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Finanzinvestor Cerberus:Ohne sie geht nichts mehr

Erstmals übernimmt mit Cerberus ein Finanzinvestor eine deutsche Landesbank. Für die New Yorker ist der Deal zentral: Ohne sie geht nun nichts mehr in der Branche.

Wer David Knower sucht, findet ihn am Wochenende oft in der Frankfurter Commerzbank-Arena. Unten auf dem Rasen kämpfen die Spieler der Eintracht gegen die Bayern oder Bremen; oben auf der Tribüne schlendert er von Loge zu Loge, begrüßt Politiker und Manager, schüttelt Hände, quatscht sich fest. Der Fußball interessiert Knower dabei höchstens am Rande. Der Amerikaner ist zum Netzwerken im Stadion, das ist sein Job: Knower leitet die deutsche Niederlassung des US-Investors Cerberus.

Als Verbindungsmann der New Yorker Finanzfirma muss er sich zeigen, unablässig neue Kontakte knüpfen, bestehende pflegen. Ob auf dem Frankfurter Opernball, den diversen Neujahrsempfängen in der Stadt, Veranstaltungen der American Chamber of Commerce oder eben im Stadion: Knower ist überall dabei, wo etwas los ist. Und er kennt alle, die etwas zu sagen haben, weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus. "Keine Feier ohne David", heißt es in Frankfurt. Knowers Netzwerk ist für Cerberus ein geldwerter Vorteil.

Dabei steht Knowers entspannte Art im Kontrast zum Ruf seines Arbeitgebers: Cerberus gilt als einer der aggressivsten und erfolgreichsten Finanzinvestoren der Welt; dass er nach dem Höllenhund benannt ist, der in der griechischen Mythologie den Zugang zur Unterwelt bewacht, ist kein Zufall.

Der Öffentlichkeit bekannt sind die Amerikaner hierzulande trotz Knowers Präsenz aber nicht. Jahrelang interessierten sich nur Spezialisten für Cerberus. Das Private-Equity-Geschäft ist diskret, Presseanfragen bleiben in der Regel unbeantwortet. Cerberus-Investments schafften es oft nur auf die hinteren Seiten der deutschen Tagespresse. Mit dem Geld, das ihr reiche Kunden und professionelle Anleger anvertrauten, kaufte die Firma in Deutschland Immobilien, Einkaufszentren, auch einmal einen Autozulieferer. Viel Beton, wenig Glamour.

Dass Diskretion so wichtig ist bei Cerberus, hat aber auch mit Stephen Feinberg zu tun, der die Firma 1992 gegründet hat und der sie seither führt. Sollte er jemals das Bild eines Mitarbeiters in der Zeitung entdecken, drohte Feinberg, werde er den Betreffenden nicht einfach nur feuern. "Wir bringen ihn um."

Seit gut einem Jahr aber sorgt Cerberus in Deutschland fast im Wochentakt für Nachrichten. Erst stiegen die Amerikaner mit gut fünf Prozent bei der Commerzbank ein, dann mit drei Prozent bei der Deutschen Bank. Zuvor hatten sie sich bereits die kleine Südwestbank in Stuttgart einverleibt. Die überraschende Wette auf den siechen deutschen Bankenmarkt kostete mehr als 1,5 Milliarden Euro. Das ist auch für Cerberus viel Geld, insgesamt verwaltet das Unternehmen in mehreren Anlagefonds rund 35 Milliarden Dollar.

Frankfurter Banken am Abend

Frankfurt im Abendlicht. Während sich andere Investoren abwenden, wettet der US-Fonds Cerberus auf den kriselnden deutschen Bankenmarkt.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Parallel kam Cerberus bei der HSH Nordbank voran. Hamburg und Schleswig-Holstein mussten ihre Landesbank, die sie während der Finanzkrise für mehr als zehn Milliarden Euro gerettet hatten, auf Geheiß der EU-Kommission verkaufen. Die Amerikaner erhielten schließlich den Zuschlag für die erste Privatisierung einer Landesbank in Deutschland - auch dank Knowers Kontakten. Die öffneten seinem Chef Feinberg manche Tür, auch im Kanzleramt. Dorthin war Feinberg trotz Flugangst Ende 2017 gereist, um der Bundesregierung zu versichern, dass man nichts Schlimmes mit den Banken vorhabe. Mit der Wiener Bawag habe man bereits vor Jahren eine europäische Bank erfolgreich saniert. Man strebe auch keine arbeitsplatzvernichtende Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank an.

Einerseits war das ein billiges Versprechen, schließlich kann Cerberus mit seinen wenigen Anteilen an beiden Banken kaum deren Fusion forcieren. Andererseits nahm Feinberg der Regierung die Angst und ebnete so den Weg für die Übernahme der HSH: An diesem Mittwoch nun wird die Nordbank an ein Investorenkonsortium unter Führung von Cerberus übertragen. Feinberg hat damit eines seiner wichtigsten Ziele in Deutschland erreicht.

