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Fintechs:Verlorene Unschuld

Renaud Laplanche

Früher war Renaud Laplanche ein gern gesehener Gast in Talkrunden. Die Zeiten sind vorbei.

(Foto: Jessica Louise Bernard/CC BY 2.0)

Die Vorschusslorbeeren waren groß. Fintechs galten als innovative Alternative zu den etablierten Häusern. Nun hat die Szene ihren ersten Skandal.

Renauld Laplanche war der Posterboy der globalen Fintech-Szene. Ein smarter Franzose mit amerikanischer Erwerbsbiografie, Gründer von Lending Club - dem Vorbild für Tausende von Finanz-Start-ups, die in den vergangenen Jahren weltweit entstanden sind. Das Geschäftsmodell von Lending Club ist es, Kredite über das Internet zu vermitteln. Der wesentliche Unterschied zu klassischen Banken besteht darin, dass die Firma nichts an den Zinsen verdient, sondern nur eine kleine Gebühr nimmt. Das soll die Kredite billiger machen, und den Geldgebern trotzdem eine auskömmliche Rendite bescheren.

Ob dieses Modell wirklich trägt, muss sich zeigen. Bei Lending Club und ähnlichen Anbietern stiegen zuletzt die Ausfallraten. Erste Investoren wurden nervös und begannen, ihr Geld von den Plattformen abzuziehen. Und dann auch noch das: Vergangene Woche wurde publik, dass Lending Club einem Großkunden Kredite vermittelt haben soll, die der gar nicht wollte. Zudem kam heraus, dass das Unternehmen fragwürdige Geschäfte mit einem Fonds gemacht hatte, in den Vorstandschef Laplanche investiert hatte. Konsequenz: Der Posterboy trat zurück. Die Aktie von Lending brach um mehr als 40 Prozent ein. Und die Fintech-Szene hat ihren ersten Skandal. Sind die Finanz-Start-ups am Ende auch nicht besser als die Banken?

Tatsächlich rührt der Hype um die Fintechs vor allem daher, dass sie irgendwie anders sein wollen als die etablierte Finanzindustrie. Jung. Innovativ. Unverbraucht. Dieses Image feit die Branche allerdings nicht vor Fehltritten. Im Gegenteil, in gewisser Hinsicht sind die Fintechs sogar besonders anfällig dafür. Ein Beispiel ist das größte deutsche Finanz-Start-up Kreditech. Das Hamburger Unternehmen vergibt kurzfristige Kredite an Menschen, die von Banken mangels Bonität kein Geld bekommen würden. Man kann das für einen sozialen Fortschritt halten. Kritiker hingegen halten das Modell für eine moderne Form des Wuchers. Aus dem deutschen Markt zog sich Kreditech darum kurze Zeit nach der Gründung 2012 bereits wieder zurück. Stattdessen ist die Firma nun vor allem in Süd- und Osteuropa aktiv.

Viele Crowd-Investoren erlitten in den vergangenen Wochen einen Totalverlust

Dass die Fintechs nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Risiken kreieren, zeigt sich auch an Plattformen wie Companisto oder Seedmatch. Über diese Portale können Kleinanleger in deutsche Start-up-Unternehmen investieren. Zuletzt gingen viele dieser jungen Firmen allerdings pleite. Viele der sogenannten Crowd-Investoren erlitten einen Totalverlust. Vorsicht ist laut Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg auch bei Fintechs wie Weltsparen, Zinspilot oder Savedo geboten. Die drei Portale vermitteln Einlagen deutscher Sparer an Banken in Ländern wie Bulgarien, Tschechien oder der Slowakei. Der Charme dieses Modells besteht in den deutlich höheren Zinsen. Zwar gilt die Einlagensicherung bis 100 00 Euro formal EU-weit - "zu 100 Prozent sicher, dass der Staat einspringt, können sich deutsche Sparer aber nur bei der deutschen Einlagensicherung sein", meint Verbraucherschützer Nauhauser skeptisch.

Auffällig ist auch, dass viele Fintechs inzwischen mit der "alten" Finanzindustrie eng verwoben sind. Lending Club selbst ist das beste Beispiel. Die Plattform richtete sich anfangs vor allem an Privatanleger, "Peer to Peer" nannte sich das Modell, es ging um eine Kreditvergabe "von Gleich zu Gleich". Mit zunehmendem Erfolg geriet der hehre Ansatz allerdings in den Hintergrund. Die Kleinanleger mussten zugunsten von institutionellen Investoren wie Banken, Pensionskassen oder Hedge-Fonds weichen. Viele der vermeintlichen "Peer to Peer"-Kredite werden inzwischen sogar gebündelt und weiterverkauft - eine Praxis, wie man sie aus den exzessiven Jahren vor der Finanzkrise kennt. Erst jetzt, da die Ausfälle steigen und die Profi-Investoren skeptisch werden, wirbt Lending Club plötzlich wieder um die private Klientel.

Die zunehmende Verschmelzung zwischen Start-ups und Wall Street zeigt sich auch in personeller Hinsicht. Viele einstige Investmentbanker tummeln sich inzwischen in der Fintech-Welt, die Liste reicht vom Ex-Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain über den früheren Citigroup-Chef Vikram Pandit bis hin zu Blythe Masters, der berühmt-berüchtigten Erfinderin der "Credit Default Swaps" - das sind jene Wertpapiere, die Warren Buffett einst als "Massenvernichtungswaffen" bezeichnete.

Dazu passt, dass eine der früheren Wall-Street-Größen im Führungsgremium von Lending Club sitzt, John Mack nämlich, der Ex-Chef von Morgan Stanley. Auch er soll in den jüngsten Skandal verwickelt sein. Anders als Laplanche trat er allerdings nicht zurück. Offenbar ist die moralische Fallhöhe bei einem Fintech-Manager dann doch eine andere als bei einem Investmentbanker.