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Glyphosat:Große und kleine Schlachten

Vom Etikett verschwindet nun der Hinweis, dass Glyphosat lediglich ein in Pflanzen vorkommendes Enzym beeinflusst.

(Foto: JOSH EDELSON/AFP)

Bayer vergleicht sich in den USA wegen angeblich irreführender Werbung.

Von Elisabeth Dostert

Es gibt Meldungen, die bewegen die Aktienkurse von Unternehmen heftig - mal in die eine, mal in die andere Richtung. Andere lassen die Investoren völlig kalt. Manchmal überlappen sich Ereignisse mit gegenläufigen Kursreaktionen.

Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer kennt sich mit heftigen Kursreaktionen aus. Die Übernahme des US-Konzerns Monsanto sorgte für einen gigantischen Absturz. In den USA haben mehr als 48 600 Menschen den Dax-Konzern verklagt, weil sie ihre Krebserkrankung dem mit Monsanto erworbene Pestizid Glyphosat zuschreiben. Seit Monaten wird über einen Vergleich verhandelt. Analysten, die die Nachrichtenagentur dpa am Dienstag zitierte, schätzen die Vergleichssumme auf acht bis zwölf Milliarden Dollar. Durch die Corona-Epidemie dürften sich die Gespräche aber verzögern, sagte Schlichter Ken Feinberg schon vor ein paar Tagen dem Magazin Wirtschaftswoche. Ursprünglich war eine Einigung für März anpeilt worden.

Die 39,5 Millionen Dollar, die Bayer nun in einem anderen Vergleich zahlen will, wirken da wie Kleingeld. In diesem Fall ging es um angeblich irreführende Werbung für das Pestizid Roundup, es enthält den Wirkstoff Glyphosat. Bayer hat sich, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, im Rahmen des Vergleichs damit einverstanden erklärt, das Etikett für Roundup zu ändern. Der Hinweis, dass Glyphosat nur ein in Pflanzen vorkommendes Enzym beeinflusst, werde entfernt.

Kritiker sind der Auffassung, dass das Herbizid ein Enzym angreift, das auch bei Menschen und einigen Tieren vorkommt. Eine Pressemitteilung oder gar eine Ad-hoc-Mitteilung, wie sie für kursrelevante Ereignisse zwingend ist, veröffentlichte Bayer nicht. Auf Anfrage verschickte der Konzern eine Stellungnahme: "Vorbehaltlich der Genehmigung durch das Gericht wurde die Sammelklage im Zusammenhang mit Werbung zu Roundup für alle Parteien zufriedenstellend beigelegt. Diese Vereinbarung steht nicht im Zusammenhang mit den Produkthaftungsverfahren zu Roundup in den USA, hierzu werden die Mediationsgespräche unter der Aufsicht von Ken Feinberg fortgesetzt." Bayer beteilige sich weiterhin "konstruktiv am Mediationsprozess, es gebe derzeit jedoch keine umfassende Lösung. "Es gibt auch keine Gewissheit oder einen Zeitplan für eine umfassende Lösung." Der jüngste Vergleich bewegte den Aktienkurs nicht oder vielleicht nur ein bisschen?

Am Dienstag legten die Papiere von Bayer zur Handelseröffnung um mehr als fünf Prozent bis auf 55,43 Euro zu, gaben jedoch im Handelsverlauf einen großen Teil der Gewinne ab. Aber ob das wirklich am Vergleich lag oder nur an der allgemeinen Stimmung im Markt, lässt sich schwer sagen. Der Leitindex Dax schloss am Dienstag 1,2 Prozent im Plus.

© SZ vom 01.04.2020
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