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Gesellschaftsspiel zur Wirtschaftskrise:Arbeiter ärgere dich nicht

Die Franzosen reißen sich um das Kartenspiel "Plan social". Dabei geht es darum, möglichst viele Menschen zu entlassen - und wer Behinderte oder Gewerkschaftsvertreter rauswirft, kassiert Sonderpunkte. Ein Skandal?

Stefan Ulrich, Paris

Der Boss trägt einen dicken schwarzen Schnurrbart, genießt seine Zigarre und grinst in die Kameras. Gerade hat er sie alle entlassen, die leitenden Angestellten ebenso wie den ungelernten Arbeiter und die schwangere Mutter. Nun kann er endlich die Produktion in Frankreich dichtmachen und nach China verlagern. Er darf sich als Sieger fühlen.

Neuer Aufreger: Entlassungen als Gesellschaftsspiel

Das französische Gesellschaftsspiel "Plan social" provoziert mit politischer Unkorrektheit - hier dürfen die Spieler ihren inneren Kapitalistenschweinehund ausleben. Nicht allen gefällt das.

(Foto: dpa)

Zu früh empört. Es ist nur ein Kartenspiel, von dessen Packung dieser Boss grinst. "Plan social" heißt es, und es kommt gut an in Frankreich. "Unglücklicherweise leben wir in der Wirtschaftskrise. Sonst würde das Spiel nie so laufen", sagt Stéphane Daniel, der Chef der kleinen bretonischen Spielzeugfirma Arplay, die "Sozialplan" vertreibt. Die Erstauflage von 3000 Exemplaren war im Nu ausverkauft.

Nun kommen die nächsten 10.000 Packungen auf den Markt. Auch sie dürften bald abgesetzt sein. Denn Fernsehen, Radio und Zeitungen in Frankreich berichten ausführlich über das Spiel. "Dallas auf französisch", wird es genannt. In Kürze soll es in Belgien, der Schweiz und Kanada herauskommen. Auch aus Spanien gibt es Anfragen. Eine französische Erfolgsgeschichte.

Wer Behinderte feuert, bekommt Sonderpunkte

Zu früh empört? "Sozialplan ist ein gnadenloses Kartenspiel, das Ihre Raubtierinstinkte und Ihre ureigene Grausamkeit wecken wird", heißt es in der Verlagsbeschreibung. "Alle Spieler sind Aktionäre. Jede Karte stellt einen Angestellten dar." Ziel ist es, so rasch wie möglich alle Karten loszuwerden.

Bei leitenden Angestellten ist das schwieriger als bei Arbeitern; und wer einen besonders geschützten Arbeitnehmer feuert, einen Behinderten oder einen Gewerkschaftsvertreter zum Beispiel, der bekommt Sonderpunkte. Der Sieger gewinnt das Recht, sein Unternehmen "in ein totalitäres Land zu verlagern wo die Arbeitskräfte billig sind".

Eine unmoralische Spielidee?

Nicht alle finden das unterhaltsam. "Mit so einem Spiel verletzt man ein Tabu. Die zugrunde liegende Idee ist moralisch unannehmbar", sagte der Pariser Psychiater Michel Lejoyeux der Zeitung Aujourd'hui. "Sozialplan" schüre Aggressivität und bringe die Leute dazu, über die Not der anderen zu spotten.

Plan social - Ausschnitt

Je fieser, desto besser: Am besten feuert man Gewerkschaftsvertreter. (© dpa)

Dies sei ein Trend, der sich auch in Fernsehspielen und Reality-Shows zeige. Echter Humor bestehe darin, über sich selbst zu lachen. Hier lache man über die anderen. "Was kommt als nächstes Spiel? Selbstmord im Betrieb?"

Frankreich hat die Nase voll von Sozialplänen

Der Verleger Stéphane Daniel verteidigt sich, man wolle doch nur provozieren. Das Spiel bringe zum Ausdruck, dass "Frankreich die Nase voll hat von Firmenverlagerungen und Sozialplänen". Die Stimmung sei schlecht im Lande. Da bringe es Entlastung, ein wenig zu lachen. Ein Gewerkschaftsvertreter schlägt sogar vor, das Spiel im Unterricht der Wirtschaftsschulen zu verwenden. "So können wir anprangern, dass der Kapitalismus verrückt geworden ist."

"Sozialplan" wird übrigens, darauf legt die Spielefirma wert, nicht in China, sondern in Frankreich produziert, aus umweltfreundlichen Materialien. Wenn es weiter so gut läuft, wird Arplay bald neue Leute einstellen müssen.

© SZ vom 04.02.2011/weis/mel

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