Globale Folgen "Trumps größte Befürworter werden seine größten Opfer sein"

SZ-Grafik; Quelle: Bloomberg

Die Hass-Politik von Trump wird der Weltwirtschaft schwer schaden, befürchten internationale Ökonomen. Sie fordern die Regierungen auf, etwas gegen die wachsende Ungleichheit zu tun.

Von Alexander Hagelüken

Angus Deaton lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Amerika. Der Nobelpreisökonom von 2015 ist dezidiert kein Untergangsprophet. Deaton verbreitet gerne Optimismus, weil die Globalisierung großen Teilen der armen Welt zu Wohlstand verhelfe. Nach Donald Trumps Wahlsieg allerdings stößt er eine düstere Prophezeiung aus: "Ich glaube, nun ist eine weltweite Rezession wahrscheinlicher", sagte Deaton der Süddeutschen Zeitung. Wer sich mit Ökonomen unterhält, hört öfter solche tonnenschwere Worte.

Zunächst bedeutet der Triumph des Populisten riesige Unsicherheit. "Inklusive Brexit gibt es jetzt zwei wichtige Handelspartner, bei denen wir nicht wissen, wo die Reise hingeht", analysiert der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Die Unsicherheit dürfte bald in realen Schaden umschlagen. Steuersenkungen, Investitionen in Infrastruktur und gleichzeitig Schuldenabbau: Trumps Programm passt nicht zusammen, argumentiert Bofinger. "Aber irgendwas muss er seiner Klientel ja liefern. Ich denke, er wird wie Ronald Reagan massiv Schulden machen. Und das schwächt den Dollar und schadet Europas Exporten." Das britische Pfund steht heute 13 Prozent niedriger als vor dem Brexit.

Dennis Snower besitzt wie Angus Deaton einen amerikanischen Pass. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) lenkt den Blick auf die Kosten von Hass-Politik, mit der sich Ökonomen selten beschäftigen. "Die US-Gesellschaft ist seit George Bushs Amtszeit schon zerrüttet. Nun hat Trump im Wahlkampf angekündigt, dass sich die USA vom Weg der Toleranz und des Kompromisses verabschieden. Er will Muslime überwachen und Millionen Migranten deportieren. Aber eine Wirtschaft kann nicht funktionieren, wenn die Gesellschaft nicht funktioniert."

Ernst machen wird der neue Präsident auch mit hohen Strafzöllen auf Importe, ist Snower sicher. "Trump weiß, wer ihm zur Macht verhalf: weiße, ungebildete Arbeiter, die Sündenböcke suchen. Er ist darauf angewiesen, ihnen diese Sündenböcke zu geben. Wenn sich die stärkste Wirtschaft der Welt abschottet, hat das gewaltige Auswirkungen." Deutschland, dessen Exportquote sich in 25 Jahren auf fast 50 Prozent verdoppelte, würde sie besonders spüren. Genauso schädlich wie Zölle sind Regeln, die den Handel hemmen - und die verlangen ineffiziente US-Firmen von Trump jetzt, befürchtet Snower. Gleichzeitig dürfte sein Wahlsieg das Ende von TTIP bedeuten, das genau diese Regeln abbauen soll.

Mehrere Ökonomen erwarten, dass nun die ganze Welt protektionistischer wird. In China, das nach dem Abflauen des Booms die Ansprüche seiner Bürger schwerer erfüllen kann, ist das schon zu beobachten. Wenn sich die beiden größten Volkswirtschaften des Erdballs isolieren sollten, wird es dramatisch. "Ich glaube, dass die chinesische Regierung Trump für ein Geschenk der Götter hält", sagt Angus Deaton. Denn das Wachstum in China, das die Regierung gern beschönigt, könnte bereits kollabiert sein. Um ihre Bürger abzulenken, dürfte die Regierung zu Machtspielen gegen Nachbarn in der Region greifen. "Eine amerikanische Regierung ohne Kenntnisse und Erfahrung in der Außenpolitik wird das kaum verhindern können."

Guntram Wolff richtet das Augenmerk auf die Finanzmärkte. "Trump hat schlimme Sachen gesagt, etwa, dass man Schulden nicht so ernst nehmen müsse", sagt der Direktor der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. "Das globale Finanzsystem ist auf den US-Staatsanleihen aufgebaut. Geht das Vertrauen in diese Anleihen verloren, führt das zu extremen Verwerfungen."

Europa könnte bald gefordert sein, seine Konjunktur zu stabilisieren

Ob Protektionismus, Dollar-Verfall oder Vertrauensverlust in das Finanzsystem: Europa könnte wegen solcher Auswirkungen bald gefordert sein, seine Konjunktur zu stabilisieren, so Wolff. Weil die Geldpolitik ziemlich ausgereizt sei, kämen nur Steuersenkungen und höhere Staatsausgaben infrage. Am meisten sorgt ihn, der Populist Trump könnte den Weg für andere Populisten in Europa bereiten: "Vielleicht wird Marine Le Pen nach diesem Vorbild französische Präsidentin."

Mit dem Brexit haben die Populisten in Europa bereits einen großen Sieg errungen. Dennis Snower sieht eine klare Parallele zu dem Paukenschlag in den USA. "Trumps Wahl hat mit dem Brexit gemeinsam, dass die abgehängten Bürger sich durchgesetzt haben. Es gibt viele Verärgerte, die nicht weiterkommen", erkennt der IfW-Präsident. Er zieht einen historischen Vergleich zu den 1930er Jahren, als in der Weltwirtschaftskrise extreme Politiker an die Macht gelangten. "Aus der Zeit zwischen den Weltkriegen wissen wir, wenn viele Menschen trotz harter Arbeit nicht weiterkommen, radikalisieren sie sich."

Für Snower folgt aus der US-Wahl deshalb ein Auftrag an alle Politiker in den Industriestaaten: "Westliche Regierungen sollten gegen die Ungleichheit vorgehen. Das ist die größte Implikation dieser Wahl." Für die unzufriedenen Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten, die maßgeblich zu Trumps Erfolg beitrugen, werde sich nichts zum Besseren wenden. Protektionismus werde ihren Lebensstandard senken. Und gegen die Ungleichheit wolle der neue Präsident gar nichts tun. "Er will ja die Steuern für Reiche senken. Trumps größte Befürworter werden seine größten Opfer sein."