten der größte private Krankenversicherer (PKV) ist. Brahm ist seit Juli 2018 Vorstandschef. Digitalisierung und Automatisierung verändern die Debeka. Doch anders als Rivalen plant er keinen Personalabbau.

SZ: Herr Brahm, die Versicherungswirtschaft wird digital. Man hat den Eindruck, Sie hinken etwas hinterher. Kann man bei der Debeka irgendeinen Vertrag online abschließen?

Ja, das kann man inzwischen. In diesen Tagen geht mit der Auslandsreisekrankenversicherung unser erster Online-Abschluss an den Start. Aber ich bezweifle, dass das der große Hype wird.

Ist der Online-Abschluss auch in der Krankenvollversicherung möglich?

Nein, in der Zusatzversicherung auch nicht. Bei allen Produkten, für die Menschen ausführliche Beratung brauchen, sehen wir keine Online-Abschlüsse vor.

Könnte die Zurückhaltung auch daran liegen, dass Ihre IT veraltet ist?

Davon kann keine Rede sein. Es stimmt, wir sind ein sehr großes Unternehmen und haben ein sehr großes Volumen auf unseren EDV-Systemen. Wir haben eine gewachsene IT-Welt, die wir selbst gebaut haben. Sie wird jetzt durch eine neue Welt ergänzt und auf Dauer ersetzt.

In welchem Zustand ist die IT der Krankenversicherung?

Das System ist leistungsfähig und stark automatisiert. Immerhin laufen dort jeden Tag mehr als 250 000 Rechnungen durch. Die Herausforderung besteht darin, es mit unserem neuen Gesundheitsportal "Meine Gesundheit" zu vernetzen, zu dem künftig unsere vollversicherten Mitglieder Zugang haben werden.

Was kann der Debeka-Kunde mit "Meine Gesundheit" machen?

Er kann Rechnungen einlesen, einreichen und den Bearbeitungsstand überprüfen. Ziel ist die volldigitalisierte Abrechnung.

Das machen doch viele. Reicht das?

Der entscheidende Punkt kommt noch. Wir wollen mit "Meine Gesundheit" die Rechnungsabwicklung für Beamte vereinfachen. Er soll seine Rechnungen nur einmal hochladen und dann entscheiden können, ob er sie an seine Versicherung, an die staatliche Beihilfe oder an beide schickt. Und wir wollen uns als Gesundheitsdienstleister positionieren. Wir müssen den Kunden zeigen, was wir für sie tun können, beispielsweise mit Gesundheitsprogrammen bei bestimmten Krankheiten.

Wollen Sie den Versicherten sagen, dieser Arzt ist gut und der andere ist schlecht?

Das dürfen wir nicht. Aber wir können sie gezielt auf Programme hinweisen, bei denen wir mit den Ärzten kooperieren, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben.

Sie arbeiten bei dem Portal mit anderen Versicherungen zusammen: Axa, Versicherungskammer Bayern und HUK-Coburg. Ist das ein neuer Trend in der PKV?

Kooperationen sind vielversprechend, wenn es darum geht, als Gesundheitsdienstleister anzutreten. Gerade wenn solche Projekte gut laufen, sagen wahrscheinlich immer mehr Unternehmen: Ich kriege das allein nicht hin, es macht Sinn, sich mit anderen zusammenzuschließen, auch um Entwicklungskosten kleinzuhalten.

Wie viele der 16 000 Mitarbeiter werden durch die Digitalisierung überflüssig?

Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter zu viel. In der Krankenversicherung haben wir gemessen am Beitragsvolumen rund ein Drittel weniger als vergleichbare Anbieter. Das heißt, unsere Mitarbeiter haben eine hohe Produktivität. Die Frage ist, wie sich das durch die Digitalisierung ändert.

Wie meinen Sie das?

Durch die automatische Verarbeitung von Anträgen oder die digitale Rechnungsbearbeitung werden wir weniger Leistungssachbearbeiter benötigen. Diese Mitarbeiter bilden wir gezielt aus, um sie beispielsweise in unseren Service-Centern einzusetzen, denn dort steigt der Bedarf.

Wohin wird sich die Beschäftigtenzahl entwickeln?

Wir werden im Innendienst tendenziell schrumpfen, aber die Zahl der Außendienstmitarbeiter halten, wenn nicht sogar ausbauen.

Sie sind in einer Branche tätig, die ständig unter politischem Druck steht. SPD und Grüne wollen die PKV abschaffen und eine Bürgerversicherung einführen. Herrscht da gerade eher Ruhe?

Beim Grundsatzthema Bürgerversicherung ist es im Moment relativ ruhig. Aber es gibt eine Reihe von anderen Entwicklungen, die geeignet sind, der PKV das Wasser abzugraben und dann doch den Weg in Richtung Bürgerversicherung zu weisen.

Zum Beispiel?

Uns beunruhigt das Hamburger Modell, das Beamten, die gesetzlich versichert sind, und neuen Beamten die Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung gibt. Auch andere Bundesländer denken über das Konzept nach.

Bislang sind die Beamten ja fast alle bei der PKV. Jetzt sagt der Hamburger Senat, mehr als 1000 Betroffene hätten sich für die gesetzliche Kasse und gegen die PKV entschieden. Was sind Ihre Erfahrungen?

Wir haben im vergangenen Jahr in Hamburg 15 Prozent mehr Beamtenanwärter versichert als 2017. Das wundert mich auch nicht. Die staatliche Beihilfe, die durch die PKV ergänzt wird, ist ein wesentlicher Vorteil für den Beamten und seine Familie.

Und die 1000, die gewechselt haben?

Das sind fast alles Beamte, die schon seit Jahren in der GKV sind und sich jetzt zusätzlich für die sogenannte pauschale Beihilfe, eine Art Arbeitgeberzuschuss, entschieden haben.

Kann es für einen Beamten mit niedrigem Einkommen nicht günstiger sein, sich gesetzlich zu versichern, gerade wenn er Kinder hat?

Ich kann den Beitrag, den jemand in der gesetzlichen Familienversicherung zahlt, nicht mit dem in der PKV vergleichen. Denn es kommen in der GKV noch die Zuzahlungen hinzu. Wer eine kieferorthopädische Behandlung für sein Kind zahlen muss, hat den Beitragsunterschied für zwei Jahre schon wieder raus.