Forschung und Lehre Mehr Vielfalt, bitte!

Till van Treeck ist einer der wenigen Professoren, die sich für mehr Pluralität in der Ökonomie einsetzen. Er hat früh gelernt, wie wichtig es ist, Etabliertes zu hinterfragen. Damit kommt er dem Wunsch vieler Studenten entgegen.

Von Pia Ratzesberger

Till van Treeck hat die Ökonomie so kennengelernt, wie es sich heute viele Studenten wünschen. Nicht mit Modellierungen, nicht mit neoklassischen Theorien begann das Studium, nein, es ging erst einmal weit zurück ins 19. Jahrhundert. An der Sciences Po in Lille hörte van Treeck in seinen ersten Vorlesungen von den philosophischen Ursprüngen der Mikroökonomie, dem Utilitarismus, Jeremy Bentham. Schon damals waren es die großen Zusammenhänge, die van Treeck interessierten: Warum besitzen manche Menschen viel und manche wenig? Wie ist die beste Gesellschaft zu gestalten? "Ich hatte damals schnell das Gefühl, dass mir die Volkswirtschaftslehre meine Fragen am ehesten beantworten kann", sagt van Treeck heute in seinem Büro der Universität Duisburg-Essen. Der 34-Jährige ist mittlerweile Professor für Sozialökonomie und einer der wenigen Dozenten in Deutschland, die sich für eine plurale Lehre einsetzen.

Überall auf der Welt begehren Studenten gegen die einseitige Vermittlung der Volkswirtschaft auf. Sie wollen in den Vorlesungen mehr über die Ideengeschichte ihres Fachs und mehr über Theorien abseits der dominanten Neoklassik zu hören, abseits der vollkommenen Märkten und rational handelnden Individuen. Doch Professoren und Dozenten halten sich in der Öffentlichkeit bisher zurück, zumindest hierzulande. Van Treeck dagegen sitzt unter anderem im Vorstand einer Forschungsstelle für wissenschaftsbasierte gesellschaftliche Weiterentwicklung und bringt dort Ökonomen mit Soziologen, Politikern und Bürgern zusammen. Das Institute for New Economic Thinking in New York unterstützte van Treeck in einem seiner makroökonomischen Forschungsprojekte; der Investor George Soros gründete das Think Thank nach der Finanzkrise, um neue Theorien in der Volkswirtschaftslehre zu fördern. Auch seine eigene Lehre richtet van Treeck plural aus. Kein Zufall also, dass er die Sozialökonomie gewählt hat, ein grundsätzlich interdisziplinäres Fach.

Foto: Frank Preuss; Illustration: Stefan Dimitrov

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Ständig liest man von Star-Ökonomen. Warum nicht auch von Star-Politologen?

In van Treecks Büro, sechster Stock, Gang B, hängt gleich rechts neben dem Schreibtisch an der Wand ein großes Whiteboard. Darauf sind an diesem Tag einige Indifferenzkurven gezeichnet. Darauf angesprochen, steht der junge Professor auf, fährt mit dem Finger die Kurve entlang und sagt: "An einem einfachen Beispiel wie den Indifferenzkurven aus der Haushaltstheorie sieht man gut, dass die herkömmlichen Modelle oft nicht ausreichen". Es klingt ein wenig so, als würde ihn das freuen. Indifferenzkurven nämlich bilden alle Kombinationen von Gütern ab, die einer Person den gleichen Nutzen stiften - allerdings wird im Lehrbuchmodell davon ausgegangen, dass dieser Nutzen unabhängig vom Verhalten der Mitmenschen ist. "Dabei ist er das nicht. Wenn etwa die oberen Schichten in einer Gesellschaft ihren Konsum sichtbar steigern, verschiebt sich für die darunter liegenden Schichten die Norm dessen, was als zufriedenstellender Lebensstandard gilt", sagt van Treeck. In den USA etwa hätten viele Menschen weniger gespart und sich mehr verschuldet, um mit den Oberen mithalten zu können, auch wenn ihre Einkommen nicht gestiegen waren. Für van Treeck ist das einer der Gründe, der schließlich zur Subprime- und zur globalen Finanzkrise führte. In einem Paper schreibt der Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen dazu, dieses Modell "widerspricht den gängigen Rationalitätsannahmen in neoklassischen Modellen".

Widerspruch, Streit, Debatte: Für van Treeck sind das wichtige Eigenschaften von Wissenschaft, die ihm in der Ökonomie fehlen. "Die Ökonomie ist wahrscheinlich die einflussreichste Sozialwissenschaft - ständig liest man von sogenannten Star-Ökonomen, aber viel zu selten zum Beispiel von Star-Politologen", sagt er. Gleichzeitig werde die Ökonomie in der Öffentlichkeit aber auch als die einseitigste Wissenschaft wahrgenommen. Ob da ein Zusammenhang bestehe? Könne gut sein, sagt van Treeck.

Er selbst hatte nie einen Karriereplan, hat nicht die Themen bearbeitet, an denen am Lehrstuhl sowieso geforscht wurde, sondern die Themen, die ihn interessieren: Einkommensverteilung aus makroökonomischer Sicht, Wirtschaftspolitik, ökonomische Bildung. Andere Wissenschaftler aber stellen solche Zeitpläne sehr wohl auf, wer nach oben will, folgt im Zweifelsfall lieber dem Mainstream. Das verhindert, dass sich Ökonomen trauen, kontroverse Standpunkte abseits der neoklassischen Dominanz einzunehmen. Bei van Treeck ist das anders. Vielleicht auch, weil er früh gelernt hat, wie wichtig es ist, Etabliertes zu hinterfragen. Denn der 34-Jährige studierte nicht nur an der Scienes Po in Lille, wo ihn die französische Streitkultur und keynesianische Vorlesungen lockten. Nein, nach einem Jahr ging es weiter nach Münster. Und während van Treeck in Lille noch dachte, das Wirken von Fiskal- und Geldpolitik verstanden zu haben, musste er nun sehen, dass die Erklärungen der deutschen, neoklassischen Professoren plötzlich ganz andere waren. "Ich war schon unbequem in den Vorlesungen, habe viel nachgefragt", sagt van Treeck. Wenn es nach ihm ginge, müsste für die Wissenschaft, insbesondere für die Ökonomie, ein ähnliches Prinzip gelten, wie es im Beutelsbacher Konsens für die politische Bildung festgelegt wurde: Alle Themen müssten so kontrovers diskutiert werden wie in der Gesellschaft selbst. Die Ökonomie sei eines der umstrittensten gesellschaftlichen Felder. Das müsse sich auch in der Lehre widerspiegeln.