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Hans-Olaf Henkel im Interview:"Wir bräuchten mehr Wiedekings"

Porsche-Chef Wiedeking ist nicht an sich selbst gescheitert, sagt Ex-BDI-Präsident und Wiedeking-Weggefährte Hans-Olaf Henkel.

Hans von der Hagen

Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat ein Geschäft zu viel gemacht: Die Übernahme von VW ist ihm gründlich misslungen. Doch der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel erklärt ihn nicht zum Gescheiterten.

Wendelin Wiedeking und Michael Macht, dpa

Ex-Porsche Chef Wiedeking umarmt seinen Nachfolger Michael Macht.

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Wendelin Wiedeking war in den 17 Jahren als Porsche-Chef außerordentlich erfolgreich. Wollte er VW erobern, weil ihm langweilig geworden war? Oder war es pures Machtstreben?

Hans-Olaf Henkel: Was in ihm selbst vorgegangen ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe ihn immer als ganz normalen Menschen kennengelernt. Er ist weder an sich selbst gescheitert noch hat er die Bodenhaftung verloren wie der frühere Daimler-Chef Jürgen Schrempp.

sueddeutsche.de: Es ist einfach, das Chaos um Porsche allein den äußeren Umständen anzulasten. Hat der Erfolg Wiedeking blind für Risiken gemacht?

Henkel: Er hat vielleicht ein Geschäft zu viel gewagt. Doch als Wiedeking die Übernahme von VW in die Wege leitete, ist er noch als David gelobt worden - nicht nur von der Presse, sondern auch von den Banken, die das Geld zur Verfügung gestellt hatten. Die Finanzkrise war nicht erkennbar: Ich bin im Aufsichtsrat von Continental. Als wir VDO übernahmen, konnten wir auch nicht wissen, dass sich das Geschäft zu einer sehr teuren Übernahme entwickeln würde. Es war nicht vorhersehbar, dass die Banken, die sich ursprünglich darum gerissen hatten, uns das Geld für die Übernahme zu leihen, bald darauf sagten: "Wir würden eigentlich gerne unsere Kreditzusagen zurücknehmen." Alles, was jetzt als Versagen, Scheitern oder Verzocken bezeichnet wird, hat die Ursache nicht in Großmannssucht, sondern in der allgemeinen Fehleinschätzung der Situation.

sueddeutsche.de: Hat am Ende VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch dem Porsche-Lenker noch mehr zugesetzt als die Krise?

Henkel: Piëch ist jedenfalls der Schurke in diesem Theaterstück. Mir ist schleierhaft, wie sich Niedersachsens Landeschef Christian Wulff auf die Seite dieses Mannes schlagen konnte, unter dessen Regentschaft bei VW die Hartz-Orgie passierte und offenkundig SPD-Abgeordnete geschmiert wurden. Ich war sehr verwundert, dass sich ausgerechnet Wiedeking gegen seinen Mentor Piëch gewendet haben soll. Es dürfte eher umgekehrt gewesen sein. Es ist unvorstellbar, dass die Übernahme von Volkswagen ohne die Zustimmung von Piëch eingefädelt wurde. Wie ich Wiedeking kenne, wird er sich selbst heute sagen: "Hätte ich die Übernahme doch nicht angezettelt - wäre ich doch lieber David geblieben." Statt dessen ist er selbst Goliath geworden und stand einem anderen Goliath gegenüber: Ferdinand Piëch. Aber nicht der hat ihn zur Strecke gebracht, sondern die Umstände, die Piëch nur eiskalt ausgenutzt hat.

sueddeutsche.de: Zu Wiedekings 50. Geburtstag haben Sie in einem Buch geschrieben: "Oft, wenn man ganz oben steht, wenn man bewundert, gelobt und nachgeäfft wird, sät man schon die Saat des nächsten Misserfolgs." Warum hat es Wiedeking nicht geschafft, genau dem zu entrinnen?

