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Hochfrequenzhandel in der Kritik:Maschinen regieren die Börse

Der Hochfrequenzhandel an den Börsen boomt: Experten gehen davon aus, dass mittlerweile mehr als 70 Prozent des amerikanischen Aktienhandels von Computern gesteuert werden. Doch die Finanzkrise bringt die Handelscomputer an ihre Grenzen und lässt Hedgefonds an den Algortihmen zweifeln.

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New York Stock Exchange

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Der Hochfrequenzhandel an den Börsen boomt: Experten gehen davon aus, dass mittlerweile mehr als 70 Prozent des amerikanischen Aktienhandels von Computern gesteuert werden. Doch die Finanzkrise bringt die Handelscomputer an ihre Grenzen und lässt Hedgefonds an den Algortihmen zweifeln.

Jetzt sind sie nicht mal mehr den Hedgefonds geheuer: An der Börse haben Computerprogramme die Macht übernommen. Ein paar Zeilen Code, sogenannte Algorithmen, bewegen Milliardensummen. Die Handelscomputer arbeiten extrem schnell, ihre Käufe und Verkäufe rasen mit bis zu 200 Kilometern pro Millisekunde durch die Leitungen. Und die Firmen dahinter wollen ausbauen: "Die Grenze, die die Lichtgeschwindigkeit setzt, fängt an mich zu nerven", sagte der Chef eines solchen Unternehmens. Doch die Kritik am sogenannten Hochfrequenzhandel wächst.

QuoteTrade

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Hochfrequenzhandel in der Kritik:Hochfrequenzhandel Computer Börse Crash Finanzkrise

Der Börsendienstleister Nanex hat sehenswert ermittelt, wie stark die Macht der Maschinen zugenommen hat. Oben rechts zeigt die Farbskala den Zeitverlauf, von 2008 in Lila bis 2012 in Rot. Diese Grafik erklärt ein entscheidendes Detail: Nicht der tatsächliche Handel ist stark angestiegen (rechte Spalte), sondern die Quotierung (linke Spalte). Bei einer Quotierung fragt beispielsweise ein potenzieller Käufer einen Verkäufer, welchen Preis er sich vorstelle - oder umgekehrt. Die Algorithmen versuchen hier kleinste Unterschiede zu finden und sie sofort auszunutzen. Ein Cent-Bruchteil als Gewinn in einer Millisekunde: Auf den Tag addiert ergibt das eine ansehnliche Rendite. Durch die Suche nach solchen Fällen bringen die Algorithmen viel Lärm in den Markt. Für die anderen Händler ist das wie Spam, sagt Nanex: Es kostet Zeit und Geld, den Müll vom echten Handel zu trennen.

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In einer zweiten Grafik hat Nanex den Aufstieg der Algorithmen im zeitlichen Verlauf dargestellt. Unten links steht das Datum, die Farbskala oben rechts unterscheidet verschiedene Börsen. Unten sieht man die Uhrzeiten eines Arbeitstags. Dieses Bild zeigt 2007 - noch ist alles ruhig.

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Im Jahr 2008 passiert etwas: Zu Beginn und zum Ende des Handelstags ist viel Bewegung im Markt, die Zahl der Käufe, Verkäufe und Quotierungen steigt deutlich. Tagsüber entspannt sich die Situation wieder.

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Im September 2008 kollabiert die US-Bank Lehman Brothers - ein Schock für die Finanzwelt. Auch die Algorithmen werden nervöser. Die Hochfrequenzhändler nehmen ihre Arbeit auch zur Tagesmitte auf.

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Im Folgejahr 2009 nimmt das Grundrauschen ab. Doch so ruhig wie 2007 wird es nicht mehr. Immer wieder lassen nervöse Zuckungen den Chart an einzelnen Tagen ausschlagen.

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2010 kommen die Algorithmen mit Tempo zurück. Ihr Anteil am Börsenhandel übersteigt in den USA jetzt 50 Prozent. Der Crash ist nah.

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Am 6. Mai 2010 ist es so weit. Plötzlich und ohne Grund fallen die Kurse des Dow Jones ins Bodenlose - so stark wie noch nie. Schon einige Minuten später fängt sich die Börse wieder. Hier das Bild der Nanex-Analyse am Tag des Kurssturzes: Die weiße Linie zeigt, wie der Dow Jones um 14:42 Uhr und 43 Sekunden in die Tiefe rauscht. Die grün-lila Balken zeigen, wie extrem der Algorithmus-Handel anspringt, sobald die Kurse rutschen. Das verschärft die Krise.

"Auf manchen Handelsplätzen spielten sich Abnormalitäten ab, es wurden Tausende Angebote gleichzeitig zu einem irrwitzig geringen Preis gemacht", erklärt Eric Hunsader von Nanex damals im Süddeutsche.de-Interview. "Plötzlich gab es auf unterschiedlichen Plattformen unterschiedliche Preise, was manche Algorithmen automatisch ausnutzten."

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Trotz des Crashs im Mai 2010 legt der Computerhandel weiter enorm zu. Hier eine Bestandsaufnahme aus dem November 2011.

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Bisher ist auch 2012 ein Jahr der Algorithmen - wieder nicht ohne Pannen. Die US-Firma Knight Capital hat sich binnen 45 Minuten fast ruiniert, ein Algorithmus außer Kontrolle verzockte in der kurzen Zeit 440 Millionen Dollar.

Auf der Nanex-Seite gibt es diese Momentaufnahmen auch als sehr sehenswerte Animation. Der US-Blogger Felix Salmon schrieb, seitdem er das gesehen habe, sei er für eine Finanztransaktionsteuer. Sie könnte, so die Befürworter, Sand in die heißgelaufene Handelsmaschinerie streuen und die Maschinen bremsen.

Genauso liest sich auch ein Gesetzentwurf, den das Bundesfinanzministerium im Sommer 2012 vorgelegt hat. Er soll die Quotierungen eindämmen: Praktiken, die den Handel stören, verzögern oder tauschen sollen als Marktmanipulation geahndet werden.

Linktipps: Der Frankfurter SZ-Korrespondent Markus Zydra kommentiert, warum Hochfrequenzhandel schädlich ist: Sie haben mit der ursrpünglichen Idee der Börsen nichts mehr zu tun. So sieht es auch Thomas Peterffy. Er hat in den 1980er Jahren als einer der Ersten einen Computer gebaut, der automatisch für ihn handelt. Heute macht ihm der Hochfrequenzhandel Sorgen. Der US-Radiosender NPR hat ihn interviewt.

© Süddeutsche.de/skes/luk

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