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Frankreich:Menschenliebe und Marketing

Das Pariser Start-up Doctolib bietet Software für Video-Sprechstunden - das läuft in der Krise gut.

Stanislas Niox-Château nennt es "ein philanthropisches Engagement". Der Chef des Pariser Medizin-Start-ups Doctolib hat hundert Mitarbeiter abkommandiert, um bei etwa 80 000 niedergelassenen Ärzten in Frankreich Software für Video-Sprechstunden zu installieren. "Bis Ende dieser Woche sind wir damit fertig", sagt Niox-Château. Da in Frankreich wegen der Coronavirus-Pandemie Ausgangssperre herrscht, machen seine Leute die Installationen von zu Hause aus, via Internet, und lernen die Ärzte aus der Distanz an. Solange die Corona-Krise anhält, will der Firmenchef den Medizinern für den Service nichts berechnen. "Das kostet uns eine Million Euro, jeden Monat", sagt er.

Man muss das nicht zwingend als Akt selbstloser Menschenfreundlichkeit werten. Die Kosten, die Niox-Château jetzt auf sich nimmt, können auch schlicht als Marketinginvestition gelten. Denn die Hoffnung des Doctolib-Chefs ist, dass nach der Gratis-Probezeit möglichst viele Ärzte von seiner Videoplattform überzeugt sind. So sehr, dass sie dafür 79 Euro pro Monat zahlen - zusätzlich zu den 129 Euro, die Doctolib für sein hergebrachtes Onlinetool zur effizienten Terminvereinbarung berechnet. Doctolib hilft den Ärzten jetzt in einer Notlage, in der sie überlastet sind und sich vor Risikopatienten schützen wollen. Später dann zahlen sie. So lautet das Kalkül.

In vielen Ländern versetzt die Corona-Krise Anbietern von Telemedizin gerade einen Schub. In Frankreich hat die Regierung den Trend jüngst noch verstärkt: Sie erließ am zehnten März ein Dekret, der es Patienten mit Coronavirus-Symptomen erlaubt, nicht mehr nur den angestammten Hausarzt um eine Onlinediagnose zu bitten. Zudem lässt das Pariser Gesundheitsministerium jetzt sogar solche Sprechstunden von der Krankenkasse vergüten, die über die verbreiteten Messenger-Dienste Whatsapp oder Facetime stattfinden. Weil Notaufnahmen und Wartezimmer entlastet werden sollen, dürfen Ärzte Rezepte und Krankschreibungen also per Smartphone ausstellen.

Prompt nutzt Doctolib die Chance zur Markteroberung. Ebenso der deutsche Rivale Compugroup, der Frankreichs Ärzte ebenfalls mit einem Gratisangebot lockt. In Deutschland dagegen, sagt Niox-Château, sei die Telemedizin so stark reguliert, dass er höchstens einen kleinen Coronavirus-Effekt aufs Geschäft verzeichne. Sein Start-up mit 1250 Mitarbeitern, das bei einer Finanzierungsrunde 2019 von den Geldgebern mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet wurde, zählt in Deutschland etwa 8000 Ärzte als Kunden.

Dass Frankreich das Geschäft mit der Fernbehandlung wegen der Krise für kostenfreie Dienste wie Whatsapp öffnet, verschafft Doctolib zwar unliebsame Konkurrenz. "Es ärgert mich, dass hier Anbieter zugelassen werden, die weniger strengen Datenschutzstandards gehorchen", schimpft Niox-Château. Er wähnt sich dennoch im Vorteil: "Die branchenfremden Anbieter ermöglichen Ärzten keinen sicheren Austausch von digitalen Patientenakten oder die direkte Kostenerstattung."

Niox-Château und seine Wettbewerber können sich dank der Coronavirus-Krise über neue Geschäftsperspektiven freuen. Der Verband der französischen Allgemeinärzte MG France verweist unterdessen darauf, dass die Onlinesprechstunde nicht nur Vorteile hat: "Sie ist kein Wundermittel", heißt es bei dem Verband. "Denn sie steigert das Risiko bei den ärztlichen Entscheidungen."

© SZ vom 19.03.2020
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