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Internet-Konzerne:Zwei Extreme

Twitter-Chef Dorsey will auf politische Werbung verzichten, Facebook-Gründer Zuckerberg nicht. Er verteidigt die gegensätzliche Strategie. Mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung hat das aber wenig zu tun.

Bevor es um den Inhalt dieser Botschaft geht, sollte unbedingt geklärt werden, ob Jack Dorsey sie an die 4,3 Millionen Follower seines Twitter-Accounts geschickt hat. Der Gründer des sozialen Netzwerks, der die Firma mittlerweile auch wieder leitet, wusste freilich, dass sich diese Botschaft über Likes und Retweets verbreiten würde, an möglichst viele der 321 Millionen monatlich aktiven Nutzer weltweit. Und er wusste, dass über Berichterstattung in den Mainstream-Medien noch viel mehr Menschen davon erfahren dürften. Letztlich jedoch war sie nur an einen gerichtet: an Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

Das beschreibt die Funktionalität und das Geschäftsprinzip von Twitter recht deutlich: Das Unternehmen setzt auf massenhafte Verbreitung von Themen, deshalb gibt es Hashtags, Trend-Funktion und Momente-Bereich. "Trending" kann vieles sein: eine politische Debatte, der Tod eines Prominenten, gehässige Bild-Kompositionen über Gescheiterte (sogenannte Memes über sogenannte Epic Fails) oder auch ein Video, in dem Heidi Klum von mehreren Assistenten in ein Halloween-Kostüm gestopft wird.

Dorsey hat Zuckerberg in seiner Botschaft nicht explizit erwähnt, der letzte Eintrag von dessen Twitter-Account (@finkd) stammt ohnehin vom Januar 2012 und lautet, kein Witz: "Sagt euren Abgeordneten, dass ihr pro Internet seid." Nun wird es interessant, denn Dorsey schrieb: "Wir haben uns entschieden, sämtliche politische Werbung auf Twitter weltweit zu stoppen." Es ist, als hätte er seine Botschaft in einen riesigen Saal voller Leute gerufen in der Gewissheit, dass die hinauseilen und die Abwesenden darüber informieren werden.

Die wirklich entlarvende Botschaft lieferte er durch das, was er nicht sagte

Zuckerberg hat diese Botschaft nicht gleich gesehen - auch deshalb, weil er zu diesem Zeitpunkt die gegensätzliche Strategie von Facebook verteidigte. "Einige Leute werfen uns vor, dass wir das erlauben, weil wir möglichst viel Geld verdienen wollen - das stimmt nicht", sagte er während eines Telefonats mit Journalisten und Experten anlässlich der Quartalszahlen. Politische Werbeanzeigen machten weniger als 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes aus. "Ich glaube einfach nicht, dass es sich für private Unternehmen geziemt, Politiker zu zensieren", sagte Zuckerberg.

Und das beschreibt das Geschäftsprinzip von Facebook: Das Unternehmen setzt auf zielgenaue Werbung, deshalb will es möglichst viel über seine Nutzer erfahren. Bier-Trinker sollen Bier-Werbung sehen, unentschlossene Wähler sollen überzeugt werden, und die Heidi-Klum-Selbstinszenierung soll möglichst niemand sehen, der das doof findet. Das ist die berüchtigte Filterblase, beim Zuckerberg-Telefonat ist es ähnlich: Er erklärt die Strategie einigen wenigen, die sollen seine Ausführungen so interpretieren, wie er das gerne hätte - dass er ein Verfechter der freien Meinungsäußerung ist.

Das Wahlkampf-Team von Donald Trump hat auf die Botschaft von Dorsey reagiert und gesagt, dass das Unternehmen dadurch bis zur Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr etwa zehn Millionen Dollar weniger einnehmen werde. Bei Facebook investiert das Strategie-Team deutlich mehr, allein in diesem Jahr bereits 13,7 Millionen Dollar. Es ist, vereinfacht ausgedrückt, so: Bei Twitter plärrt Trump seinen 66,4 Millionen Abonnenten seine (oftmals falschen) Botschaften zu, auf Facebook nimmt das Wahlkampf-Team die Nutzer gezielt und einzeln beiseite und sagt: "Guck' mal, wie das wirklich läuft in der Welt - deshalb solltest du für Trump stimmen."

Die Botschaften mögen ähnlich sein, sie werden jedoch anders formuliert und verbreitet. Kandidaten der Demokraten haben bisher in diesem Jahr insgesamt 32 Millionen Dollar bei Facebook investiert. Elizabeth Warren zum Beispiel schaltete eine Anzeige, in der sie behauptete, Zuckerberg unterstütze Trump - um zu zeigen, wie absurd die Facebook-Regelung ist. Zuckerberg tut so, als wolle er sich aus politischen Konflikten raushalten. Nur: Wer sich aus Konflikten raushält, der sorgt durch Untätigkeit dafür, dass nicht der gewinnt, der richtig liegt, sondern der, der dem anderen kräftiger aufs Maul hauen kann.

Es wäre einfach, Dorsey als jemanden hinzustellen, der mit einem machiavellistischen Eintrag dem Bösewicht Zuckerberg mal gezeigt hat, wie ein Silicon-Valley-Chef handeln muss, wenn er seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden will. Nur: Es wäre zu einfach. Twitter ist nicht das einzige und auch nicht das erste soziale Netzwerk, das politische Werbung verbietet, Linkedin, Pinterest und Tiktok verfahren ebenso. Zudem verdient Twitter mit diesen Anzeigen nur einen Bruchteil dessen, was Facebook einnimmt: Finanzchef Ned Segal teilte seinen 9817 Followern am Donnerstag mit, dass es anlässlich der US-Midterms im vergangenen Jahr insgesamt weniger als drei Millionen Dollar gewesen seien.

"Es gibt zwei extreme Positionen. Facebook sagt: Alles geht. Twitter dagegen: Nichts geht", sagt Daniel Kreiss, Professor für politische Kommunikation an der University of North Carolina: "Es muss einen Mittelweg geben: Warum erlauben wir nicht politische Anzeigen, verzichten jedoch auf das extreme Targeting?" Also: Warum erlaubt Facebook seinen Werbekunden, anhand der Datenanalyse perfekt zugeschnittene Anzeigen zu schalten und (oftmals falsche) Botschaften zu verbreiten?

Ein Verzicht darauf würde heftig ins Geschäftsmodell von Facebook eingreifen. Die wirklich entlarvende Botschaft lieferte Zuckerberg am Donnerstag deshalb mit dem, was er nicht sagte. Er ließ sich wie immer eine Tür offen, seine Haltung zu ändern: "Ich habe darüber nachgedacht, diese Anzeigen nicht zuzulassen, und ich werde weiterhin darüber nachdenken." Er sagte jedoch kein Wort darüber, dass er die wahren Probleme - die Analyse und Monetarisierung der Daten - bald und konsequent angehen wolle. So lange er das nicht tut, ist völlig klar, dass es ihm weniger um das Recht auf freie Meinungsäußerung geht als vielmehr um die Einnahmen für sein Unternehmen.

© SZ vom 02.11.2019
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