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Gastbeitrag:Nicht einmal wirtschaftlich sinnvoll

Rob Henderson, ehemaliger Chefvolkswirt der National Australia Bank und der Dresdner Bank

Rob Henderson, ehemaliger Chefvolkswirt der National Australia Bank und der Dresdner Bank, ist leitender Politikberater im australischen Finanzministerium und im Ministerium des Premierministers und des Kabinetts.

(Foto: oh)

Siemens zieht die Beteiligung an der Kohlemine in Australien durch. Der Imageschaden ist immens. Und es ist zweifelhaft, dass sich das je rentieren wird.

Rund um den Globus sind die Menschen schockiert von Ausmaß und Heftigkeit der Buschfeuer, die in Australien wüten. Dazu kommt der dramatische Verlust an Menschenleben, Gebäuden und Besitztümern, Wildtieren und Wäldern. Inzwischen haben die Brände eine Fläche eines Fünftels der Größe Deutschlands zerstört. Die Anteilnahme ist groß: Viele Menschen unterstützen Betroffene, die in den Flammen alles verloren haben.

Das ist die neue Realität: Die Welt wird sich auf immer extremere Wetterverhältnisse einstellen müssen, auf lange Dürreperioden und Rekordtemperaturen, die auch zur aktuellen Katastrophe beigetragen haben. Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten vor extremeren Wetterereignissen und schlimmerer Hitze. Das australische Inferno zeigt, wie richtig sie mit dieser Einschätzung lagen. Doch die australische Regierung weigert sich weiterhin, ein ehrgeizigeres Ziel für die Senkung der nationalen CO₂-Emissionen festzusetzen. Das in Paris vereinbarte 26-Prozent-Ziel erscheint wegen der angewandten Berechnungstricks inzwischen ohnehin unglaubwürdig.

Viele Australier kamen am vorletzten Freitag zu Kundgebungen zusammen. Sie forderten die Regierung auf, mehr dafür zu tun, den Klimawandel zu bekämpfen und das Risiko noch schlimmerer Brandkatastrophen in den kommenden Jahren zu mindern. Allein in Sydney gingen 30 000 Menschen auf die Straße. Unterstützt wurden sie von vielen Demonstranten vor der australischen Botschaft in Berlin. Entsprechend reagierten viele Menschen in Australien mit blankem Entsetzen, als der Vorstandschef von Siemens, Joe Kaeser, seiner australischen Tochtergesellschaft vor einer Woche grünes Licht zur Lieferung wichtiger Signaltechnik für die Eisenbahnstrecke zur geplanten Adani-Kohlemine im Galilee-Becken in Queensland gab.

Um es ganz offen zu sagen: Geht dieses Bergwerk in Betrieb, wird es das größte Klimazerstörungs-Projekt der Erde sein. Die Hoffnung, es könnte auf Eis gelegt werden, wäre durchaus realistisch gewesen - vorausgesetzt, Siemens hätte seine Position geändert und die Beteiligung an diesem Projekt abgelehnt. Weitere potenzielle Partner wären möglicherweise abgesprungen - zumal einige Anbieter Adani bereits im Vorfeld eine Absage erteilt hatten.

Adanis Carmichael-Steinkohlebergwerk ist von der Regierung und von den Bundesstaaten genehmigt worden - trotz des heftigen Einspruchs von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Australien und aus der ganzen Welt und trotz breiter öffentlicher Proteste. Siemens hat sich nun mit seiner Entscheidung zum Befürworter einer Kohlemine gemacht, für die erstmals das Galilee-Becken aufgebaggert würde. Mit der Förderung und Verbrennung der dort gelagerten Kohle würde sich die globale Menge der auf dem Seeweg transportierten Kohle um schätzungsweise 30 Prozent erhöhen und zusätzliche 700 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen pro Jahr in die Atmosphäre geben. Auf eine Betriebsdauer von 30 Jahren bezogen wären das über 20 Milliarden Tonnen - oder sieben Prozent des global insgesamt noch verbleibenden Budgets an Kohlenstoffemissionen, also der Menge an CO₂, die die Menschheit noch ausstoßen darf.

