bedeckt München 13°
vgwortpixel

Frankreich:Arbeiterkampf

Manifestation intersyndicale contre le projet de la reforme des retraites - parcours entre la Place de la Republique et

Die Rentenreform entzweit nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Gewerkschaften.

(Foto: imago images)

Im Nachbarland eskaliert der Streit um die Rentenreform: Radikale Gewerkschafter drehen gemäßigten Kollegen den Strom ab.

Sie waren schwarz gekleidet, ihre Gesichter vermummt. Sie drangen in das Gebäude ein - und drehten dem ganzen Haus den Strom ab. "Sie wussten genau, wo sich die zentrale Stromversorgung befindet und haben sie einfach abgeklemmt", beschreibt ein Augenzeuge die Aktion, zu deren Ziel Frankreichs größte Gewerkschaft CFDT am Montag wurde. Eine Viertelstunde lang dauerte der Spuk in der Gewerkschaftszentrale, bis die etwa 15 Vermummten wieder abzogen und die CFDT-Leute verdattert zurückließen. Die Störer hatten keinen Ton gesagt. Doch sie hinterließen Flugblätter, auf denen sie ein brisantes Bekenntnis machten: Sie waren von der Konkurrenz, von der marxistisch geprägten CGT, genauer: von deren radikalen Unterverband für Energieberufe.

"Ich verurteile diese Aktion, sie ist inakzeptabel", empört sich CFDT-Chef Laurent Berger und kündigt an, Anzeige zu erstatten. Wieder einmal. Denn schon drei Tage zuvor, am Freitag, hatten sich Gegner der als reformfreundlich geltenden Gewerkschaft Zugang zum CFDT-Gebäude verschafft. Über einen Seiteneingang. Nicht leise diesmal, sondern laut singend.

Unter den zwei wichtigsten Gewerkschaften Frankreichs herrscht plötzlich eine Art Guerillakrieg. Entzündet hat er sich an der Rentenreform von Staatspräsident Emmanuel Macron, die nicht nur die Arbeitnehmerorganisationen entzweit, sondern das ganze Land. Nach mehr als 45 Tagen des Arbeitskampfs, Wochen des Ärgers über lahmgelegte Züge und U-Bahnen, halten viele Reformgegner den Streik nicht mehr durch. Dafür radikalisiert sich der Protest, das gesellschaftliche Klima ist zunehmend angespannt.

Macron höchstselbst musste am vergangenen Wochenende kurzzeitig in Sicherheit gebracht werden, weil Demonstranten versuchten, ein Theater zu stürmen, in dem der Präsident eine Vorstellung besuchte. Am Dienstag schlug die CGT-Energiesparte wieder zu, als sie zwei Stunden lang Vororten im Süden von Paris den Strom abdrehte; auch der Flughafen Orly war betroffen. Besonders heikel aber sind die Angriffe auf die CFDT, die von hartleibigen Reformgegnern des Verrats geziehen wird.

CFDT-Chef Berger lehnt zwar die ursprünglich von Macrons Regierung vorgesehene Anhebung des Renteneintrittsalters von 62 auf 64 Jahre ab, unterstützt ansonsten aber die geplante Einführung eines einheitlichen Rentensystems. Nachdem die Regierung Verhandlungen über das Eintrittsalter zugesagt hatte, stieg er aus der Protestfront aus. Das macht andere wütend. "Es stört manche eben, dass die CFDT nicht im Schwarz-weiß-Denken verhaftet ist", sagt Berger trotzig.

Die erste Guerillaaktion gegen seine Gewerkschaft ließ sich noch nicht klar der Rivalin CGT zuschreiben. Sie wurde von Beschäftigten der Staatsbahn und der Pariser Verkehrsbetriebe orchestriert, unter ihnen waren auch Gewerkschafter. Auf einem Video, das im Netz kursiert, ist zu sehen, wie etwa 30 Personen in das Gebäude eindringen. Berger zufolge wurden seine Mitarbeiter beleidigt und bespuckt. Einer sei zu Boden geworfen worden. "Es gab weder verbale noch körperliche Gewalt", zitiert dagegen die Nachrichtenagentur AFP einen Mann, der bei der Aktion dabei war.

Eindeutig ist die Beteiligung der CGT jedoch an der Stromabschaltung Anfang dieser Woche. In einer Mitteilung von CGT Énergie heißt es, man habe "die Klassen-Kollaborateure ins Dunkel tauchen" wollen. Erzfeind Berger verhandle mit der Regierung lediglich "die Formen und die Farben der Ketten, in die wir gelegt werden".

Für einen ist der Krawall wohl noch unangenehmer als für Berger: für CGT-Chef Philippe Martinez. Der beeilte sich erst zu erklären, seine Organisation habe mit den Attacken auf den Kontrahenten nichts zu tun. Später blieb ihm nichts anderes übrig, als sich von den eigenen Aktivisten zu distanzieren. Er lege wert auf "eine demokratische Debatte, in der jede Gewerkschaft ihre Positionen haben darf", so Martinez.

Nebenbei wurde dabei aber auch klar: Martinez hat seine Leute nicht mehr Griff, der Kampf um die Rente eskaliert. Für Freitag sind die nächsten großen Demonstrationen angekündigt.

© SZ vom 22.01.2020
Zur SZ-Startseite