Henkel: Ohne die Finanzkrise wäre ihm das gelungen und alle hätten gesagt: "Der ist ja der Allergrößte - was für ein genialer Schachzug." Ich habe den Satz geschrieben, weil ich zu oft erlebt habe, dass Kollegen immer dann scheiterten, wenn sie besonders großen Erfolg hatten. Wenn ich Aktien eines Unternehmens habe, dessen Chef gerade zum "Manager des Jahres" gewählt wurde, pflege ich sie sofort zu verkaufen. Aber das ist nicht nur ein Phänomen in der Wirtschaft. Es gilt genauso in der Politik, in der Kultur wie im Sport. Und ich habe diese Erfahrung auch selbst machen müssen. Fehler unterliefen mir immer dann, wenn ich zuvor gefeiert worden war. Es ist einfach eine Verlockung, sich dann selbst für den Größten zu halten.

sueddeutsche.de: Welche Eigenschaften charakterisieren den ehemaligen Porsche-Chef am besten?

Henkel: Menschen sind komplex und lassen sich nicht so einfach in Schubladen stecken. Ich sage nur so viel: Ich habe ihn als umgänglichen, angenehmen Menschen empfunden, der sich manchmal selbst am Ohr zupfen musste, um wirklich zu glauben, dass er das alles geschafft hat. Er war aber nicht einer, der sich sofort mit jedem verbrüdern wollte.

sueddeutsche.de: Wird Wiedeking sich jetzt eher zurückziehen, oder spornt ihn die Niederlage erst recht an?

Henkel: Ich bedaure es sehr, dass er der Industrie so früh verloren geht. Ich kann nur hoffen, dass er vor dem Hintergrund seiner finanziellen Unabhängigkeit etwas tut, was der Gesellschaft hilft und nicht nur privatisiert. Er hat viel Erfahrung und Energie, und es wäre gut, wenn er das weitergibt. Vielleicht mag er meine Rolle als Honorarprofessor an der Universität Mannheim übernehmen.

sueddeutsche.de: Ist er ein Mann für Opel?

Henkel: Das würde ich ihm nicht empfehlen. Opel ist nicht zu retten.

sueddeutsche.de: Mit vielen Äußerungen hat Wiedeking sich als Querdenker offenbart. War er ein Außenseiter in der deutschen Wirtschaft?

Henkel: Mir sind Geradeausdenker immer lieber als Querdenker, und zu denen zähle ich Wiedeking. Wenn er mit Blick auf BMW sagte: "Luxus und Stütze vertragen sich nicht", hat er sich vielleicht außerhalb der etablierten Automobilwelt bewegt. Er hat eben ein paar lockere Sprüche gemacht, daneben aber durchaus Bedenkenswertes von sich gegeben. Dazu gehört auch seine enorme Verpflichtung zur Qualität. Sein Erfolg verlieh ihm die Unabhängigkeit, frecher als andere zu sein. Die haben nicht viele. Der wahre Außenseiter heißt vielmehr Ferdinand Piëch.

sueddeutsche.de: Wiedeking hat so viel verdient wie kein anderer Manager in Deutschland. Trotzdem ist er nicht zum Symbol der Gier geworden. Woran liegt das?

Henkel: Weil er erfolgreich war. Manchmal muss man etwas gönnen können, wie die Kölner sagen. Und bei Wiedeking konnten die Leute das. Jetzt spendet er die Hälfte seiner Abfindung, die andere Hälfte bekommt Steinbrück, der damit Tausende Hartz-IV-Empfänger bezahlen kann. Wiedeking tut damit mehr gegen die Armut als jeder andere Manager in Deutschland. Und wo erleben Sie schon, dass ein Betriebsratsvorsitzender wie Uwe Hück von Porsche den Weggang des Chefs als "außerordentlich bedauerlich" bezeichnet. Die Mitarbeiter merken, wenn sich jemand nicht nur die Taschen füllt, sondern auch die Arbeitsplätze sichert. Es wäre schön, wenn wir mehr Wiedekings hätten.

© sueddeutsche.de/jja

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