Glücksspiel So viel verwetten die Deutschen bei der WM

WM-Jahre sind für die Wettanbieter besonders erfolgreich.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)
  • Mindestens 700 Millionen Euro verwetten deutsche Kunden bis zum WM-Finale. Frühere Stars wie Oliver Kahn und Lukas Podolski werben für die Anbieter.
  • Doch so astrein wie dargestellt, arbeiten nicht alle Wettunternehmen.
  • Die meisten Firmen sind zu Hause in Malta und im britischen Überseegebiet Gibraltar und zahlen dort Steuern im einstelligen Prozentbereich.
Von Jan Willmroth

Oliver Kahn hat Konkurrenz bekommen. Der Welttorhüter von einst und Fernsehexperte des ZDF verkörpert den Werbespruch von Tipico, "Ihre Wette in sicheren Händen", seit fünf Jahren steht seine Unterschrift auf den Werbeplakaten des größten Sportwettanbieters im Land. Rechtzeitig vor der Fußball-WM in Russland präsentierte Tipico-Konkurrent Xtip Kahns früheren Mannschaftskollegen Lukas Podolski als Werbeträger. Der darf nun in aufwendig produzierten Fernsehspots auf einem Elefanten reiten oder festgekrallt auf einem Autodach durch die Stadt rasen, auf Plakaten grinst er: "Willkommen im Team Poldi".

Willkommen in einem Graubereich des Rechts, der längst nicht so astrein ist, wie die Werbung suggeriert. WM-Jahre sind immer gute Jahre für diese Branche, die Fußballspiele und andere Sportereignisse in Quoten übersetzt und Sportfans schnelle Gewinne verspricht, wenn sie auf den Sieger eines Spiels, den Torschützenkönig oder den Weltmeister tippen. Aber so gut wie in diesem Jahr lief es noch nie. 8,8 Milliarden Euro an Wetteinsätzen könnten bis Ende des Jahres zusammenkommen, zeigt eine bislang unveröffentlichte Prognose der Beratungsfirma Goldmedia, die regelmäßig Marktdaten zum Glücksspielsektor erhebt. Mindestens 700 Millionen Euro davon verwetten deutsche Kunden demnach während der WM bis zum Finale am kommenden Sonntag. 10,93 Millionen Euro pro WM-Spiel, über Smartphone-Apps, auf Webseiten und in der ständig steigenden Zahl von mehr als 5000 Wettshops in deutschen Städten.

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Die meisten Anbieter sind zu Hause in Malta und im britischen Überseegebiet Gibraltar, zahlen dort Steuern im einstelligen Prozentbereich und verdienen so viel Geld, dass sie sich neben Spielerlegenden als Werbegesichter teure Sponsoring-Verträge mit Fußballclubs leisten können. Einige der gut 90 in Deutschland steuerlich erfassten Wettfirmen haben es bis auf die Trikots von Traditionsvereinen geschafft. Hertha BSC lief bis zur vergangenen Saison mit Bet-at-home als Hauptsponsor auf, der MSV Duisburg hat gerade den Vertrag mit Xtip verlängert, der Sportwettmarke von Automatenkönig Paul Gauselmann. Jeder Bundesligist hat mindestens einen der Anbieter unter seinen Sponsoren. Tipico, Marktführer mit etwa 1100 Wettlokalen, gibt als "Platin-Partner" des FC Bayern das meiste Geld aus.

Oliver Kahn findet, Sportwetten seien ein "ganz natürlicher Partner des Sports. Sie gehören einfach dazu." Bis vor wenigen Jahren war das noch anders, für Sportwetten galt wie im Lotto ein Staatsmonopol, formaljuristisch sind die privaten Wettangebote noch immer illegal. 20 Unternehmen sollten ursprünglich eine deutsche Lizenz erhalten, so steht es im Glücksspielgesetz. Die Lizenzvergabe scheiterte indes an Klagen der Anbieter. Zugleich aber dürfen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs Sportwettangebote aus anderen EU-Staaten nicht mehr rechtlich verfolgt werden. Die Wettfirmen haben Fakten geschaffen: Allein in zwei Jahren stiegen die Einsätze um mehr als die Hälfte, abzüglich der Ausschüttungen blieb 2017 mehr als eine Milliarde Euro Ertrag übrig. An den einstigen Monopolisten Oddset geht davon so gut wie nichts mehr. An frühere Nationalspieler dafür umso mehr.

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