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Vorfeld-Lotsen streiken in Frankfurt:Warum auch kleine Berufsgruppen ein Recht auf Streik haben

Wenn in Frankfurt wenige Lotsen streiken, ist die Empörung groß - durchkreuzen doch eine Handvoll Arbeitnehmer die Pläne von Tausenden. Was nehmen sich die Streikenden auf dem Flughafen eigentlich heraus? Ihr gutes Recht.

Detlef Esslinger

200 Beschäftigte. Wer am gestrigen Donnerstag seine Flugreise von oder nach Frankfurt absagen musste, der hat womöglich einen gewissen Zorn auf das Grüppchen der Vorfeld-Lotsen, der Fahrer der "Follow-me"-Fahrzeuge dort entwickelt. So eine kleine Berufsgruppe, was maßt die sich an, einen internationalen Flughafen halb lahmzulegen und die Reisepläne von vielen tausend Unbeteiligten durcheinander zu bringen.

Die meisten Branchen funktionieren heute nur durch das tadellose Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Gewerke; fällt auch nur eines davon aus, aus welchen Gründen auch immer, steht gleich der ganze Betrieb still. Diesmal sind es in Frankfurt die Vorfeld-Lotsen, die dazwischen gehen, ein andermal sind es Fluglotsen oder Piloten, und wenn die Arbeiter vom Gepäckband eines Tages auch mal ihre eigene Gewerkschaft gründen - sie würden staunen, wie viel Macht auch sie haben.

Mit anderen Worten: Was die 200 Mitarbeiter hier machen, "führt das Streikrecht ad absurdum" - sagt der Verband der Luftfahrtbranche. "Wir brauchen eine gesetzliche Regelung zur Tarifeinheit" - sagt der Arbeitgeber-Präsident.

Wirklich? Wer braucht das?

Es ist eine Erregung, die nicht zum ersten Mal zu beobachten ist. Es ist die Wiederholung einer Debatte, die jedesmal ausbricht, wenn nicht eine Großgewerkschaft wie die IG Metall oder Verdi sämtliche Beschäftigten eines Betriebs oder einer Branche zum Streik aufruft, sondern eine Berufsgewerkschaft lediglich die Mitglieder ihrer Berufsgruppe aktiviert: Ärzte, Lokführer oder jetzt eben Vorfeld-Lotsen.

In einem solchen Fall soll die Politik das Prinzip der Tarifeinheit in Gesetzesform gießen: damit in einem Betrieb endlich nur noch ein Tarifvertrag existiert. Die Arbeitgeber haben den verständlichen Wunsch, auf einen Schlag für sämtliche Beschäftigten verhandeln zu können, und danach ist Ruhe. Praktisch wäre es.

Nicht alles, was krumm ist, ist auch ein Kurs

Allerdings: Arbeitgeber sind auch nur Opportunisten wie jeder andere auch. Wenn die Bundesarbeitsministerin erklärt, in diesem Jahr müsse es ordentliche Lohnerhöhungen geben, protestieren sie heftig: Die Politik solle sich doch bitteschön aus dem Tarifgeschäft heraushalten, das gehe sie nichts an.

Wenn die Arbeitgeber aber in diesem Geschäft ein Ergebnis nicht hinkriegen, wie jetzt in Frankfurt, dann soll die Politik ihnen diese Mühe abnehmen - und mal schnell eine Gewerkschaft liquidieren. Auf nichts anderes liefe es nämlich hinaus, das Prinzip "Ein Betrieb, ein Tarifvertrag" gesetzlich vorzuschreiben. Wenn der Marburger Bund, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) oder die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) keine eigenen Tarifverträge mehr aushandeln dürften, bliebe als Gewerkschaft nicht viel von ihnen übrig.

Nicht alles, was krumm ist, ist auch ein Kurs. Nach der Tarifeinheit zu rufen, das würde schon deshalb keine Probleme lösen, weil die verfassungsrechtlich hoch umstritten ist: Die betroffenen Gewerkschaften würden unter Berufung auf das Grundrecht der Vereinigungsfreiheit nach Karlsruhe ziehen, mit ziemlich guten Erfolgschancen.

Dem Frankfurter Arbeitskampf liegt doch eine ernsthafte Problematik zugrunde: die Frage, wie sehr es Großgewerkschaften noch gelingt, auch die besonderen Interessen kleiner Berufsgruppen im Blick zu behalten. Der Fall der Lotsen ist in der Hinsicht typisch: Ursprünglich übertrugen sie ihr Mandat an die einstige "Deutsche Angestellten-Gewerkschaft" (DAG) sowie Verdi, in der die DAG vor gut zehn Jahren aufging. Im Laufe der Zeit nahmen sie jedoch wahr, dass ihre Anliegen von der Großgewerkschaft eher unter die Kategorie "Vernachlässigbare Größe" eingeordnet wurden. Also machten sie sich 2003 selbständig. Und jetzt streiken sie mal für ein, zwei Tage.

Leute, beruhigt euch. So ist das Leben.

© SZ vom 17.02.2012/fran
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