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Forum:Innovative Gründer fördern

Alexander_Kritikos, Forum 14.9.2020

Alexander S. Kritikos ist Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Potsdam.

(Foto: OH)

Die Corona-Krise trifft junge Firmen besonders hart. Der Staat muss ihnen helfen und für ein insgesamt gutes Start-up-Klima sorgen. Deutschland braucht eine positive Einstellung zum Unternehmertum.

Von Alexander S. Kritikos

Ein dynamisches Gründungsgeschehen ist gerade in Krisenzeiten wünschenswert. Eines, das Wachstumsimpulse setzt, indem neu entstandene Marktlücken entdeckt und zukunftsweisende Innovationen geschaffen werden. Doch darauf können wir derzeit nur begrenzt hoffen. Die Covid-19-Krise trifft das Gründungsgeschehen in Deutschland gleich in mehrfacher Hinsicht hart, und die Bundesregierung hat darauf noch nicht ausreichend reagiert.

Derzeit droht nicht nur Selbständigen im Allgemeinen, sondern unter den kurz vor der Krise gegründeten Unternehmen im Besonderen eine Welle von Geschäftsaufgaben. Mancher Gründung dürfte die Geschäftsgrundlage über Nacht verloren gegangen sein, manche haben bereits ihr Geschäft wieder aufgegeben, vielen steht finanziell das Wasser bis zum Hals.

Nun stellt sich so mancher auf den Standpunkt, dass in der Frühphase der Umsetzung einer Geschäftsidee ökonomische Unsicherheit fester Bestandteil unternehmerischer Aktivitäten sei. Deshalb solle sich der Staat auch in Zeiten von Covid-19 jeglicher finanziellen Unterstützung von Gründungen und Start-ups enthalten. Die Betroffenen müssten agil sein und sich neue Märkte und Tätigkeitsfelder suchen, die sich ja auch in dieser Krise aufgetan haben. Allerdings ließe sich dem entgegenhalten, dass dies nur auf idiosynkratische Risiken oder Unsicherheiten zutrifft, aber nicht auf systemische Schocks. Denn im Fall staatlich verordneter Ausgangsbeschränkungen tragen die Gründer und Start-ups keine Verantwortung für den Entzug ihrer Geschäftsgrundlagen. Über das Für und Wider staatlicher Hilfe für frisch gegründete Unternehmungen lässt sich trefflich streiten.

Die Regierung sollte den Gründungszuschuss wiederbeleben

Hinzu kommt ein zweites Problem: Das Gründungsgeschehen ist seit Beginn der Pandemie - wenig überraschend - zurückgegangen. Aber auch künftig ist nicht mit mehr, sondern eher mit weniger Gründungen zu rechnen, wie ein Blick auf die Zeit nach der Finanzkrise 2008/2009 zeigt. Damals wirkte sich selbst zwei Jahre später die Finanzkrise noch immer negativ auf das Gründungsgeschehen aus. Davon können wir auch dieses Mal ausgehen.

Verstärkt werden könnte eine solche negative Entwicklung durch ein drittes Problem: Die aktuelle Krise hat Selbständige anteilig stärker getroffen als abhängig Beschäftigte. Gleichzeitig erhalten sie von staatlicher Seite weniger Unterstützung. Zwar hat der Bund im Frühjahr Soforthilfen und jüngst weitere Überbrückungshilfen bereitgestellt. Doch sind diese Hilfen nicht ausreichend zielgenau. Zum einen sind sie für Gründungen ohne hinreichende Marktaktivitäten im Jahr 2019 kaum zugänglich. Zum anderen decken die Hilfen nur fixe Betriebskosten der Unternehmungen, was vielen Selbständigen etwa in den Wissensdienstleistungen nur begrenzt hilft: Sie haben kaum solche Ausgaben.