Es ist überraschend, dass Siemens sich zur Beteiligung an diesem Projekt entschließt, denn die Finanzierung der Mine wurde von den australischen Banken durchweg als viel zu riskant abgelehnt. Lokale Unternehmen haben sich ebenfalls zurückgezogen. Die Downer EDI etwa verweigerte die Lieferung von Schienenfahrzeugen für die geplante Bahnstrecke. Die für Wirtschaft und Banken zuständigen australischen und internationalen Aufsichtsbehörden riefen die Unternehmen dringend dazu auf, das Risiko eines ungebremsten Klimawandels durch entsprechende Maßnahmen zu begrenzen, wodurch auch potenzielle Geschäftspartner von Adani unter Druck geraten sein dürften. Doch Siemens zeigt sich weiterhin unbeeindruckt.

Finanzexperten verweisen auf Schätzungen der Internationalen Energieagentur in Paris, die für die nächsten 20 Jahre einen Rückgang der weltweiten Nachfrage nach Kohle um 60 Prozent prognostiziert. Solche Zahlen lassen die Wirtschaftlichkeit der Adani-Mine mit ihrem großen Anteil an geplanten Überseetransporten ausgesprochen dürftig erscheinen. Einige Analysten gehen davon aus, dass die Mine, sollte das Projekt tatsächlich realisiert werden, zum "Stranded Asset" wird - zu einer verlorenen Investition.

Angesichts des erwarteten Rückgangs der Exportnachfrage sind die australischen Banken und Finanzhäuser froh, den Investitionen in fossile Brennstoffe den Rücken zukehren und sich auf zukunftsträchtigere Branchen konzentrieren zu können - etwa die großen Solar- und Windenergieprojekte. Zudem steigt die Attraktivität grüner Investitionen mit dem rapiden Wachstum des Markts für grüne Anleihen, da die Kreditgeber durch die Verbriefung dieser Projekte Kapital freisetzen können. Das kürzlich erschienene Buch "Superpower" von Professor Ross Garnaut, einem bekannten australischen Wirtschaftswissenschaftler, geht von einem massiven Zuwachs der Exporte erneuerbarer Energien aus, da Australien hier einen komparativen Vorteil hat.

Siemens täte gut daran, den kurzfristigen Gewinn aus dem australischen Minenprojekt gegen das enorme Reputationsrisiko abzuwägen, das eine Beteiligung mit Sicherheit bedeuten wird. Der Imageschaden für die Marke Siemens wird ohne Zweifel spätestens mittelfristig auch wirtschaftliche Folgen für den Konzern haben - ganz zu schweigen vom potenziellen Verlust an Ansehen in der weiterhin expandierenden Branche der erneuerbaren Energien, in der viele Führungsleute sich klar für die Bekämpfung des Klimawandels aussprechen. Insofern erscheint eine Beteiligung an der Adani-Mine noch nicht einmal wirtschaftlich sinnvoll.

Die offizielle Rechtfertigung von Siemens enthält viel heiße Luft. Das Unternehmen wolle einen Nachhaltigkeitsrat einrichten, um zukünftige Projekte zu prüfen. Siemens habe schon vor langer Zeit begonnen, seinen Teil zur Rettung des Planeten zu leisten und lade alle ein, gemeinsam daran zu arbeiten. Nur leider hat Siemens beschlossen, nicht an der Rettung des Planeten zu arbeiten, sondern sich an der Öffnung eines Kohlebeckens zu beteiligen, das jedes Jahr 700 Millionen CO₂ freisetzt. Taten sagen mehr als Worte.

Noch bleibt Zeit, diese Entscheidung zu revidieren und moralische Überlegenheit zu zeigen. Der Applaus der Weltöffentlichkeit wäre dem Konzern jedenfalls sicher. Mit einem solchen Schritt würde sich Siemens im wahrsten Sinne des Wortes als Unternehmen der Zukunft positionieren.

© SZ vom 20.01.2020
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