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Forum:Die drohende Flaute

Professor Xiaohua Yu Universität Göttingen

Xiaohua Yu ist Professor für Agrarökonomie und ländliche Entwicklung an der Universität Göttingen. Er hat in China, Japan und den USA studiert.

(Foto: oh)

Was der wirtschaftliche Aufstieg Chinas für die Globalisierung bedeutet.

Von Xiaohua Yu

Die Globalisierung wurde einst weithin als eine Doktrin angesehen, die der Welt Frieden, Wohlstand und Gleichheit bringen würde. Nachdem jedoch eine Krise auf die andere folgte, begannen die Menschen, diesen Anspruch in Frage zu stellen - und sind eher pessimistisch oder sogar dem Untergang geweiht.

Professor Xiaohua Yu Universität Göttingen

Xiaohua Yu ist Professor für Agrarökonomie und ländliche Entwicklung an der Universität Göttingen. Er hat in China, Japan und den USA studiert.

(Foto: oh)

Die Globalisierung begann, als Christoph Kolumbus 1492 in Amerika ankam. Anschließend kamen die Portugiesen 1513 nach China und begannen, mit Chinesen Handel zu treiben. Spanische Kolonialherren überquerten später den Pazifischen Ozean mit Segelschiffen und trieben auch auf der nordphilippinischen Insel Luzon Handel mit Chinesen. China exportierte Keramik, Seide, Tee und Gewürze, und im Gegenzug kam eine große Menge Silber aus dem Westen, was China um 1600 einen wirtschaftlichen Aufschwung brachte.

Der große Abfluss von Silber verursachte jedoch in Spanien eine Deflation und einen Anstieg der Silberwerte. In den 1630er-Jahren verbot Spanien in den amerikanischen Kolonien den Handel mit China, und holländische Piraten wüteten in Malakka, was die Handelsgewinne empfindlich schmälerte. Der Handel zwischen China und dem Westen kam zum Erliegen, was zu einer schweren Wirtschaftskrise führte, die zum Zusammenbruch der Ming-Dynastie im Jahr 1644 beitrug. Fast zur gleichen Zeit begann der Abstieg des spanische Königreichs. Das war das erste Scheitern der Globalisierung.

Im 18. Jahrhundert stieg das britische Empire zum Welthegemon auf und setzte auch den Handel mit China fort. Der Export von chinesischem Tee hatte weltweit einen großen Einfluss, bis zur Boston Tea Party und der Unabhängigkeitsbewegung in den USA. Das tiefgreifende Erbe der Tea-Party-Bewegung ist bis heute politisch spürbar.

Vielleicht hat die britische Regierung aus dem langfristigen Handelsungleichgewicht des spanischen Königreichs Lehren gezogen. Das Empire war jedenfalls sehr darauf bedacht, neue Produkte zu finden, die es nach China verkaufen konnte, um den Handel auszugleichen. Opium wurde zur ersten Wahl, nachdem es ihm nicht gelungen war, seine Textilprodukte in China zu verkaufen.

Das führte schließlich 1840 zum Opiumkrieg. China wurde besiegt und geriet in eine lange Periode von Chaos, Konflikten, Armut und Rezessionen. Im Jahr 1820 entfiel noch ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung auf China. Danach nahm der Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt immer weiter ab und sank auf weniger als fünf Prozent, bevor es zu den Wirtschaftsreformen und 1978 zur Öffnung kam.

Im späteren 19. Jahrhundert wurde China an den Rand gedrängt, zugleich rückten Japan, Deutschland, Frankreich, Russland und die USA nach der industriellen Revolution ins Zentrum der Weltbühne. Sie alle konkurrierten um Kolonien und Märkte, ihre Produktivität wurde erheblich gesteigert. Es folgten die beiden Weltkriege, und die USA wurden zur dominierenden Macht auf der Welt.

China hat 1,4 Milliarden Einwohner, alle OECD-Länder zusammen nur 1,25 Milliarden

Seit den Wirtschaftsreformen und der Öffnung im Jahr 1978 wird China allmählich wieder zu einem Wirtschaftsgiganten. Allerdings hat die Globalisierung enormes Ungleichgewicht hervorgebracht, wenn man die enorme Größe Chinas in Betracht zieht. Das könnte in einer heterogenen Welt sowohl wirtschaftlich als auch politisch desaströse Folgen haben. Sowohl die Geschichte als auch die Realität sagen uns, dass es wieder an der Zeit sein könnte, dass die Globalisierung abflaut. Drei Punkte spielen dabei eine Rolle.

Erstens ist da die Theorie von Dani Rodrik, sein Trilemma der Globalisierung: Staaten können nicht gleichzeitig demokratisch und souverän sein und an der Hyperglobalisierung partizipieren. Eine Nation muss auf eins der drei Dinge verzichten. Wichtige Staaten haben offensichtlich bereits eine Wahl getroffen.

Die USA und Großbritannien haben sich dafür entschieden, die Hyperglobalisierung aufzugeben und gleichzeitig Demokratie und Souveränität zu wahren, was sich in der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und im Brexit widerspiegelt. Es war keine Überraschung, dass Trump eine Politik gegen Einwanderung betrieb und sich nacheinander aus internationalen Organisationen zurückzog. Auch wenn Trump abgewählt wurde, wird die Politik von Joe Biden nicht ohne protektionistische Elemente auskommen.

Im Gegensatz dazu beschloss China, die Demokratie zu unterdrücken und gleichzeitig von der Hyperglobalisierung zu profitieren und die nationale Souveränität zu wahren. Die europäischen Länder wiederum entschieden sich dafür, einen Teil ihrer souveränen Macht an die EU, eine supranationale Organisation, abzugeben und sich eine internationale Regierungsführung zu eigen zu machen.

Der zweite Faktor ist die Ungleichheit. Sie ist eine Folge der Globalisierung und wird für fast alle Länder zu einem drohenden Problem werden. Viele Industriearbeiter in den USA haben durch Outsourcing ihre gut bezahlten Arbeitsplätze verloren. Von 1978 bis 2015 verringerte die untere Hälfte der Einkommensgruppen in den USA ihr Einkommen sogar um ein Prozent, während die Gruppe der obersten ein Prozent ihr Einkommen fast verdreifachte.

Die Entwicklungsländer beschnitten oft Löhne und Umweltstandards, um wettbewerbsfähig zu werden. Die Ungleichheit nahm ebenfalls zu, obwohl sich das Einkommen in Entwicklungsländern wie in China im Allgemeinen verbesserte.

Drittens spielt die Größe eine Rolle. China hat 1,4 Milliarden Einwohner. Im Gegensatz dazu umfasst die Gesamtbevölkerung der OECD, die 36 demokratisch ausgerichtete Industriestaaten auf der ganzen Welt repräsentiert, nur 1,25 Milliarden Menschen. China hat den größten Industriesektor der Welt aufgebaut und ist weiterhin bestrebt, seine Technologien weiterzuentwickeln, um die Produktivität zu steigern.

Es ist klar, dass der westliche Markt für chinesische Produkte grundsätzlich gesättigt ist. Wie die enorme Produktionskapazität Chinas zu verdauen ist, stellt nicht nur für die chinesische Regierung, sondern für die ganze Welt ein entscheidendes Problem dar.

Es wäre notwendig, dass China ein besseres Sozialversicherungssystem für die Chinesen einrichtet, um den Binnenkonsum anzukurbeln, und dass die Menschenrechte gestärkt werden, um ein faireres System für marktwirtschaftlichen Wettbewerb aufzubauen.

Übersetzt aus dem Englischen.

© SZ
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