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Gesundheit:Kürzester Weg zum Arzt

Telenotarztsystem in Aachen

Doktor online: Telenotärztin Michaela Schneider sitzt in der Rettungsleitstelle der Feuerwehr Aachen und ist mit Rettungssanitätern verbunden, die eine Schlaganfallpatientin behandeln. Auf ihrem Monitor sieht sie allgemeine Patienteninformationen und EKG-Daten.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Die Telemedizin erlebt durch die Corona-Krise einen Boom. Mediziner vermeiden so, dass sich Patienten im Wartezimmer anstecken. Bisher ist Deutschland aber eher Entwicklungsland auf diesem Sektor.

Von Jacqueline Hadasch

Das Wartezimmer von Michaela Heinke ist gerade leer. Der Allgemeinmedizinerin mit Praxis bei Dresden bleiben aber nicht etwa die Patienten weg, im Gegenteil: Mit der Ausbreitung von Covid-19 kommen immer mehr Menschen zu ihr. Damit die Patienten sich nicht gegenseitig anstecken, verlegt Heinke ihr Wartezimmer aber ins Digitale. "Die Leute schreiben mir per SMS genau, wann sie von zu Hause losfahren und hier ankommen", sagt die 59-Jährige. So koordiniere sie, dass sich niemand in ihrer Praxis begegne. Auch sonst nutzt die Ärztin digitale Kommunikation für medizinische Belange, sie bietet Terminbuchungen per App an und Online-Sprechstunden über Wechat oder Skype.

Heinke setzt auf Telemedizin. Auf der Website der Bundesärztekammer liest sich das eher wie ein sperriger "Sammelbegriff" für alle Formen ärztlicher Versorgung, die medizinisches Personal mit digitalen Hilfsmitteln räumlich oder zeitlich versetzt leistet. Jetzt aber, in Zeiten von Corona, wird Telemedizin für Hausärzte wie Heinke lebenswichtig. Oft, sagt sie, brauche ein Patient nicht unbedingt eine körperliche Untersuchung - und darum auch keinen Besuch beim Doktor.

Diese Erkenntnis haben längst einige Anbieter als Geschäftsmodell entdeckt. Zum Beispiel Teleclinic, Kry und Zava. Die drei Start-ups bieten Plattformen für Videosprechstunden mit Ärzten - nun profitieren sie von der Corona-Krise. Seit Februar habe die Zahl der Online-Behandlungen um 65 Prozent zugenommen, freut sich Friederike Jacob, Sprecherin der Münchner Firma Teleclinic. "Die Zahlen überschlagen sich." Die rund 250 registrierten Ärzte seien auf der Plattform nun viel aktiver. "Vor der Verbreitung von Covid-19 haben viele Doktoren einfach neben dem Praxisalltag in die App geschaut", sagt Jacob. Nun nähmen sich viele Ärzte mehr Zeit für Online-Sprechstunden. Ein ähnlich starkes Nachfrageplus meldet auch die Telemedizin-Plattform Zava aus London. Täglich behandle und berate man mehrere Tausend Patienten online. Bei Kry stieg die Nachfrage sogar um 95 Prozent. "Patienten mit Verdacht auf Covid-19 können in den Videosprechstunden Fragen zu ihren Symptomen stellen. Kritische Fälle werden so schneller identifiziert und zum Arzt geschickt. Die Ärzte können sich entsprechend vorbereiten", sagt Daniel Schneider, Manager beim schwedischen Anbieter Kry.

Vielerorts ist die Internetverbindung zu schlecht

Auch unabhängig vom Coronavirus habe sich der deutsche Telemedizin-Markt rasant entwickelt, sagt eine Sprecherin von Zava. Grund sei das Digitale-Versorgung-Gesetz, das der Bundestag Ende 2019 beschlossen hat. Das Regelwerk von Gesundheitsminister Spahn soll telemedizinische Innovationen fördern - für die nächsten vier Jahre stehen jeweils 200 Millionen Euro zur Verfügung. Apotheken und Krankenhäuser sollen mehr elektronische Patientenakten nutzen und müssen deshalb ein entsprechendes digitales Netzwerk aufbauen. Auch Videosprechstunden sollen hierzulande Alltag werden, so will es das Bundesgesundheitsministerium von CDU-Ressortchef Jens Spahn.

Wahr ist aber auch: Trotz steigender Nachfrage und Vorstößen der Politik hat Deutschland eine vergleichsweise schwache telemedizinische Infrastruktur. Das zeigt eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung von 2018. Die Organisation vergleicht die digitalen Gesundheitssysteme von 17 Ländern - die meisten davon sind EU-Staaten. Deutschland belegt den vorletzten Platz, nur Polen schneidet schlechter ab. Der digitale Wandel in der Gesundheit komme hierzulande nur langsam voran, rügt der Bericht. Im Vergleich zu Primus Estland müsse Deutschland vor allem im Bereich der Datennutzung aufholen.

Der Rückstand könnte daran liegen, dass die Menschen hierzulande skeptisch gegenüber elektronischen Datenbanken seien, sagt Jost Steinhäuser, Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Lübeck, er forscht zum Schwerpunkt Telemedizin. In nordischen Ländern haber diese eine viel größere Akzeptanz, elektronische Patientenakten seien längst Standard. Auch müsste das Modell hierzulande rentabler für Ärzte werden. "Ärzte, die telemedizinische Leistungen erbringen, sollten den gleichen Betrag einnehmen wie bei Leistungen vor Ort", findet der Wissenschaftler. Derzeit würden Ärzte an Telemedizin kaum verdienen. Es sei schade, dass Deutschland beim Thema E-Health hinterherhinke. So könnten Vorzüge kaum genutzt werden: verbesserter Zugang zur Medizin auf dem Land und verkürzte Wartezeiten. Viele Konsultationen vor Ort würden dank Telemedizin wegfallen, sagt auch Erik Bodendieck, Vorstand der Bundesärztekammer.

Aber elektronische Sprechstunden könnten auch Kapazitäten kosten. Etwa, wenn Menschen den Online-Besuch als Zusatzangebot wahrnehmen und die simpelsten Fragen stellen, mit denen sie nie zum Doktor kämen. Oder wenn sie sich online mehrfach vergewissern wollen, dann kostet das Zeit. "Die fehlt dann für Patienten mit akuteren Anliegen", warnt Bodendieck.

Ohnehin, so der Medizinmanager, stößt die Telemedizin noch auf viele Barrieren. Die Internetverbindung sei vielerorts schlecht, ethische Fragen müssten diskutiert werden - etwa, wie die Technik vor einem Missbrauch durch falsche Ärzte geschützt werden könne. Zudem gebe es "viele Insellösungen, aber kein geschlossenes Gesamtsystem". Start-ups rechnen damit, dass sich E-Health rasch etabliert. Teleclinic versucht derzeit, 20 Millionen Euro bei Investoren einzusammeln. Auch bei Zava ist man optimistisch: "Die Vorteile der Telemedizin kommen durch die aktuelle Pandemie ganz deutlich zum Vorschein", sagt Sprecherin Victoria Meinertz.

So sieht das auch Ärztin Heinke: "Wenn es eine Chance von Corona gibt, dann ist es Digitalisierung."

© SZ vom 19.03.2020

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