bedeckt München 14°

Forum:Am Gemeinwohl ausrichten

Jörg Dräger, 2017

Jörg Dräger, promovierter Physiker, war von 2001 bis 2008 Senator für Wissenschaft und Forschung der Freien und Hansestadt Hamburg. Seit 2008 ist Dräger Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und verantwortet dort die Bereiche Bildung, Integration und Digitalisierung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Digitale Hilfsmittel können den Menschen helfen, aber auch diskriminieren. Entscheidend ist, wie Technologien eingesetzt werden.

Von Jörg Dräger

Algorithmische Systeme können die Polizei dabei unterstützen, Kriminalitätsschwerpunkte vorherzusagen und dadurch mögliche Verbrechen zu verhindern. Ihr Einsatz kann aber auch zur Einschränkung bürgerlicher Freiheiten führen. In der Medizin lässt sich Krebs mithilfe von künstlicher Intelligenz deutlich besser entdecken. Doch genauso könnten datenbasierte personalisierte Versicherungstarife unser solidarisches Gesundheitssystem aushebeln. Digitale Hilfsmittel können das Gemeinwohl stärken, indem sie bisher Benachteiligten leichteren Zugang zu Bildung, Finanzdienstleistungen oder dem Arbeitsmarkt ermöglichen. Zugleich können sie aber auch Diskriminierung reproduzieren und Ungerechtigkeit vergrößern. Digitalisierung ist nie per se gut oder schlecht. Entscheidend ist, wie Technologien eingesetzt werden. Und darüber bestimmen immer Menschen.

Doch wo differenzierte Argumente angebracht wären, dominiert in der öffentlichen Debatte leider meist ein Schwarz-Weiß-Denken: Einerseits gibt es ein fast schon blindes Vertrauen in digitale Lösungen, das zur Entwicklung von Technologien führt, deren Nutzen im Vorfeld unklar oder umstritten ist. Eine grundsätzliche Verweigerung von KI und Algorithmen anderseits negiert deren Potenziale und verhindert im schlimmsten Fall gesellschaftlichen Fortschritt.

Digitales Europa: Innovation und Gemeinwohl in Einklang bringen

Eine der größten und wichtigsten Herausforderungen für Europa ist es daher, digitale Innovation und Gemeinwohl systematisch in Einklang zu bringen. Wenn Innovationen von Anfang an die Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigen, wenn Wertekonflikte offengelegt und in demokratischen Prozessen diskutiert werden, können nicht nur Fehler vermieden, Akzeptanz gesteigert und somit Wirkung verbessert werden, sondern dadurch auch langfristig wirtschaftliche Vorteile entstehen.

Hierfür ist eine Kernkompetenz Europas gefragt: unsere in vielen Jahrzehnten gereifte Fähigkeit, verschiedene Interessen auszubalancieren. Europas digitaler Wesenskern unterscheidet sich sowohl vom autoritären Durchgriff Chinas als auch vom libertären Marktfokus in den Vereinigten Staaten. Europa agiert oftmals weder besonders schnell noch besonders entschieden. Doch dieses Ausbalancieren ermöglicht uns, einen Weg zu finden, der Innovation und Gemeinwohlorientierung miteinander verbindet, statt sie als Gegensatz zu begreifen. Wir sind der Kontinent des digitalen Ausgleichs. Und das ist eine Stärke!

