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Mitchell Baker ist Mitgründerin von Mozilla, das vor allem für den Browser Firefox bekannt ist. Baker ist Chefin der Mozilla Corporation. Hinter dem Unternehmen steht die gleichnamige gemeinnützige Stiftung.

(Foto: Johannes Simon)

Die Krise zeigt, wie sehr wir das Internet brauchen. Aber wir brauchen ein besseres. Fünf Punkte, die wir jetzt anpacken müssen.

Gastbeitrag von Mitchell Baker

Eine Krise erschüttert die Welt. Der Wandel vollzieht sich in verwirrender Geschwindigkeit. Ob das Ergebnis positiv oder negativ sein wird, hängt letztlich davon ab, wie schnell wir unseren gemeinsamen Willen umsetzen. Von Fiebermessungen bis hin zur Kontaktverfolgung, in der Wissenschaft oder beim E-Learning - ohne das Internet könnten wir unsere aktuellen Herausforderungen nicht meistern. In dieser Krise haben wir ein Internet erlebt, in dem die Menschlichkeit aufblüht. Sie hat uns allerdings auch den Hang zu Fehlinformationen, Machtkonsolidierung, verstärkter Überwachung und zu Schuldzuweisungen gezeigt. Heute zielt Technologie allzu oft darauf ab, Menschen zu manipulieren: Sie sollen in einer Weise handeln, die für wenige gewinnbringend, aber für viele schädlich ist. Das können wir nicht länger hinnehmen.

Ich habe von den Ursprüngen des Internets an einen verbraucherorientierten Ansatz verfolgt, daher weiß ich: Untätigkeit kann sich unüberwindbar anfühlen - bis sie es plötzlich nicht mehr ist. Menschen, Technologie und Willenskraft können die Welt verändern, und zwar schnell. Deshalb ist es unsere Pflicht, etwas Besseres zu verlangen. Technologen müssen ihren Anteil daran leisten, indem sie Produkte anders aufbauen. Bürger müssen mitwirken, indem sie sich Gehör verschaffen. Die Zusammenarbeit von Herstellern und Verbrauchern führt zu branchenweiten Veränderungen. Dabei können wir mit fünf Kernelementen beginnen.

Erstens brauchen wir verlässliche Sicherheit. Unsere persönlichen Daten sollten vor Hackern, Spionen und Fremden geschützt werden. Der Webverkehr muss sicher zu und von unseren Banken, Arztpraxen und Unternehmen fließen. "Let's Encrypt", ein Bündnis, an dessen Gründung Mozilla mitgewirkt hat, bietet jetzt bei mehr als 85 Prozent der Web-Transaktionen mehr Sicherheit, indem das "s" in "https://" hinzugefügt wird - das "s" steht für Sicherheit. Und es ist der Beweis, dass Sicherheit im großen Maßstab möglich ist. Wir können allerdings noch weiter gehen: Stellen Sie sich zum Beispiel Videokonferenzen mit verstärktem Schutz vor Eindringlingen vor.

Zweitens müssen wir einen fairen Umgang fordern, wenn es um unsere Daten geht. Wir alle müssen möglicherweise Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen, um dieser Pandemie ein Ende zu bereiten. Das sollte jedoch keine Lizenz für einen dauerhaften, unbegrenzten Zugriff auf diese Daten sein. Heute nutzen große Technologieunternehmen Daten, um uns Werbung anzuzeigen. Regierungen nutzen sie zur Überwachung, maschinelle Lernprogramme extrahieren sie terabyteweise. Das alles geschieht fast ohne jede Kontrolle. Neue Modelle der Datenhoheit wie "Data Trusts", also auf Deutsch eine Art Datentreuhand, sind hier richtungsweisend. Es ist an der Zeit, eine Welt zu erschaffen, in der Einzelne ihre eigenen Daten kontrollieren. Wir müssen Daten für uns selbst behalten können, wann immer wir möchten, aber auch die Möglichkeit haben, sie für das öffentliche Wohl zu spenden oder sie gegen Vorteile wie niedrigere Preise einzutauschen.

