Forum Flüchtlinge aufs Land!

Der promovierte Jurist und Politikwissenschaftler Daniel Dettling ist Leiter des Berliner Büros des Zukunftsinstituts, das für die Bertelsmann Stiftung ein Dossier "Vom Willkommen zum Ankommen" erstellt.

(Foto: Martin Joppen)

Wieso die Integration der neuen Ankömmlinge in Kleinstädten und Gemeinden meist besser gelingt.

Von Daniel Dettling

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Deutschland diskutiert die Flüchtlingsfrage. Das Land hat in den vergangenen zwei Jahren mehr als eine Million Menschen aufgenommen. Die Mehrheit von ihnen hat eine Bleibeperspektive und kann sich dauerhaft im Land aufhalten. Nun wird der Nachzug ihrer Familien zur nächsten Herausforderung. Umso wichtiger ist es, weniger grundsätzlich zu diskutieren als vielmehr konkret - zum Beispiel über die räumliche Verteilung der neuen Geflüchteten.

Einen Großteil der neuen Geflüchteten zieht es in die Großstädte. Dabei leben in den Ballungsgebieten heute bereits doppelt so viele Migranten wie in den kleinen und mittleren Städten oder auf dem Dorf. Zuwanderung findet bislang vor allem in den Großstädten statt. Dort wird der Wohnraum immer knapper und die Mieten entsprechend teurer. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund lebt in städtischen, nur zwölf Prozent in ländlichen Regionen.

Die Großstädte tragen heute den Hauptteil der Integration in Deutschland. Zentrale Kriterien wie Arbeitsmarkt, Wohnraum und Infrastruktur sind in den größeren Städten jedoch unzureichend. Das neue Integrationsgesetz will dies ändern, wird von vielen Bundesländern jedoch nicht als Chance gesehen.

Das Integrationsgesetz bezweckt eine Neuverteilung der neuen Geflüchteten. Ihr zentrales Instrument ist die Wohnsitzauflage. Die Länder können die freie Wohnortwahl anerkannter Flüchtlinge, die Sozialleistungen beziehen, bis zu drei Jahre beschränken. Verhindert werden sollen Parallelstrukturen in den Ballungszentren, erleichtert werden soll die gesellschaftliche Integration der neuen Geflüchteten.

Deutschland hat bereits Erfahrungen mit dem Instrument der Wohnsitzauflage gemacht. Zwischen 1990 und 2009 wurden Hunderttausende Spätaussiedler vor allem aus Russland und aus Kasachstan dezentral aufgenommen und integriert. Die damalige Wohnsitzauflage gilt als großer Erfolg und Katalysator der Integration der Spätaussiedler.

Einer Befragung zufolge waren fast drei Viertel der Spätaussiedler mit dem zugewiesenen Wohnort zufrieden. Nur für wenige Betroffene stellte das damalige Wohnortzuweisungsgesetz nach eigenen Angaben einen spürbaren Eingriff in die Lebensgestaltung dar. Auch im Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration schnitten ländliche und kleinstädtische Gebiete aus Sicht der Betroffenen besser ab als Ballungsgebiete. Die hohe lokale Bleibequote von fast 65 Prozent gilt auch heute als Beleg für den Erfolg der damaligen Wohnsitzauflage.

Es gibt gute Argumente für das Landleben. Man muss die Menschen davon aber überzeugen

Die Situation ist heute eine völlig andere als in den 1990er-Jahren. Die Arbeits- und Wohnungsmärkte standen vor mehr als 20 Jahren bundesweit an ihren Kapazitätsgrenzen. Seit einigen Jahren ist ein anderer Trend zu beobachten: Die Bevölkerung verteilt sich innerhalb Deutschlands um. Viele Regionen schrumpfen, während einige Städte wachsen. Abwanderung ist heute kein Ost-West-Phänomen mehr. Die ländlichen Räume verlieren bundesweit zunehmend Einwohner. Das Bundesgebiet spaltet sich demografisch. Während in vielen ländlichen Regionen Wohnungsleerstand, ein Mangel an Fachkräften und sozialer Infrastruktur herrscht, gibt es in den größeren Städten und Metropolen Wohnungsnot und ein Überangebot an Arbeitsnachfrage.