Den Fokus auf die sozio-technische Umsetzung legen

Digitaler Ausgleich darf aber nicht zu digitaler Mittelmäßigkeit führen. Um Innovationen gleichermaßen wirksam wie gemeinwohlorientiert zu gestalten, braucht es ein Umdenken in drei Bereichen: Zum einen sollte viel stärker der Prozess der praktischen Umsetzung von Innovation in den Blick genommen werden. Nur durch die Erfindung von Blockchains, künstlicher Intelligenz oder dem Internet der Dinge ist noch keine gesellschaftliche Herausforderung gelöst. Zum anderen sollten digitale Technologien nicht im Sinne eines "Techno Solutionism" als einfache Lösungen für komplexe soziale Probleme angesehen werden. Stattdessen gilt es, genau zu prüfen, welche Technologie unter welchen Bedingungen wirklich helfen kann, die Ursachen eines Problems zu beseitigen. Dieser sozio-technische Ansatz erkennt an, dass die Wirkung von Innovationen vor allem von den bestehenden Strukturen und Praktiken abhängt. Und zuletzt können digitale Transformationsprozesse nur wirksam gelingen, wenn die Bedürfnisse aller Beteiligten von Beginn an aufgegriffen werden. Nur wenn diese Bedürfnisorientierung in der Praxis für Anwender und Anwenderinnen erkennbar ist, lässt sich die oft weitverbreitete Skepsis gegenüber Veränderung überwinden und der konkrete Nutzen digitaler Innovationen aufzeigen.

Anstoß zu Veränderungen geben

Wir alle müssen an der gemeinwohlorientierten Gestaltung der Digitalisierung mitwirken. Doch es ist die Politik, die jetzt wichtige Rahmenbedingungen zu schaffen hat:

Erstens: Die bislang oft getrennten Sphären von Zivilgesellschaft und Technologie-Entwicklung müssen verbunden werden. Es ließen sich viel mehr Menschen für die Arbeit an digitalen Lösungen begeistern, wenn die Einsatzzwecke nicht hauptsächlich personalisierte Werbung und E-Commerce-Plattformen wären, sondern spürbaren gesellschaftlichen Mehrwert brächten. Gefragt sind Möglichkeiten des Austausches, die zu gegenseitiger Offenheit und Wertschätzung sowie einer gemeinsamen Sprache führen können. Deshalb sollte es auch in Deutschland eine Organisation wie Vinnova in Schweden geben, die den sektorübergreifenden Dialog über gesellschaftliche Belange in den Mittelpunkt von Innovationsförderung stellt und Innovationsprozesse strategisch moderiert.

Zweitens: Unsere Fördermechanismen brauchen eine Neujustierung hin zu einer nachhaltigen Dynamik. Förderprogramme auf Landes- und Bundesebene sind aktuell von zu kurzen Projektzyklen geprägt. So ist die Suche nach neuen Fördergeldern oft dringlicher als die Wirkungs- und Bedarfsorientierung der Projekte. Gleichzeitig spielt in den Ausschreibungen das agile Testen der Technologien eine noch zu geringe Rolle. Bei der öffentlichen Innovationsförderung muss die Orientierung an den Bedürfnissen der Nutzer und Nutzerinnen vom ersten Tag an ein maßgebliches Kriterium für Erfolg werden und die neue zentrale Parole "Testen, testen, testen" lauten.

Drittens: Der Staat sollte proaktiver und ambitionierter Innovator sein. Während der Corona-Pandemie zeigt sich offenkundig, welchen Dienst an der Gesellschaft Digitalisierung leisten kann. Doch ob im Pflege-, Bildungs- oder Gesundheitssektor: Es fehlen bei uns Akteure, die gesellschaftlich ausgerichtete Innovationen mithilfe digitaler Technologien vorantreiben. Hier muss die Politik auf europäischer, nationaler und kommunaler Ebene nicht nur fördern, sondern auch selbst zum proaktiven Innovator werden. Für langfristig ausgerichtete und nachhaltige Innovationsbestrebungen ist dabei entscheidend, dass nicht nur von einer engen betriebswirtschaftlichen Logik her gedacht wird, sondern soziale Folgeabschätzungen an Relevanz gewinnen.

Digitale Innovationen verändern unser Leben - schon heute und erst recht in der Zukunft. Gerade in diesen Zeiten grundlegender Umwälzungen und großer Ungewissheit brauchen wir ein neues Verständnis von Innovation, das nicht nur zum wirtschaftlichen Erfolg beiträgt, sondern vor allem hilft, soziale Herausforderungen zu lösen. Denn digitale Technologien können unsere Gesellschaft fairer und lebenswerter machen, wenn wir sie nur richtig einzusetzen wissen.

© SZ
Zur SZ-Startseite