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Flugzeugbranche:Airbus drohen harte Einschnitte

Wirtschaft in China

Teile von Airbus-Flugzeugen auf einem Schiff im Hafen von Tianjin – Bilder wie diese werden künftig seltener werden, die Branche leidet wegen der Corona-Pandemie unter einer Absatzflaute.

(Foto: dpa)

Der europäische Flugzeughersteller wird von der Corona-Krise härter getroffen als zunächst angenommen. Vorstandschef Faury kündigt harte Sparmaßnahmen an.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Vor genau drei Wochen hat Airbus-Chef Guillaume Faury versucht, die Zukunft vorherzusagen. Kaum einer seiner Kunden will derzeit ein fest bestelltes Flugzeug übernehmen, kaum eine Fluggesellschaft fliegt derzeit angesichts der Corona-Krise mehr als ein Rumpf-Programm, kaum eine fürchtet nicht um das nackte Überleben. "Nach vielen Gesprächen mit Airline-Chefs" beschlossen Faury und seine Leute dennoch, die Produktion nur um etwa ein Drittel zu reduzieren, in der Hoffnung, dass die Branche schnell wieder aus dem tiefen Loch klettert und vielleicht schon bald das Geld hat, neue Jets zu übernehmen.

Doch mittlerweile dämmert dem 52-Jährigen, dass dieser Plan sehr wahrscheinlich nicht zu halten ist. Den Mitarbeitern schrieb er deswegen nun eine Mitteilung, die an Deutlichkeit nichts vermissen lässt. Airbus "verbrennt Geld in einem nie da gewesenen Tempo", so Faury. "Das Überleben von Airbus steht in Frage, wenn wir jetzt nicht handeln." Die Produktionskürzungen seien "ehrlich gesagt noch nicht einmal das Worst-Case-Szenario, auf das wir uns einstellen müssen". Airbus müsse "jetzt womöglich viel weitreichendere Maßnahmen planen". Aus dem Papier zitierten die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters, Airbus kommentierte den Brief Faurys inhaltlich nicht.

Airbus wird die Produktion noch viel weiter senken müssen als bisher geplant

Dafür verkündete das Management am Montag eine weitere Sparmaßnahme: 3200 Beschäftigte im walisischen Broughton gehen in Kurzarbeit.

Dort stellt Airbus Flügel her. In den vergangenen Wochen hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass die Krise der Luftfahrt länger andauern wird und tiefer ist, als viele annahmen. Lufthansa und viele andere Airlines haben Staatshilfe beantragt, um überleben zu können. Die Luftfahrt werde die Folgen mit am längsten spüren, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Freitag in einer Video-Mitarbeiterversammlung. Eine Pleitewelle bei Fluggesellschaften, die auf solche Hilfen nicht zurückgreifen können, gilt als sicher. In der vergangenen Woche beantragte in Virgin Australia einer der größeren Anbieter Insolvenz. Air Asia, eine der größten Billigfluggesellschaften, weigert sich derzeit, zusätzliche Maschinen zu übernehmen, trotz verbindlicher Verträge für Hunderte Airbus-Jets. In Europa stehen unter anderem Virgin Atlantic und Norwegian vor dem Aus, auch diese beiden Fluglinien sind große Airbus-Kunden.

Analysten rechnen damit, dass Airbus die Produktion noch viel weiter senken muss als geplant. "Wir prognostizieren, dass Airbus um weitere 30 Prozent kürzen muss", so Sash Tusa von Agency Partners. Tusa nimmt an, dass Airbus im kommenden Jahr nur 355 Maschinen ausliefern kann, 2019 waren es 863 und für das laufende Jahr hatte der Hersteller vor der Krise sogar knapp 900 Flugzeuge angestrebt.

Werden Tusas Vorhersagen Realität, müsste Airbus also die Produktion um fast zwei Drittel eindampfen. Und das Unternehmen könnte sich nur sehr langsam erholen: Für 2022 erwartet Tusa 416 Maschinen, 2023 gut 550. Am Ende seines Prognosezeitraumes im Jahr 2027 wären es etwa 700 und damit immer noch gut 20 Prozent weniger als das für 2020 angestrebte Niveau. Faury glaubt, es könne fünf bis zehn Jahre dauern, bis die Nachfrage wieder auf das alte Niveau zurückkehrt. Die Luftfahrtindustrie werde "in der neuen Welt viel schwächer und verletzlicher sein".

Beim Konkurrenten Boeing stehen Massenentlassungen unmittelbar bevor

Konkurrent Boeing wird voraussichtlich in dieser Woche seine Produktionspläne bekannt geben - am Mittwoch legen beide Unternehmen ihre Ergebnisse für das erste Quartal vor. Analysten rechnen damit, dass Boeing im dritten Quartal die derzeit ruhende Produktion der 737-Max wieder startet und pro Monat etwa 30 Maschinen bauen will. Das entspricht gut der Hälfte des eigentlich angestrebten Niveaus. Auch die Rate bei den Langstreckenjets vom Typ 787 wird wohl noch einmal deutlich verringert. Boeing verhandelt bereits seit Wochen über ein staatliches Hilfspaket von 60 Milliarden US-Dollar für sich und seine Lieferanten und könnte auch bereits in dieser Woche Massenentlassungen verkünden. Am Wochenende hatte Boeing die geplante Übernahme der Zivilsparte des brasilianischen Herstellers Embraer abgesagt. Diese hätte den Konzern 4,2 Milliarden Dollar gekostet.

Airbus hatte im März noch einmal über neue Kredite die Liquidität gestärkt und zunächst davon abgesehen, Staatshilfen zu beantragen. Ob die Linie zu halten ist, ist angesichts der Krise nicht mehr sicher, staatliche Bürgschaften könnten auch für Airbus bald ein Thema werden. Der Brief bereitet die 135 000 Mitarbeiter aber auch auf ein mögliches Sparprogramm vor, mit dem immer mehr Insider rechnen. Nach der Finanzkrise von 2008/09 hatte Airbus konzernweit 10 000 Stellen gestrichen. Danach allerdings begann die Branche einen ungeahnt langen und steilen Aufschwung, dem erst der Ausbruch des Coronavirus ein jähes Ende setzte.

© SZ vom 28.04.2020
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