Grüne und Linke:Gemeinsam gegen die Union

Die Grünen wollen aus der Flut kein Kapital schlagen und vermeiden es, von Verboten zu sprechen. Die Chefin der Linken wird da schon deutlicher, doch die wahren Gegner sind CDU und CSU.

Von Alexander Hagelüken

Die große Flut in Deutschland? Oliver Krischer nutzte die Frage vor einigen Tagen nicht, um herauszustellen, dass er es schon immer gewusst habe. Stattdessen sagte der Grünen-Politiker: "Dieses katastrophale Ereignis war für mich unvorstellbar." Selbst für ihn, der als Fraktionsvize im Bundestag die Themen Umwelt, Energie, Verkehr und Landwirtschaft koordiniert. Aber eben wie andere Klimapolitiker beim Thema Starkregen mehr über Zukunftsszenarien redete. "Es ist so eine Art menschlicher Schutzschild, dass man es nicht auf die eigene Heimat projiziert".

Nun ist die Flut gekommen, und zwar in Krischers Heimat, nach Nordrhein-Westfalen. Der 51Jährige nutzt dies auch beim SZ-Kongress nicht, um einen Bogen zum Wahlkampf zu schlagen, in dem die Grünen mehr Klimaschutz fordern als andere Parteien. Nur beiläufig erwähnt er, er lebe ja "in der Region, die gerade die Katastrophe erlebt". Und wo er seit langem gegen den Kohleabbau protestiert.

Es ist nicht Krischer, sondern Janine Wissler, die den Bogen schlägt und richtig konkret wird. "Klimawandel ist kein fernes Szenario mehr", sagt die Parteichefin der Linken. "Wir sehen jetzt schon unmittelbar die Folgen. Auch Überschwemmungen". Die 40-jährige kommt gleich auf eine ihrer knackigen Forderungen zu sprechen: Große SUVs aus den Innenstädten verbannen. Angesichts des Klimawandels dürften Autos nicht immer schwerer werden und mehr Energie schlucken: "SUVs sind ein Symbol für falsche Entwicklungen".

Nachhaltigkeitsgipfel

Janine Wissler, Linken-Chefin, hat keine Scheu vor konkreten Forderungen wie Energiekonzerne zu enteignen.

(Foto: Friedrich Bungert)

So fallen sie schnell auf, die Unterschiede zwischen Linken und Grünen. Wie Krischer versucht Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock jedweden Eindruck zu vermeiden, sie wolle politisch Kapital aus der Flutkatastrophe schlagen. Auch das Wort Verbot vermeiden die Grünen tunlichst auf dem Weg, nach der Wahl vielleicht erstmals seit 16 Jahren einer Bundesregierung anzugehören.

SUV-Verbot? Kriegt man von Krischer nicht zu hören. Als er nach einem Verbot von Inlandsflügen gefragt wird, redet er lieber ausführlich über Kerosinsteuern und warum regionale Flughäfen weniger Subventionen verdienen. Die Grünen wollen auf ihrem Weg in die Regierung nicht als Verbotspartei rüberkommen. Schon vor der Wahl 2013 standen sie in den Umfragen gut. Doch von ihrem Vorschlag, Kantinen sollten einmal die Woche nur Vegetarisches anbieten, fühlte sich mancher gegängelt. Der "Veggie Day" galt dann als ein Grund, warum das Wahlergebnis damals nicht so gut ausfiel.

Janine Wissler hat weniger Hemmungen. Wie Wohnungskonzerne will sie auch Energiekonzerne enteignen und in öffentlichen Besitz bringen - für eine Energiewende und mehr Jobs. Krischer nennt die Debatte über Enteignungen "nicht zeitgemäß". Es ist eine spannende Frage, ob die Linke durch radikalere Ideen den Grünen beim Klimaschutz den Rang abläuft, was die Wirkung auf den Wähler betrifft. Setzen sich die Linken nicht sogar dafür ein, dass Deutschland früher klimaneutral wird als die Grünen fordern? Oliver Krischer möchte den Platz als Klassenprimus nicht räumen. "Wir wollen Klimaneutralität so schnell wie möglich. Das Problem sind nicht Ziele, sondern Maßnahmen. Die müssen schneller umgesetzt werden".

Oliver Krischer

Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen, will nicht, dass seine Partei mit Verboten aneckt.

(Foto: dpa)

Janine Wissler gehört zum linken Flügel ihrer Partei, kann sich aber eine rot-rot-grüne Regierung nach der Wahl vorstellen. In diesem Moment sucht sie nicht den Streit, sondern den Schulterschluss mit dem Rivalen und möglichen Koalitionspartner. Sie sei mit Krischer einig, dass es nicht um Jahreszahlen gehe, sondern um Maßnahmen. Und da sind sie von Energieverbrauch bis Tempolimit in vielem einig.

Der wahre Gegner sitzt eben doch woanders - bei der Union. Wie Wissler hat Krischer nur Spott für CSU-Chef Markus Söder übrig, der einen früheren Kohleausstieg fordert: "Das betrifft sein Bundesland überhaupt nicht", sagt der Grüne und schiebt nach:. "Da, wo Bayern Kompetenzen hat, ist es in keiner Klimafrage Vorreiter."

© SZ vom 23.07.2021
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