Und die neuen Eigentümer haben rasch klargemacht, dass sie keine Zeit verlieren wollen: Die Nordbank heißt künftig "Hamburg Commercial Bank", von 1600 Stellen bleiben mittelfristig höchstens 1000 übrig, Vorstand und Aufsichtsrat werden mit viel neuem Personal besetzt.

Ein Jahr nach Beginn der Deutschland-Offensive steht fest: Ohne oder gegen Cerberus läuft kaum noch etwas auf dem hiesigen Bankenmarkt. Und hinter alldem steht Feinberg. Aus seinem Büro in einem schmucklosen Hochhaus in Manhattan steuert er seine Investments. So gesellig wie sein Frankfurter Statthalter ist er aber nicht. Feinberg bleibt im Hintergrund, aktuelle Fotos von ihm gibt es nicht. Dafür unterstützt er mit viel Spendengeld Donald Trump und dient dem amerikanischen Präsidenten nebenberuflich als Chef eines Gremiums, das die Arbeit der US-Geheimdienste koordiniert. Das Ganze sei privat und daher nicht zu beanstanden, heißt es im Umfeld von Cerberus. Auch so kann Netzwerken aussehen.

Feinbergs Hauptaugenmerk gilt freilich weiter Cerberus. Das Prinzip: kaputte Unternehmen kaufen, radikal umbauen, teuer verkaufen. Ins Portfolio kommt alles, was vielversprechend scheint: Supermärkte, Banken, Rückversicherer, Büroartikel, Immobilien. Geografische oder sektorale Beschränkungen gibt es nicht.

Zeitweise besaß Cerberus sogar Remington Outdoor, einen der größten Waffenhersteller der USA. Dessen Verkaufsschlager ist das Sturmgewehr AR-15, mit dem in den vergangenen Jahren in den USA immer wieder Amokläufe und Schulmassaker verübt wurden. Als Cerberus' Investoren zum Verkauf des Waffenproduzenten drängten, übernahmen Feinberg und seine Partner die Firma kurzerhand selbst.

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Seinen Investoren verspricht Cerberus 18 bis 22 Prozent Rendite, und meistens klappt das. Auch bei der HSH Nordbank sind die Aussichten vielversprechend. In der Bilanz steckte eine enorme Menge kränkelnder Schiffskredite - und kaum etwas kann Cerberus besser, als Rendite zu machen wo andere nur Schrott sehen. Die HSH beispielsweise bekamen Feinberg und seine Leute dank eines komplizierten Nebengeschäfts quasi zum Nulltarif, inklusive Eigenkapital und Landesgarantien. Die Politiker hatten nie durchgerechnet, was eine Abwicklung gekostet hätte. Sie waren nur froh, die HSH loszusein.

Einer der seltenen Flops war für Cerberus dagegen der Kauf des Autobauers Chrysler. Den kaufte der Finanzinvestor 2007 für 7,4 Milliarden Dollar vom Daimler-Konzern. Zwei Jahre später ging Chrysler zwischenzeitlich in die Insolvenz, Cerberus' Appetit auf Deals mit Deutschland-Bezug war vorerst gestillt.

Das hat sich geändert - und dass sich die Amerikaner ausgerechnet die renditeschwachen Banken ausgesucht haben, sorgt in der Branche für Misstrauen. "Cerberus operiert in einer Grauzone", heißt es im Umfeld eines anderen Großaktionärs der Deutschen Bank. Denn Cerberus ist nicht nur Aktionär, sondern hat mit dem größten Geldinstitut im Land seit Frühjahr auch einen Beratervertrag. Eine ungewöhnliche Konstellation. Bei der Commerzbank war Cerberus mit einem ähnlichen Ansinnen abgeblitzt.

"Agiert ein Aktionär als Berater, sind Interessenkonflikte programmiert", sagt Volker Brühl, Professor am Center for Financial Studies an der Goethe-Universität in Frankfurt. Schließlich haben Berater Zugang zu Insiderinformationen, die andere Aktionäre nicht kennen. Weil Cerberus beides zugleich ist, hat sich der Fonds verpflichtet, weder weitere Aktien zu kaufen noch sie zu verkaufen. Aber wie lange gilt diese Selbstverpflichtung?

Cerberus ficht das nicht an; Feinberg und Knower wollen weiter zukaufen - vielleicht ja die Nord-LB? Bis Mittwoch müssen Interessenten Angebote einreichen. Die Landesbank aus Hannover ist nicht weniger gebeutelt als es die HSH einmal war. Das reizt Cerberus. Gut möglich also, dass Knower bald auch auf der Tribüne der HDI-Arena in Hannover Hände schüttelt.

© SZ vom 28.11.2018
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