Drittens ist die Förderung vertrauenswürdiger Inhalte entscheidend. Ein besseres Internet wird dazu beitragen, Menschen vor Fehlinformationen zu schützen. Dafür müssen wir die Anreize für Plattformen verändern und den Nutzern mehr Auswahlmöglichkeiten für Inhalte bieten. Plattformen wie Facebook und Youtube haben gezeigt, dass sie Menschen den Weg zu akkurater Information über Covid-19 weisen können. Plattformanbieter haben Schritte unternommen, um Algorithmen so zu verändern, dass Fehlinformationen sich nicht mehr viral verbreiten. Für ein besseres Internet müssen Plattformen diese Bemühungen deutlich ausbauen. Sie müssen transparentere KI-Praktiken entwickeln und mit Forschern und Regierungen zusammenarbeiten, um die Verbreitung von Fehlinformationen zu verhindern, bevor es zu spät ist.

Viertens braucht es im Internet Respekt. In dieser Krise sehen wir online zwar viel Güte. Gleichzeitig beobachten wir aber, wie Menschen systematisch zu Sündenböcken gemacht und beleidigt werden. Es ist an der Zeit, Produkte zu entwickeln, die es schaffen, Interaktionen ohne Empörung zu fördern. Unternehmen schließen sich bereits zusammen, um Verhaltenskodizes für Veranstaltungen und Online-Foren einzuführen. In einem besseren Internet sollten unsere sozialen Netzwerke über Ethikstandards und eingebaute Instrumente verfügen, die helfen, Belästigungen und Gewaltandrohungen zu erkennen und zu stoppen.

Fünftens brauchen wir den universellen Zugang zum Internet. Wir sehen gerade, wie wichtig es für jeden von uns ist, online zu sein. Doch Milliarden von Menschen weltweit haben erst gar keinen Zugang zum Internet. Und viele mehr kämpfen damit, sich auch nur einen Basisanschluss leisten zu können. Es ist an der Zeit, ein Ökosystem von Dienstleistern aufzubauen. Dieses muss die großen Internetanbieter, kommunale Netze, Gemeinschaftsnetze und Genossenschaften umfassen. Neue regulatorische, technische und finanzielle Modelle müssen entwickelt und umgesetzt werden.

Diese fünf Punkte sind mehr als eine utopische Vision. Es ist bereits belegt, dass Wandel möglich ist: Vor fünfzehn Jahren stand das noch junge Internet vor einem ähnlichen Scheideweg. Sollte ein einziges Unternehmen mit einem Monopol auf Webbrowser - Microsoft - vermitteln, wie die Dinge funktionieren? Oder sollten Menschen wählen können, wie sie online gehen und was passiert, wenn sie einmal online sind? Damals hat Mozilla die Open-Source-Bewegung als Alternative erschlossen und zu ihrem Wachstum beigetragen. Aus dieser Bewegung ging nicht nur der Browser Firefox hervor, sondern auch Initiativen, die auf offene Verwaltung, offene Daten, den Aufstieg der Sharing-Ökonomie sowie Zusammenarbeit als Innovationstreiber zielen. Diese Art von breiter, positiver Wirkung kann sich wiederholen. Ich sehe Anzeichen dafür, dass Technologen, Unternehmer, politische Entscheidungsträger und Innovatoren aller Art darauf aus sind, die nächste Generation von Produkten und Dienstleistungen für ein sichereres, menschenwürdiges Leben im Internet zu schaffen. Aber dies kann nur durch die gemeinsame Anstrengung vieler verschiedener Gruppen passieren.

Früher haben wir erwartet, dass das Leben im Internet eines Tages untrennbar mit dem realen Leben verbunden sein würde. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass dieser Tag gekommen ist. Wir haben jetzt die Chance, nicht nur das Internet zu verbessern - sondern das Leben selbst.

© SZ vom 04.08.2020

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