Glyphosat Sieg gegen Monsanto

Die Bayer-Tochter muss einem krebskranken Patienten 289 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen, weil sie nicht ausreichend über die Risiken des Herbizids aufgeklärt hat. Das Urteil ist erst der Anfang.

Von Elisabeth Dostert

Den Kaufpreis von knapp 63 Milliarden Dollar für den US-Konzern Monsanto hat Bayer schon überwiesen. Die Übernahme ist vollzogen. Jetzt fängt der Ärger an. Nach dreitägigen Beratungen ordnete ein Geschworenengericht unter Vorsitz von Suzanne Bolanos in San Francisco an, dass Monsanto dem Krebspatienten Dewayne Johnson 289 Millionen Dollar zahlen muss, umgerechnet 253 Millionen Euro. Monsanto habe nicht ausreichend vor den Risiken der Produkte gewarnt, so die Begründung. Es ist das erste Mal, dass die Bayer-Tochter Monsanto wegen angeblich verschleierter Risiken des Unkrautvernichters Glyphosat verurteilt wurde.

Nach US-Medienberichten gibt es etwa 5000 ähnliche Klagen gegen Monsanto. Schon Mitte Juli hatte Vince Chhabria, ein Richter aus Kalifornien, bei dem Hunderte Klagen von Landwirten, Gärtnern und Verbrauchern zu Sammelverfahren gebündelt sind, den Weg für einen Prozess frei gemacht. Die Beweislage sei vermutlich nicht eindeutig, um den klaren Schluss zuzulassen, dass Glyphosat Krebs verursache, sagte Chhabria. Dennoch hätten die Kläger die Chance auf einen Prozess verdient.

Bayer ist überzeugt, dass "Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung sicher ist"

Monsanto will gegen das Urteil vom Freitag Berufung einlegen. Nicht auszuschließen, dass die Summe in weiteren Instanzen deutlich geringer ausfällt oder das Urteil ganz gekippt wird. In einer Stellungnahme äußerte Monsanto zwar "Mitgefühl mit Herrn Johnson und seiner Familie". In der Sache bleibt der Konzern aber bei seiner Einschätzung. Das Urteil ändere nicht den Wissensstand, sagte Monsanto-Vizepräsident Scott Partridge: "Glyphosat ist sicher." Ihm zufolge belegen mehr als 800 wissenschaftliche Studien und Bewertungen - einschließlich derjenigen der US-Umweltbehörde EPA, der Nationalen Gesundheitsinstitute und anderer Behörden weltweit - den Befund, dass Glyphosat nicht krebserregend sei (siehe Kasten). Man werde das Produkt, welches "seit 40 Jahren sicher in Gebrauch" sei, auch in Zukunft nachdrücklich verteidigen.

Tränen nach dem Urteil: Dewayne Johnson umarmt einen seiner Anwälte. Der 46-jährige Krebspatient macht Monsanto für seine Krankheit verantwortlich.

(Foto: Josh Edelson/AP)

So sieht das auch Bayer. Der Konzern sei der Auffassung, dass das Urteil des Gerichts im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen stehe, "wonach kein Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom besteht". Auf der Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse, den Einschätzungen von Regulierungsbehörden weltweit und der jahrzehntelangen praktischen Erfahrung mit dem Einsatz von Glyphosat sei Bayer überzeugt, dass "Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung sicher und nicht krebserregend ist".

Im Übrigen verweist der Konzern aus Leverkusen auf die neue Tochter in St. Louis, denn noch agieren die beiden Unternehmen getrennt, weil noch nicht alle Auflagen der Kartellbehörden erfüllt sind.

