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Forum:Mehr Seele in der Firma

Psychoanalyse und Wirtschaft verbindet die Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu begreifen. Zwei Wissenschaftler plädieren für eine psychodynamisch orientierte Unternehmensführung.

Wie kann etwas heute noch funktionieren, das aus dem 19. Jahrhundert stammt? So lautet ein häufiger Einwand gegen psychoanalytisch orientierte Ansätze in der Wirtschaftsberatung. Tatsächlich entstand die Psychoanalyse Freuds um 1900 in Wien - also in einer Zeit, die mit den Herausforderungen der Gegenwart wenig gemein haben mag. Aber es gibt mehr Bezüge, als man denkt.

Globalisierung und Digitalisierung haben die Wirklichkeit in Unternehmen und Organisationen zuletzt radikal verändert. Begriffe wie "New Work" oder "Arbeit 4.0" verdeutlichen eine bislang nicht gekannte Dynamisierung und Technisierung der Arbeitswelt. Zentraler Wert ist dabei der individuelle Erfolg, der das Leistungsprinzip längst abgelöst hat. Denn längst haben die Finanz- und Währungskrisen viele Menschen aufgerüttelt und allgemein das Gefühl entstehen lassen, trotz individueller Qualifikation und Leistungsbereitschaft in der Moderne nicht mehr sicher zu sein.

Die zunehmende Komplexität der Arbeitswelt verlangt vom Einzelnen eine fortlaufende Bereitschaft zur Selbstoptimierung. Viele Menschen leiden unter der seelischen Abgeschlossenheit, die die Profitgesellschaft ihnen abverlangt - und das ist nicht anders als zu Freuds Zeiten.

Häufige Folge ist die Angst vor dem gesellschaftlichen Abgehängtwerden. Während der Wiener Liberalismus der Jahrhundertwende sich noch über bürgerliche Werte und Strukturen definierte, fordert der digitalisierte Kapitalismus der Postmoderne das autonome Erfolgsselbst ein. Die Fragwürdigkeit des Selbstoptimierungswahns zeigt sich auch daran, dass der Erfolg einer Organisation eher von der Qualität der sozialen Beziehungen unter den Mitgliedern abhängt als vom Ego Einzelner. So stellt sich also auch im Unternehmenskontext die Frage nach dem Geheimnis glückender Beziehungen und Begegnungen. Die Psychoanalyse verfügt hierzu über ein breites Erfahrungswissen.

Was Individuen verbindet, sind zunächst Fantasievorstellungen, die auf das Gegenüber übertragen werden. Diese Übertragungen können positiver wie negativer Art sein, meist sind sie beides, also ambivalent. Anhand solcher unbewussten Vorannahmen über den anderen knüpfen wir an frühere Beziehungserfahrungen an und verschaffen uns beim Umgang mit anderen Menschen Orientierung, indem wir uns an unsere individuelle Lebensgeschichte erinnern. Tendenziell kann sich so zum Beispiel im Verhältnis zu Vorgesetzten, Netzwerkpartnern oder Kunden ein bestimmter Zug der Vater- oder Mutterbeziehung als Auslöser erweisen, ein Beziehungsmuster aus der Vergangenheit in der Gegenwart zu wiederholen, ohne dass der Bezug tatsächlich klar wird.

Sind wir ehrlich: Wichtige Entscheidungen werden aus dem Bauch getroffen

In der geschützten Prozessarchitektur der psychoanalytischen Arbeit lässt sich nun die unbewusste Dynamik von Beziehungserfahrungen in der konkreten Unternehmensorganisation einsetzen, was von Teilnehmern in der Regel als bereichernd wahrgenommen wird. Dennoch gilt der subjektive Ansatz der Psychoanalyse zumindest in deutschen Wirtschaftsunternehmen vielen noch als zu wenig rational. Nach allgemeiner Ansicht dürfen ja nur objektiv messbare Kriterien Einfluss auf Unternehmensentscheidungen haben. Dabei erweist sich gerade das Irrationale auch in durchrationalisierten Strukturen als ein ständiger Begleiter: Wichtige Entscheidungen werden aus dem Bauch getroffen - und Statistik und Bilanzen dienen allenfalls nachträglich der Absicherung der Entscheidung.

Aber auch die Rede von Unternehmergeist und Unternehmensphilosophie verweist auf die tragende Bedeutung der Fantasie im Wirtschaftsleben. Fantasien können jedoch auch zu realitätsfernem Wunschdenken verleiten: Der milliardenteure Abgas-Skandal bei Volkswagen mag ein aktuelles Beispiel dafür sein, wie eine Marktführerposition durch mangelnden Realitätssinn verspielt wurde.

Psychoanalytisch orientierte Berater suchen differenzierte Zugänge zur Realitätswahrnehmung zum Beispiel in der Kommunikationskultur eines Unternehmens. Zugleich vermitteln sie den Führungsmitgliedern einer Organisation ihre Techniken und tragen somit zu einer nachhaltigen Veränderungsfähigkeit einer Organisation und ihrer Mitglieder bei. Anders als in den USA oder in England jedoch klammert die herkömmliche Wirtschaftspsychologie in Deutschland unbewusste Vorgänge noch aus.

Dabei ist Psychoanalyse ein sehr wirksames Instrument, um ein erweitertes Verständnis für das Alltagsgeschick gerade auch in Organisationen zu bekommen. Bereits Sigmund Freud übertrug seine Einblicke in die Funktionszusammenhänge des Seelenlebens auf die Dynamik in Gruppen. Im England der 1940er-Jahre gelangten dann psychoanalytische Ansätze und Techniken über die "Tavistock Conferences" in die betriebliche Personalarbeit. Seither wurden die Methoden der psychoanalytischen Arbeit in Organisationen weiterentwickelt und international verbreitet - nur nicht in Deutschland.

Ungeachtet des Selbstoptimierungsdrucks auch in unserer Wirtschaftskultur fällt es oftmals schwer, im Job gerade auch jene das Selbst betreffenden Nöte anzusprechen. Dabei bieten Organisationen den besten Rahmen, um aus der systembedingten Isolation herauszutreten. Der offene psychoanalytische Ansatz in der Unternehmensberatung ist hier sehr problemorientiert, verweigert sich jedoch einfacher und schneller Lösungsangebote. Er kann für sich in Anspruch nehmen, der bewusste Diskurs der Vernunft über das Irrationale zu sein, das sich beispielsweise in Wiederholungsphänomenen bemerkbar macht: Muss eine Stelle wiederholt ausgeschrieben werden, weil ein strukturell bedingter Konflikt in einer Organisation nicht gelöst wurde, drohen hohe Zusatzkosten und Reputationsverluste.

Vor allem aber leidet die Seele im Unternehmen. Eine psychodynamisch orientierte Unternehmensführung kann dazu beitragen, Führungskräften und Mitarbeitern mehr Raum zur Entfaltung zu geben und die Arbeitsbeziehungen intelligenter und zukunftsfähiger zu gestalten.

© SZ vom 29.02.2016

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