Insolvenz:Überholt

Die Deutsche Touring ist der Pionier bei den Fernreise-Bussen, in den Fünfzigerjahren rollten die Deutschen mit ihnen in den Urlaub. Jetzt versucht der Insolvenzverwalter zu retten, was noch zu retten ist.

Von Michael Kuntz

Die Deutsche Touring war ein Stück Inventar im Wirtschaftswunder-Land. Als die meisten Menschen noch vollauf damit beschäftigt waren, ihren Alltag zuhause wieder in den Griff bekommen, da rollten ihre Reisebusse in den frühen Fünfzigerjahren schon zu den schönsten Zielen in Europa. Und es waren schöne Reisebusse, auch nach heutigen Maßstäben. Omnibusse mit abgerundeten Karosserien und gläsernen Dächern zum Beispiel.

1959 gewann die Deutsche Touring die Coach Rally in Brighton, und 1967 verbreiteten in den Fernbussen Stewardessen das Gefühl, an Bord eines Verkehrsmittels zu reisen, das sich zwar nicht so schnell bewegt, jedoch mindestens so komfortabel ist wie ein Flugzeug. Für 888 Mark mit Halbpension ging es drei Wochen lang auf die "große Spanienreise". Viele Jahre spielten Urlaubsreisen mit dem Bus eine große Rolle, hinzu kamen die Heimreisen der ersten Gastarbeiter-Generation.

Das alles ist Geschichte, wenn auch eine schöne. Heute ist Europa Flixbus-Land, und es ist für eine Traditionsfirma schwierig, gegen die Kampfpreise zu bestehen, mit denen die Berlin/Münchner Online-Busvermittlung namens Flixbus erst mehrere Anbieter vom 2013 liberalisierten deutschen Fernbusmarkt gefegt hat und nun den Kontinent erobert. Flixbus verbindet 1000 Ziele in 20 Ländern, das sind schon bereits deutlich mehr als die 700 Orte in 32 Ländern, die von Eurolines Reisebussen angesteuert werden, dem Verbund europäischer Busunternehmen, zu denen die Deutsche Touring zählt.

Dabei führt die längste Route von Moskau nach Lissabon, 4500 Kilometer lang. Doch helfen bald 70 Jahre Tradition heute auch nicht mehr. Das Unternehmen befindet sich seit Anfang April auf der Intensivstation des Insolvenzverwalters, Ausgang offen.

Für 888 Mark ging es drei Wochen auf "große Spanienreise". Auch Stewardessen waren an Board, im Bus der Touring.

Zunächst die guten Nachrichten: Die Tochtergesellschaften in Kroatien, Serbien und Tschechien sind vom Insolvenzverfahren am Stammsitz in Eschborn bei Frankfurt am Main nicht betroffen. Löhne, Gehälter und Sozialversicherungsbeiträge wurden für den März noch gezahlt. Drei Monate springt nun die Arbeitsverwaltung ein. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, auch an den zwei von der Deutschen Touring gemanagten Busbahnhöfen in Stuttgart und Hannover.

Die weniger guten Nachrichten: Zwar habe man mit den Omnibus-Partnern die reibungslose Fortführung "einer Vielzahl von Buslinien" sichergestellt. "Allerdings sind die Rahmenbedingungen für eine auf Dauer angelegte Sanierung im Insolvenzverfahren sehr schwierig", sagt Insolvenzverwalter Miguel Grosser von der auf Unternehmen in Schwierigkeiten spezialisierten Kanzlei Jaffe. "Wir haben jedoch bereits erste Kontakte zu potenziellen Interessenten aufgenommen", sagt er. Zu denen könnte nach Einschätzung von Branchenexperten auch Flixbus gehören, dem Start-up, hinter dem inzwischen mächtige Finanzinvestoren stehen. Flixbus ist geübt darin, sich von lästigen Wettbewerbern erfolgreich zu befreien.

Flixbus hat erst mit Mein Fernbus fusioniert und zuletzt zwei Konkurrenzangebote vom Markt in Deutschland gekauft, die eher braven Postbusse, die zusammen mit dem ADAC und hochmodernen Fahrzeugen voller Sicherheits-Extras gestartet waren. Und den Discounter National aus Schottland, der die ohnehin schon knapp kalkulierende Branche mit Ein-Euro-Angeboten nervte. Flixbus beherrscht aktuell den Markt in Deutschland zu mehr als 90 Prozent, gemessen an Fahrplan-Kilometern. Die Bahn zog sich von selbst zurück aus dem preisaggressiven Fernbusgeschäft. Die Deutsche Touring hatte noch Ende Februar eine Kooperation mit DeinBus.de verkündet, die beiden Partner sind nun zwar die Nummer zwei hinter Flixbus, doch auch zusammen kommen sie nur auf etwa drei Prozent Marktanteil.

Flixbus will demnächst in Dänemark und Schweden nationale Netze aufbauen und in ein bis zwei Jahren die östlichen Nachbarländer Deutschlands erschließen. Bremsen in seinem Expansionsdrang könnte den Flixbus-Geschäftsführer Andre Schwämmlein allenfalls eine Maut. Dann müsse er Strecken einstellen, sagte er diese Woche zur Bundeswirtschaftsministerin bei deren Besuch in der Berliner Flixbus-Zentrale. Brigitte Zypries konterte kühl: "Die Lkw-Speditionen haben auch überlebt."

Maut hin oder her - ums Überleben dürfte es für Flixbus nicht mehr gehen, für andere schon, siehe Deutsche Touring. So richtig vermisst werden würde die Touring wohl von wenigen, zumal die meisten Jüngeren sie vermutlich überhaupt nicht mehr kennen. Das Unternehmen in der Insolvenz hat gerade mal noch 123 Mitarbeiter und setzte inklusive Tochterfirmen 42,8 Millionen Euro um. Damit ist der Pionier auf etwa ein Zehntel der Größe des heutigen Marktführers geschrumpft - wenn das nicht schaurig disruptiv ist.

© SZ vom 13.04.2017
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