Das Letzte, was der Standort Deutschland derzeit braucht, ist, dass die in den vergangenen Jahren zunehmend positive Einstellung zu Unternehmertum und Gründungen durch die aktuelle Entwicklung Schaden nimmt. Das hat die Bundesregierung im Prinzip auch erkannt und erste Maßnahmen auf den Weg gebracht. Vor allem hat der Bund eine Unterstützung von zwei Milliarden Euro für "Start-ups" und "Scale-ups", also groß gewordene Start-ups zugesagt. Diese machen aber weniger als ein Prozent aller Gründungen aus. An der breiten Mehrheit der Gründungen geht dieser Topf somit vorbei.

Daher gilt es, dieser Gemengelage durch eine differenziertere Ausgestaltung der staatlichen Instrumente Rechnung zu tragen: Zum einen sollte der "Start-up-Schutzschild", der sich auf Start-ups und Scale-ups aus der Zeit vor der Krise konzentriert, durch Finanzierungsangebote für innovative Gründungen - über die bereits bestehende Projektfinanzierung hinaus - ergänzt werden, die Marktlücken in der Krise aufgrund des veränderten Marktgeschehens aufgetan haben. Gründungen also, die diese Krise als Chance sehen und die digitale Transformation der Wirtschaft und den damit verbundenen Strukturwandel vorantreiben oder direkte Antworten auf die gesundheitlichen Herausforderungen in Folge der Covid-19-Pandemie liefern wollen. Denn immerhin gab es in diesen sehr speziellen Segmenten des innovativen Gründungsgeschehens, insbesondere im Handel, dem Medizinbereich und im Bildungssektor, eine gewisse Zunahme an Gründungen. Manche von ihnen werden bald zusätzliches Kapital benötigen und auf einen in diesen Krisenzeiten weitaus vorsichtigeren Risikokapitalmarkt stoßen. Staatliches Beteiligungskapital könnte hier effektiv ansetzen.

Gleichzeitig muss der Bund genau prüfen, bei welchen größeren Start-ups, die aus der Zeit vor der Krise stammen, er sich über den Schutzschild mit Beteiligungskapital engagieren möchte. Das führt nochmals zurück zur Grundsatzdiskussion über staatliche Hilfen für Gründungen. Als Synthese ließe sich ableiten: Wenn der Staat in der zweiten Phase dieser Krise Gründungen finanziell helfen und bei Start-ups sogar als Kapitalgeber einsteigen will, sollte er sich auf solche konzentrieren, deren Geschäftsideen trotz oder gerade in diesen unsicheren Zeiten der Covid-19-Krise noch eine Zukunft haben, auch wenn das nicht immer leicht zu beurteilen sein wird. Das sollte vor allem unabhängig davon gelten, mit wie viel Wagniskapital die Unternehmungen bereits ausgestattet wurden.

Zum anderen sollte dem drohenden Einbruch im Gründungsgeschehen entgegengewirkt werden. Dies gilt umso mehr, als die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten ansteigen wird. Um Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus zu fördern, wäre die Wiederbelebung des Gründungszuschusses ein geeignetes Instrument. Ziel des Gründungszuschusses ist es, den Lebensunterhalt in der Startphase der beruflichen Selbständigkeit zu sichern. Der Zuschuss hatte sich in der Vergangenheit als äußerst erfolgreiches Instrument der Gründungsförderung etabliert.

Zu guter Letzt sollten die Gründer und Selbständigen nicht vergessen werden, die ihre Tätigkeit in diesen unsicheren Zeiten aufgeben mussten. Mit zunehmender Dauer der Krise wird es wichtig werden, diese durch Angebote für Weiterbildung und Umschulungen aufzufangen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierung die Prioritäten nachjustiert, um weitere Wachstumsimpulse durch mehr Innovationen und die Unterstützung der digitalen Transformation zu setzen. Es ist an der Zeit, dass sich in Reaktion auf diese Krise ein dynamisches Gründungsgeschehen entfaltet - es kann das ersehnte Comeback der Wirtschaft nur stärken.

© SZ vom 14.09.2020

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