bedeckt München 25°

EU-Kommissarin:"Ich liebe Autos"

EU Commissioner Bienkowska addresses a news conference in Brussels

Elżbieta Bieńkowska ist EU-Industriekommissarin und sagt über sich: "Ich bin eine Technokratin."

(Foto: Francois Lenoir/Reuters)

Eine Frau macht Druck aus Brüssel: Die EU-Industriekommissarin Elżbieta Bieńkowska ermittelt im Abgasskandal von Volkswagen.

Elżbieta Bieńkowska empfängt auf einer beigen Ledercouch in ihrem Büro, zehnter Stock, mit Blick über die Dächer von Brüssel. Neben ihr steht eine pinke Handtasche, davor liegen zwei Handys und ein Stapel Papiere. Sie muss kurz nachschauen, wen sie alles an diesem Donnerstag und Freitag treffen soll. Bieńkowska wird nach Berlin reisen, und auf dem Blatt Papier stehen: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, VW-Vorstand Herbert Diess und viele andere Männer, die sich berechtigte Sorgen machen um den einstmals deutschen Vorzeigekonzern aus Wolfsburg.

Bieńkowska ist 51 und seit einem Jahr EU-Industriekommissarin. VW ist ihr größter Fall. Am Abend zuvor hatte es wieder neue Enthüllungen gegeben, diesmal kamen sie von Volkswagen selbst. Bei 800 000 Fahrzeugen sollen die CO₂-Abgaswerte nicht korrekt angegeben worden sein. Nein, sagt die Kommissarin, so riesig überrascht habe sie die Nachricht nicht. Aber bei allem Emotionalem, was diese Affäre mit sich bringe, dürfe man eines nicht vergessen, nämlich das, wofür man selbst stehe. "Ich bin eine Technokratin", sagt Bieńkowska. "Immer schon gewesen." Und als solche mache sie einen Schritt nach dem anderen. Mag sein, dass es manchem zu langsam geht mit der Aufklärung des VW-Skandals in Europa - dessen ist sie sich bewusst. Aber was man jetzt als Erstes brauche, so Bieńkowska, seien Fakten. "Wir müssen ein Gesamtbild davon haben, wir müssen das gesamte Ausmaß in Europa kennen."

"Es war Betrug - und ich werde nicht aufhören, dieses Wort zu verwenden."

Als die Manipulationen von VW aufflogen, baten die Wolfsburger um einen Termin bei der EU-Kommissarin. Damals versprachen die Volkswagen-Manager, unter ihnen Vorstand Diess, dass VW bis Ende November einen umfassenden Bericht über die Situation in Europa vorlegen wird. "Dieses Datum muss eingehalten werden", sagt Bieńkowska und haut mit der rechten Hand auf die Ledercouch. "Ende November ist Ende November! Ich werde es nicht akzeptieren, dass es vielleicht der 7. Dezember wird." Es ist ihr sehr ernst mit der Aufklärung. Denn es geht um nicht weniger als Europas wichtigste Industrie. Und die Kommissarin will nicht, dass wegen VW die gesamte Autoindustrie Schaden nimmt. Natürlich, sie weiß das, im Grunde hat sie bereits Schaden genommen. "Die Verbraucher haben Vertrauen verloren. Viele haben einige Tausend Euro mehr für ein Auto bezahlt, weil es angeblich niedrigere Abgaswerte hat", sagt Bieńkowska. Dieser Betrug sei nicht zu akzeptieren. "Es war Betrug - und ich werde nicht aufhören, dieses Wort zu verwenden."

Also, was sind die nächsten Schritte der Technokratin Bieńkowska? Neben den Untersuchungen von VW und den nationalen Behörden setzt sie auf eine Überwachung des Zulassungssystems und Abgastests auf der Straße. Diese haben die EU-Mitgliedsstaaten vergangene Woche beschlossen. Und mit ihnen deutlich niedrigere CO₂-Grenzwerte als von der EU-Kommission gefordert. Bieńkowska hätte lieber striktere Ziele durchgesetzt, aber auch in diesem Punkt bleibt sie pragmatisch. "Ja, es ist ein Kompromiss, aber es ist sehr wichtig, dass wir jetzt eine Entscheidung haben", sagt sie. Wäre diese nicht gefallen, hätten die Mitgliedsstaaten wieder mehr Zeit gehabt, und alles hätte viel länger gedauert. "Wir brauchen keine Ziele, die die Autoindustrie nicht erfüllen kann", sagt sie. Diese Ziele seien schwierig, aber erreichbar. Und umweltfreundlich seien sie langfristig auch.

Nein, die Kommissarin aus Polen ist kein Autofeind. Im Gegenteil. Sie sagt: "Ich liebe Autos." Ihr Vater war Ingenieur, und sie selbst sei schon als Kind mit dem Lenkrad zwischen den Händen aufgewachsen. Ihr erstes Auto war ein kleiner Fiat, jetzt fährt sie einen kleinen Mercedes.

Als einige EU-Staaten den Verkauf von VW-Autos in ihren Ländern verbieten wollten, reagierte sie verblüfft. Gerade der gemeinsame Binnenmarkt ist für sie etwas, das die EU ausmacht. "Wirtschaft hält uns zusammen", sagt Bieńkowska. Und deshalb muss sie jetzt aufklären. Denn es geht um Arbeitsplätze und um Autos, die sie ja ganz gern mag.

© SZ vom 05.11.2015
Zur SZ-Startseite