Hiba Albassir Tische aus Damaskus

Ein Paar verkauft in Berlin, was es aus dem Krieg in Syrien retten konnte. Damals wie heute verkaufen sie Möbel.

Von Pia Ratzesberger, Berlin

Alles, was sie hatten, lag noch immer in Damaskus. Die Tische aus Mahagoni, die hölzernen Stühle, all die Gartenmöbel, die europäische Diplomaten Hiba Albassir früher einmal so gerne abkauften. Als in Syrien noch keine Bomben fielen. Als Damaskus noch Albassirs Stadt war.

Im Winter vor zwei Jahren kam sie mit Ehemann und ihren beiden Kindern nach Berlin, ihre Möbelfabrik mussten die Kontingentflüchtlinge zurücklassen, ihr Geschäft und das Lager. Neben der Produktion von Gartenmöbeln hatte die Familie in Damaskus zudem einen Großhandel für Kleiderbügel. Nach einigen Monaten in Deutschland war klar: Sie werden auch hier wieder einen Laden eröffnen. Sie werden die Möbel aus der syrischen Hauptstadt retten, bevor sie jemand stiehlt oder sie in Flammen aufgehen.

Etwa ein Jahr nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik, im Winter 2014, fand das Ehepaar schließlich einen Spediteur, der die Reise auf sich nahm. Zwischen Weihnachten und Silvester transportierte er in einem 40 Kubikmeter großen Container die Zukunft der Albassirs durch das Landesinnere von Syrien, von Damaskus hinauf ans Meer, in die Hafenstadt Latakia. "Einer der gefährlichsten Wege, danach ist die Spedition ihn nicht mehr gefahren", sagt Hiba Albassir heute.

Die Möbel stehen mittlerweile in ihrem Geschäft in Berlin-Zehlendorf, Machnower Straße 8. Das Wort "Khashabna" prangt am Eingang. Übersetzt bedeutet das: "Unser Holz". "Hätten wir es nicht geschafft, das Startpaket aus Syrien herzuschaffen, wäre es schwierig geworden mit dem Laden." Während andere über zu viel Bürokratie und Deutschlands behäbige Ämter klagen, war für Albassir die Firmengründung noch das Einfachste. Eine halbe Stunde fülle man Papiere aus - "und dann hat man schon eine Firma".

Die Arbeitserlaubnis erhielten die Syrerin und ihr Mann schon kurz nach der Einreise. Ein Vorteil der Kontingentflüchtlinge, die zu dieser Zeit im Rahmen internationaler humanitärer Hilfsaktionen aufgenommen wurden und kein Asylverfahren durchlaufen mussten. Hiba Albassir sprach zudem schon sehr gut Deutsch, in den Neunzigerjahren hatte sie in Mainz eine Ausbildung zur Restauratorin gemacht. Diesen Beruf gab es in Syrien damals nicht. "Und heute gibt es in meinem Land sowieso nichts mehr zum Restaurieren", sagt Albassir und man hört an ihrer Stimme, wie sehr sie ob der Zerstörung in ihrem Land trauert. "Doch jetzt haben wir auch hier einen Fuß."

Viel schwieriger als die Firmengründung empfand Albassir in der Bundesrepublik das, was folgte: die Ladensuche etwa, denn jeder Vermieter verlangte einen Bescheid über das Einkommen.

Das aber hatten Albassir und ihr Mann nicht, das erste Geschäft in Berlin überließ ihnen nach vergeblicher Suche letztendlich eine Freundin. Charlottenburg, 75 Quadratmeter, eigentlich eine Galerie, dann ein Möbelgeschäft mit Tischen und Stühlen. "Aus Mahagoniholz, handgefertigt", fügt Albassir an. Sie ist stolz auf die Qualität der Möbel. Dass die Sachen bei den Berlinern gut ankommen werden, davon war die 47-Jährige von Beginn an überzeugt. Schließlich hätten schon in Damaskus vor allem Europäer bei ihr gekauft, "unser Stil war schon immer sehr modern, nicht orientalisch".

Etwa 800 bis 900 Euro koste ein großer Tisch in ihrem Laden, Gewinn mache sie mit "Khashabna" bisher aber noch keinen. Dazu sei es noch zu früh: Noch keine Stammkunden, noch nicht bekannt. In Syrien war das anders, in Damaskus kannten die Leute ihren Laden, er lag mitten in der Stadt.

Wenn man Albassir fragt, ob sie irgendwann zurückwolle, antwortet sie ohne einen Moment zu überlegen: "Unser Leben ist dort." Sie würde sofort zurückkehren, wenn der Krieg sie nicht abhalten würde - und sie weiß, dass noch viel Zeit vergehen wird, bis sich das ändern wird. Ihr Sohn und ihre Tochter gehen mittlerweile aufs Gymnasium, in die zehnte und in die achte Klasse. Die beiden würde sie nicht leichtfertig wieder aus der Schule nehmen, gerade jetzt, nachdem sie sich eingelebt haben. "Es ist nicht einfach, aus dem eigenen Land herausgerissen zu werden", sagt Albassir. Ihre Möbel haben sie und ihre Familie aus Damaskus retten können. Ihren Alltag aber nicht.