Dabei spricht ökonomisch einiges für die ländlichen Regionen. Viele Regionen, die von Abwanderung bedroht sind, suchen händeringend nach Arbeitskräften. Nur in zehn deutschen Landkreisen ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Arbeitsplätze gesunken. Viele erfolgreiche Weltmarktführer haben auf dem Land ihren Sitz. Die Mehrheit dieser meist kleinen und mittleren Unternehmen sucht Fachkräfte, fast alle suchen Auszubildende. Die Beschäftigung ist im ländlichen Raum deutlich stabiler. Die Zahl der Arbeitslosen geht dort stärker zurück als in den Großstädten.

Auch die Wohnungssituation ist auf dem Land besser. Wegen der höheren Lebenshaltungskosten insbesondere fürs Wohnen gilt nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft jeder fünfte Bewohner einer deutschen Großstadt als Kaufkraft-arm. 25 bis 45 Prozent vom Einkommen geben Städter für Miete aus, in ländlichen Regionen sind es oft nur zehn Prozent. Die Eigenheimquote liegt hier bei 80 Prozent. Die Armut konzentriert sich zunehmend in den Metropolen und Ballungsgebieten. So hat Nordrhein-Westfalen eine geringere Kaufkraft als Thüringen.

Die schulische Integration gelingt in Klassen mit keinem oder einem geringen Anteil an Migranten besser. Auch das freiwillige Engagement der Bürger ist entscheidend. Im ländlichen Raum sind die Bürger engagierter als in den Städten, ihre sozialen Netzwerke sind stabiler. Das Vereinsleben ist in den Dörfern und Kleinstädten bunter und aktiver. Viele Kleinstädte haben mehr Geflüchtete aufgenommen, als sie mussten.

Entscheidend ist am Ende die Bereitschaft der neuen Geflüchteten sich dauerhaft in ländlichen Regionen niederzulassen und zu integrieren. Die Argumente für das Landleben müssten sie überzeugen: schneller Umzug von der anonymen Massenunterkunft in eine individuelle Privatwohnung und rasche Erteilung einer Arbeitserlaubnis. Bestimmten Berufsangehörigen wie Krankenschwestern, Pflegern, Erziehern und Handwerkern könnte ein Paket angeboten werden: Wohnung, Deutschkurs und Arbeit oder Ausbildung.

Vor allem Familien mit Kindern würden sich hiervon angesprochen fühlen. Auch die Zeit spricht für eine Ansiedlung von geflüchteten Familien auf dem Land. Bis neue Wohnungen in den Städten genehmigt und gebaut sind, vergehen Jahre.

Deutschland hat keine nationale Strategie für die Zuwanderung und Integration und gefährdet so seine eigene Zukunftsfähigkeit. Ohne mehr Zuwanderung werden viele Regionen schon bald den Status quo ihrer öffentlichen Infrastruktur nicht halten können: Kindergärten, Schulen, Schwimmbäder, Nahverkehr. Die Zuwanderung von Hunderttausenden Geflüchteten in den vergangenen Jahren ist zwar kein Allheilmittel für die Entwicklung des ländlichen Raums. Indem viele Bundesländer die neue Wohnsitzauflage nicht mit Leben füllen, vergeben sie jedoch eine große Chance.

Länder, die für Zuwanderung nicht offen sind, werden von der Abwanderung der eigenen Bevölkerung in Zukunft umso härter getroffen. Wohlstand entscheidet sich in einer globalisierten Welt zunehmend regional. Aus dem Problem wird eine Lösung: Flüchtlinge aufs Land!