Flüchtlinge und Arbeit Bedrohung? Nein, Chance!

Viele, die nach Deutschland kommen, wollen arbeiten - können aber nicht.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Eine Studie zeigt: Es gibt einen Weg, die Flüchtlingskrise "pragmatisch und unideologisch zu bewältigen".

Von Marc Beise

Über Berater sagt man gerne, dass sie zu allem und jedem theoretisch eine Meinung haben, ihnen aber praktische Erfahrung fehlt; sie empfehlen nur und führen nicht selbst. Wenn die vom Unternehmensberater Roland Berger gegründete und mitfinanzierte Stiftung gleichen Namens sich jetzt in die öffentliche Flüchtlingsdebatte einschaltet, liegt der Fall etwas anders: Denn die Roland Berger Stiftung betreibt selbst Heime für minderjährige Flüchtlinge und fördert seit Langem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Sie hat also Kompetenz bei den Kernfragen, die sich stellen im Zusammenhang mit den weit mehr als eine Million Flüchtlingen, die in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind.

Das Ergebnis einer Studie der Stiftung unter dem Titel "Die Flüchtlingskrise als Chance", die in der kommenden Woche veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, lautet: Man muss sich nicht entscheiden zwischen den bedingungslosen Befürwortern einer Willkommenskultur und jenen, die vor massiven Problemen und Überforderung warnen. Es gibt einen dritten Weg, die Flüchtlingskrise "pragmatisch und unideologisch zu bewältigen".

Die Studie, maßgeblich verfasst unter anderem vom früheren Chef der Berger-Berater, Burkhard Schwenker, schildert Fakten und Zusammenhänge, ohne dem Problem der großen Zahl, der kulturellen Unterschiede und der mangelhaften Ausbildung vieler Neuankömmlinge auszuweichen. Sie stellt Schätzungen auf, wie es in den kommenden Jahren weitergehen wird. Als Ergebnis umfangreicher Zu- und Abwanderungen erwarten die Autoren, dass Deutschland bis Ende 2017 etwa 2,8 Millionen Menschen in Registrierzentren und Flüchtlingsheimen aufnehmen und versorgen und mehr als zwei Millionen Menschen "zeitnah und effektiv integrieren" müsse. Dies aber sei zu schaffen, wenn Politik, Gesellschaft und Wirtschaft die Herausforderung wirklich annehmen. Die Studie gibt dazu konkrete Handlungsempfehlungen.

Die wichtigste Forderung lautet: Lasst uns alle Kräfte und viel Geld bündeln, um die Neuankömmlinge so schnell wie möglich zu betreuen und zu integrieren. Dabei geht es um die psychologische Betreuung der häufig traumatisierten Menschen, um das Vertrautmachen mit der Kultur in Deutschland, dann vor allem um das Lernen der deutschen Sprache. Auf allen Stufen der Integration müssten auch pensionierte Lehrkräfte, ehrenamtliche Deutschlehrer und Mentoren gewonnen werden. Unabdingbar sei es auch, Vorschriften zu vereinfachen und vom deutschen Perfektionismus Abstand zu nehmen. Das betreffe den Einsatz ehrenamtlicher Kräfte und deren Befugnisse ebenso wie die Liberalisierung bei den Regeln zur Beschäftigung von Asylbewerbern.

So halten sich nach der Beobachtung der Stiftung viele Firmen noch stark zurück, Flüchtlinge auszubilden, weil ihnen das Risiko einer Abschiebung zu groß sei. Nötig sei deshalb Rechtssicherheit: Wer drei Jahre ausgebildet wird, darf nicht abgeschoben werden und muss auch nach der Lehre noch mindestens zwei Jahre weiterbeschäftigt werden können. Vielleicht hilft es, wenn man das plakativ die "3+2-Regel" nennt.