Forum Frankreich als Vorbild

Andreas Peichl ist Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU München. Er forscht unter anderem zur Ungleichheit und Chancengerechtigkeit.

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Frauen müssen endlich dieselben Chancen haben: durch eine andere Besteuerung, bessere Kinderbetreuung und einen Kulturwandel.

Von Andreas Peichl

Der aktuelle europäische Gleichstellungsbericht hat es mal wieder gezeigt: Deutschland ist im EU-Vergleich bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern allenfalls Mittelmaß. Laut dem im Juni vorgelegten Gleichstellungsbericht zeigt sich die Bundesregierung zwar "stets bemüht", die Situation zu verbessern. Doch wie in der Zeugnissprache ist dies ein vernichtendes Urteil für die Anstrengungen von Bundesregierung und Bundestag.

Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist mittlerweile hinlänglich bekannt und macht dennoch jedes Jahr wieder aufs Neue Schlagzeilen: Frauen "verdienen" mehr als 20 Prozent weniger als Männer. Der Lohnabstand reduziert sich auf sieben Prozent, wenn wir Unterschiede zum Beispiel in der Branchen- oder Arbeitszeitwahl berücksichtigen. Ein Großteil des Unterschieds kommt also daher, dass Frauen andere Tätigkeiten ausüben als Männer. So fällt immer wieder der geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen auf, insbesondere in Vorständen von Unternehmen, wo ihr Anteil gerade mal bei sechs Prozent liegt. Frauenquoten für Posten in Aufsichtsräten oder Vorständen alleine werden das Problem jedoch nicht lösen. Abgesehen davon, dass es für die "Quotenfrau" auch demütigend sein kann, wenn ihr das Signal gegeben wird, dass "sie es ohne Hilfe nicht schafft", liegen die Ursachen für die Unterschiede bei der Bezahlung in Deutschland tiefer. Und solange wir nicht die Ursachen bekämpfen, hilft ein Herumdoktern an den Symptomen nicht weiter.

Denn einige Ursachen für die fehlende Gleichstellung könnten beseitigt werden, wenn man denn wollte: Unsere Institutionen haben entscheidenden Anteil sowohl an der Lohnlücke als auch an dem niedrigen Anteil von Frauen in Spitzenpositionen. Natürlich spielen auch soziale Normen und individuelle Präferenzen eine wichtige Rolle. Aber auch diese werden durch Institutionen beeinflusst. Und im Gegensatz zu sozialen Normen und Präferenzen kann der Gesetzgeber die juristischen Normen ändern. Doch der männlich dominierte Bundestag (mit fast 70 Prozent Männern in der neuen Legislaturperiode) hat bislang wenig Interesse gezeigt, die Situation zu ändern und wirklich mehr Gleichstellung zu fördern - vielleicht wenig verwunderlich: Sind Eintrittsbarrieren nicht ein beliebtes Mittel, um sich unerwünschte Konkurrenz vom Leib zu halten?

Um welche Institutionen geht es? Die Klassiker sind das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Familiensozialversicherung und die mittlerweile zwar verbesserte, aber immer noch nicht sehr gute Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen. Diese und andere Regelungen des deutschen Steuer-, und Transfersystems führen zu Abgabenquoten von bis zu 100 Prozent für Zweitverdiener, wie der Ökonom sagt. In anderen Worten: Wenn eine Frau (der überwiegende Teil der Zweitverdiener in Paaren sind Frauen) anfängt zu arbeiten oder ihre Arbeitszeit ausweitet, kann es vorkommen, dass von einem Brutto-Euro zusätzlich netto fast nichts übrig bleibt.

Kein Wunder also, dass es keinen Anreiz für eine verstärkte Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt gibt und die Alleinverdiener-Ehe immer noch die dominante Lebensform von Paaren mit Kindern ist. Ganz so, wie zu Ende des 19. Jahrhunderts, als insbesondere unter Bismarck in Preußen die Grundlagen unseres heutigen Sozial- und Steuersystems gelegt wurden. Ein ganzes Jahrhundert ist vergangen, aber am Rollenbild der Frau in der Gesellschaft hat sich nicht viel geändert - zumindest was die Institutionen angeht. Hier besteht also erheblicher Handlungsbedarf!

Aber es gibt noch weitere Baustellen. Frauen in Führungspositionen haben einen deutlich reduzierten arbeitsrechtlichen Schutz. Juristisch nachvollziehbarer Hintergedanke ist ihre geringere Schutzbedürftigkeit im Vergleich zu "normalen" Angestellten. Zwar hat der Gesetzgeber sich nun in einer Neuregelung des Mutterschutzgesetzes von Januar 2018 an dazu entschieden, Geschäftsführerinnen und Vorständinnen zukünftig auch den mutterschutzrechtlichen Gesundheitsschutz zukommen zu lassen und hierdurch schwangerschaftsbedingte Kündigungen zu erschweren. Auf den Entgeltschutz und damit zum Beispiel das Mutterschaftsgeld müssen Frauen aber weiter verzichten, und auch beim Elterngeld gibt es Unterschiede. Das ist bei einem entsprechend dotierten Vorstandsvertrag trotz der Lohnlücke vermutlich noch zu verschmerzen. Schön ist es trotzdem nicht und politisch auch das falsche Signal. Für viele Frauen bedeutet dies, entweder den Kinderwunsch oder den Karrierewunsch zurückzustellen. Vielleicht ist die Problematik aber auch deshalb nicht so bekannt, weil es eben nicht viele Frauen in Führungspositionen gibt. Und die wenigen, die es gibt, haben entweder auf Kinder verzichtet oder das gebärfähige Alter überschritten.

Frauen übernehmen gut 50 Prozent mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt als Männer

Darüber hinaus gibt es beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch viel zu tun. Leider ist noch immer oft eine kinderfeindliche Unternehmenskultur vorzufinden, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer diskriminiert, die familiäre Aufgaben übernehmen wollen. Nach dem Motto: "Elternzeit - wollen Sie etwa keine Karriere machen?". So wundert es nicht, dass Frauen täglich gut 50 Prozent mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt leisten als Männer. Auch die Flexibilität von Arbeitszeit-Modellen kann verbessert werden, und Sitzungen von Geschäftsführungen müssen nicht erst nach Schließung der Kitas beginnen. Zwar hat der Gesetzgeber bei diesen Punkten keinen direkten Einfluss, aber durch entsprechende Reformen kann er ein Zeichen setzen.

Wenn wir wirklich die Chancengerechtigkeit erhöhen und mehr Frauen in Führungspositionen bringen wollen - und nicht wollen, dass gut ausgebildete und hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu Hause am Herd bleiben - dann müssen wir die tieferliegenden Ursachen und nicht die Symptome bekämpfen, indem wir unsere Institutionen modernisieren und nicht weiter einem antiquierten Rollenbild folgen. Dann besteht auch die Chance, dass soziale Normen und individuelle Präferenzen sich ändern.

Der Weg zu einem modernen System ist einfach - schauen wir nur nach Frankreich oder auf unsere skandinavischen Nachbarn: Niedrige Grenzbelastung für Zweitverdiener durch mehr Individualbesteuerung (zum Beispiel in Form eines Real- oder Familiensplittings), optimale Kinderbetreuung, großzügige Mutterschutz-, Elternzeit-Regelungen, und noch vieles mehr.

Doch solche Reformen muss man auch wollen. Hierfür ist der Gesetzgeber in der neuen Legislaturperiode gefordert.