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Gründer:Ein Roboter für 6000 Euro

Mostafa El-Sayed (links) und Suryansh Chandra, die Gründer des britischen Roboter-Start-ups Automata.

(Foto: oh)

Zwei Londoner Architekten haben einen kleinen Helfer namens Eva entwickelt. Sie sammeln Millionen von Investoren ein. Was den bevorstehenden Brexit betrifft, so sehen sie darin sogar einen Vorteil.

In dem Großraumbüro in Islington, einem hübschen Stadtviertel nahe Londons Zentrum, stehen Roboterarme auf Tischen. An der Wand hängen in Glasvitrinen Leiterplatten und Getriebe sowie ein Roboterskelett ohne Hülle. "Die Teile in den Vitrinen zeigen unsere Geschichte", sagt Suryansh Chandra. Der 37-Jährige ist einer von zwei Gründern des britischen Roboterherstellers Automata Technologies. Und die kleine Ausstellung im Büro der Firma macht deutlich, wie sich das Produkt des Unternehmens während der Entwicklung geändert hat. Seit März dieses Jahres wird dieses Produkt, das einzige des jungen Betriebs, nun verkauft: Eva, ein 9,5 Kilogramm leichter Roboter mit sechs Achsen, also mit sechs Gelenken.

Das Besondere an dieser kleinen Helferin ist der Preis: Automata verlangt nur 4990 Pfund, umgerechnet 5700 Euro. Und da ist Software und Zubehör schon inbegriffen. "Die Zahl der Bestellungen liegt in den niedrigen Hunderten", sagt Chandra. "Wir haben Anfragen von überall her und bereits Roboter in einige europäische Staaten wie Deutschland und Spanien geliefert." Bei der diesjährigen Hannover Messe präsentierten sich die Londoner ebenfalls künftigen Kunden. "Wir bekamen einige Aufmerksamkeit", sagt der aus Indien stammende Gründer.

Eva kann zum Beispiel am Auto-Armaturenbrett Knöpfe testen

Eva ist ein sogenannter kollaborativer Roboter. So heißen kleine Helfer, die zusammen mit Menschen arbeiten - und nicht wie die riesigen Roboter etwa in Autofabriken alleine ihrer Tätigkeit nachgehen, auf einer Fertigungsstraße und hinter Gittern, damit kein Beschäftigter in Gefahr gerät. Typische Aufgaben für Eva sind zum Beispiel, Punkte mit Kleber auf Leiterplatten aufzubringen, leichte Bleche in Maschinen einzulegen oder bei einem Auto-Armaturenbrett immer wieder Knöpfe zu drücken, um die Zuverlässigkeit zu testen.

Fachleute prophezeien, dass die Nachfrage nach kollaborativen Mini-Robotern rasant wachsen wird und sie sich zahlreiche neue Einsatzfelder erschließen. Allerdings kosten die Geräte oft mehr als 20 000 Pfund, viermal so viel wie Eva. Das Münchner Start-up Franka Emika verkauft seinen kleinen Helfer immerhin schon für 10 000 Euro, doch ist das der Preis ohne Software.

Mostafa El-Sayed, der zweite Automata-Gründer, sagt, für Mittelständler gebe es hohe Hürden für die Nutzung solcher Roboter: "Sie sind sehr teuer und kompliziert zu bedienen." Dank Eva sollen beide Hürden wegfallen. So sei das Steuerprogramm bewusst einfach gehalten, sagt der 32-Jährige; es läuft auf Tabletrechnern oder Laptops. "Vom Öffnen des Kartons mit dem Roboter über die Programmierung der Aufgabe bis zum ersten Probelauf dauert es nur eine bis anderthalb Stunden", verspricht der aus Ägypten stammende Tüftler.

Den niedrigen Preis erreichen die Londoner, weil sie eigene Getriebe entwickelt haben. Die Antriebstechnik ist mit drei Patenten geschützt. Hochwertige Getriebe sind wichtig für Roboter - und sehr teuer. "Hätten wir Getriebe der üblichen Anbieter genommen, läge unser Preis genauso bei 20 000 Pfund", sagt El-Sayed. Das Getriebe von Automata bringe 80 Prozent der Leistung der etablierten Rivalen, und das bei 20 Prozent der Kosten, sagt der Manager. "Die Idee ist, etwas zu nutzen, das gut genug und günstig ist. Die kollaborativen Roboter für 20 000 Pfund halten ein wenig länger, aber sie sind eben viel teurer", sagt El-Sayed. Typische Kunden seien Mittelständler mit 20 bis 200 Beschäftigten. Eva werde auch manchmal für Aufgaben eingesetzt, die nur einige Monate anstehen: Für so eine kurze Dienstzeit lohnt sich keine teurere mechanische Helferin.

In dem Büro in London arbeiten 50 Beschäftigte. Hergestellt wird Eva von einem Auftragsfertiger in Nord-England. "Wenn das Volumen steigt, werden wir jedoch einen Produzenten in China suchen, näher bei unseren Zulieferern", sagt El-Sayed.

Kann den langweiligen Job nicht ein Roboter übernehmen?

Die beiden Gründer haben Architektur studiert und im Büro der 2016 verstorbenen renommierten Architektin Zaha Hadid in London gearbeitet. Für ein Projekt bei der Architekturbiennale 2012 in Venedig mussten Aluminiumpaneele gefaltet werden. Das Duo hoffte, dass ein Roboter diese eintönige Tätigkeit übernehmen könnte, musste aber feststellen, dass es keine günstigen, einfach zu bedienenden und trotzdem leistungsfähigen Roboter für solche kleinen Aufgaben gab. "Aus einer Mischung von Arroganz und Naivität dachten wir, dass wir wahrscheinlich solch einen Roboter bauen könnten", sagt Chandra. Ende 2013 fingen sie an, nebenher an Konzepten für den Roboter zu tüfteln. "Wir dachten, wir könnten ihn 2015 oder 2016 auf den Markt bringen", sagt El-Sayed. "Hätten wir gewusst, wie lange das dauert, hätten wir wohl gar nicht losgelegt", ergänzt Chandra. Ihre Idee überzeugte Investoren, die 2016 und 2018 zusammen 9,5 Millionen Dollar in das Start-up steckten.

Wie viele andere Unternehmer klagt Chandra über die Ungewissheit, die der Brexit bringt. "Allerdings gibt es für uns auch einen kleinen Vorteil", sagt er. "Britische Betriebe ordern mehr Roboter." Nach dem Austritt könnte es schwieriger werden, Arbeitskräfte aus Europa anzuwerben. Schließlich verspricht die Regierung, die Zahl der Einwanderer zu senken. Manche Manager wollten daher ihre Abhängigkeit von günstigen Beschäftigten aus Osteuropa verringern, sagt Chandra. Eva ist eine Brexit-Gewinnerin.

© SZ vom 22.05.2019
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