Johnson, 46 und Familienvater, hatte von 2012 bis 2015 die Grünflächen eines Schulbezirks in Kalifornien gepflegt. Mehrmals behandelte er Flächen mit glyphosat-haltigen Herbiziden, häufig mit Round-up Pro, einem Mittel von Monsanto. Bis zu 30 Mal im Jahr habe er die Flächen behandelt, sagte Johnson. 2014 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, auch danach arbeitete er weiter im Schulbezirk. 2015 unterzog sich Johnson nach US-Medienberichten mehreren Chemotherapien. Als Folge leidet Johnson unter anderem an Gedächtnisverlust und Depressionen. Seine Ehefrau berichtete den Geschworenen, wie für sie nach der Diagnose eine Welt zusammenbrach. Sie arbeite nun 14 Stunden am Tag.

Ein Gift für alles

Glyphosat ist ein Totalherbizid. Der Name beschreibt die Wirkung des Giftes ziemlich gut. Es tötet alle Pflanzen, es sei denn sie sind genetisch so verändert, dass es ihnen nichts mehr anhaben kann. Der Schweizer Chemiker Henri Martin hat Glyphosat 1950 erstmals synthetisiert. Perfektioniert hat es der US-Konzern Monsanto. 1974 wurde ihm das Patent dafür erteilt. Im gleichen Jahr brachte er das Mittel Roundup auf den Markt. Das Patent ist längst abgelaufen. Inzwischen produzieren viele Firmen Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff. Er ist weit verbreitet und gilt als äußerst effizient. Nach Schätzungen von Global Industry Analysts wird der Absatz von Glyphosat bis 2022 auf 1,2 Millionen Tonnen steigen. Über den Wirkstoff wird seit Jahren heftig gestritten. Nach Ansicht der Hersteller wurde in "mehr als 800 Studien" bewiesen, dass er bei "sachgemäßer Verwendung" ungefährlich ist. Berichten zufolge soll Monsanto allerdings Einfluss auf Studien genommen haben. Der Konzern weist solche Vorwürfe stets zurück. Für "wahrscheinlich krebserregend" hält die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), sie gehört zur Weltgesundheitsorganisation WHO, den Wirkstoff. In die selbe Kategorie fallen allerdings auch Mate-Tee und rotes Fleisch.

Elisabeth Dostert

Weil bei Johnson die Krankheit weit fortgeschritten ist, wurde sein Prozess vorgezogen. Johnson machte Monsanto für sein Leiden verantwortlich. Die Geschworenen sahen das genauso und folgten nach einem vierwöchigen Prozess weitgehend der Argumentation der Klägeranwälte. Johnson hatte ursprünglich 412 Millionen Dollar geltend gemacht. Die Jury sprach ihm 39 Millionen Dollar Schmerzensgeld und Ausgleich für finanzielle Einbußen zu und packte 250 Millionen Dollar Strafe für Monsanto obendrauf, weil der Konzern nicht ausreichend auf die Gefahren hingewiesen habe.

Die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast nannte das Urteil einen "Weckruf". "Wir brauchen jetzt dringend ein umfassendes Anwendungsverbot in Deutschland. Es geht um die Gesundheit von Bauern, Gärtnern und Konsumenten. Und vor allem um die Gesundheit der Kinder", sagte die Grünen-Politikerin. Ihr Parteikollege Oliver Krischer, Vizevorsitzender der Bundestagsfraktion, forderte über Twitter die Bundesregierung auf, "das Geeiere endlich zu beenden und sich ohne Wenn und Aber für ein Verbot von Glyphosat einzusetzen".

Es ist die zweite Schlappe für Bayer und Monsanto binnen weniger Tage. Anfang August ordnete eine brasilianische Richterin eine 30-tägige Sperre für die Registrierung neuer glyphosathaltiger Produkte an, damit die Gesundheitsbehörden eine toxikologische Neubewertung vornehmen können. Die brasilianische Regierung legte daraufhin Rechtsmittel ein, um die Entscheidung noch vor der nächsten Ernte aufheben zu lassen.

Johnson weinte nach der Urteilsverkündung. Es gehe um mehr als seinen Fall, sagte er in einer Pressekonferenz nach dem Urteil. Er hoffe, dass das Thema nun die nötige Aufmerksamkeit bekomme.