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Gründerszene:Sterne aus Deutschland

Die Stars der heimischen Gründerszene strahlen nicht ganz so hell wie die Konkurrenz aus den USA. Dennoch gelingt es ihnen, Investoren für ihre Idee zu begeistern.

Von Elisabeth Dostert

Es hätte nicht viel gefehlt und Nikita Fahrenholz, Mitte 30, wäre Pilot geworden. Seine Mutter, alleinerziehend, stammt aus Russland. Daheim im Plattenbau im Ostberliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf träumte der Sohn von Größerem. Es gab Zeiten, da galten Piloten als Stars, Menschen, die strahlen, die man bewundert. Fahrenholz hat dann doch Betriebswirtschaft in Reutlingen und Lancaster studiert. Er fing bei McKinsey an und stieg dort aus, um 2009 mit ein paar Kumpels in Berlin die Online-Plattform Lieferheld zu gründen, die 2012 in der seit Mitte 2017 börsennotierten Plattform Delivery Hero aufging. Fahrenholz blieb noch eine Weile, stieg dann aus, um weiter zu gründen, etwa das Putz-Portal Book a Tiger.

Für Julian Kawohl ist Fahrenholz ein Star, ein Gründer-Star. Das sind für ihn Menschen, die inspirieren, erfolgreich sind und in deren Firmen Investoren gerne und viel Geld stecken. "Menschen sind wichtiger als Ideen", sagt Kawohl, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin: "Ohne die richtigen Menschen, scheitert auch die beste Idee."

Für eine Studie haben sich Kawohl, seine Mitautoren Julia Heinrichs und Florian Nöll, Gründer und Chef des Bundesverbandes Deutsche Startups, auf die Suche nach erfolgreichen Start-ups und deren Gründern gemacht. Maß für den Erfolg ist in der Studie das seit der Gründung bis zum Börsengang, der Übernahme oder gar, wie im Falle des Onlinehändlers Lesara, der Insolvenz eingesammelte Risikokapital. "Es ist das höchste Gütesiegel, es zeigt wie viel Vertrauen Dritte in die Fähigkeit der Gründer haben", sagt Kawohl. Es ist auch ein Maßstab der Nikita Fahrenholz gefällt. Geld sei für ihn ein wichtiger Antrieb gewesen, sagte er dem Magazin Capital. "Ich habe es aber eher als eine Art Schulnote für Erfolg gesehen. Man kann daran messen, ob man etwas erreicht hat."

Ein Fahrer von Foodora, ein Tochterunternehmen von Delivery Hero, unterwegs in München.

(Foto: Robert Haas)

40 Start-ups haben die Autoren der Studie ausgemacht mit insgesamt 100 Entrepreneur-Stars. Die Gründer von Delivery Hero, darunter Fahrenholz, führen das Ranking an. Bis zum Börsengang sammelte das Start-up bei Investoren 2,6 Milliarden Dollar ein und galt als eines der wenigen "Unicorns" in Deutschland, das sind Unternehmen, die Risikokapitalgeber mit mehr als einer Milliarde Dollar bewerten. Zu den Einhörnern gehört immer noch der Gebrauchtwagen-Onlinehändler Auto1. In das Ranking schafften es auch die Liefer-Plattformen Hello Fresh und der Ende 2016 von Delivery Hero übernommene Dienst Foodpanda. An all diesen Lieferanten ist die Gründermaschine Rocket Internet der Samwer-Brüder beteiligt. Die Namen von Marc, Oliver und Alexander Samwer tauchen nicht in der Rangliste auf, weil sie mittlerweile "reine Company Builder" sind, aber nicht als Vorstand oder Geschäftsführer in einem Start-up tätig sind, sagt Wirtschaftswissenschaftler Kawohl. Zwar ist auch Nikita Fahrenholz nicht mehr operativ für Delivery Hero tätig, aber das Gründen kann er nicht lassen.

Gründen ist männlich. Nur vier Frauen schafften es unter die Top 100

Die Autoren der Studie haben sich die Lebensläufe angesehen und Schlüsse gezogen. Die Stars unter den Gründern favorisieren Fintechs wie N26 und Spotcap und E-Commerce-Firmen wie Auto1. Knapp 70 Prozent haben ihren Sitz in Berlin, gefolgt von München mit zehn Prozent und Hamburg mit sieben Prozent. Die meisten, knapp ein Drittel, der Start-ups wurden von zwei Personen gegründet. Die meisten Stars sind Männer. In die Top 100 haben es nur vier Gründerinnen geschafft: Eine "absolute Ausnahme" bilden Anna Alex und Julia Bösch, die Gründerinnen des personalisierten Online-Herrenausstatters Outfittery. In das Ranking haben es auch Jessica Nilsson von Hello Fresh und Janna Schmidt-Holtz von Glossybox geschafft, sie haben allerdings der Studie zufolge keine geschäftsführende Position inne.

Die Spitzenkräfte der deutschen Gründerszene sind, so wie Nikita Fahrenholz, gut ausgebildet. Mehr als die Hälfte besitzt einen Master-Abschluss, viele davon in einem wirtschaftswissenschaftlichen Fach. Angestellt waren die meisten der Gründer auch schon mal. Bevor sie gründeten, haben viele für Beraterfirmen wie McKinsey und Boston Consulting oder Banken wie Goldman Sachs oder Deutsche Bank gearbeitet. Zehn der Stars arbeiteten für den Inkubator Rocket Internet der Samwer-Brüder. 43 Prozent der Stars sind Seriengründer. Ihr Geld stecken sie häufig nicht nur in das eigene Unternehmen, sondern auch in andere. Nikita Fahrenholz ist seinem Profil auf dem Berufsnetzwerk Linkedin zufolge in mehr als 20 Start-ups investiert. Gute Netzwerker sind die besten Gründer auch, fast die Hälfte der Entrepreneure nahm an einer der etablierten Tech-oder Start-up-Konferenzen teil, wie Noah in London und Berlin oder Bits & Pretzels in München.

Ganz so grell wie die Stars der US-Gründerszene, Männer wie Elon Musk (Paypal, Tesla, Space-X), Mark Zuckerberg (Facebook) oder Evan Spiegel (Snapchat), strahlen die deutschen Spitzenkräfte nicht. "Musk ist aber auch ein extremer Selbstdarsteller und selbst eine Marke", erklärt Forscher Kawohl: "Die deutschen Gründer sind zwar selbstbewusst, aber auch bescheidener. Sie versuchen erst einmal, ihre Firma groß zu machen."

Und Stars strahlen mal mehr, mal weniger. In die Rangliste schaffte es auch der Online-Händler Lesara, der fast 67 Millionen Dollar bei Investoren einsammelte. Mitte November musste das Start-up Insolvenzantrag stellen. Für Kawohl sind die Gründer trotzdem Stars: "Scheitern gehört dazu, es gibt immer mal wieder Gründer, die scheitern, dann fangen sie eben wieder etwas Neues an. Auch Elon Musk ist nicht alles, was er anpackte, gelungen."

© SZ vom 19.12.2018

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