Entwicklung der Tariflöhne Es gibt mehr

Die Tariflöhne steigen 2008 so kräftig wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr - durchschnittlich gibt es 3,3 Prozent zusätzlich.

Das prognostiziert das Tarifarchiv des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). "Das ist der höchste Anstieg in diesem Jahrzehnt", sagte der Leiter des Tarifarchivs, Reinhard Bispinck.

Mehr Geld auch in der Chemiebranche: Erst kürzlich wurden die Tarifgespräche abgeschlossen.

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Nach Abzug der Inflation bleibe den Beschäftigten erstmals seit drei Jahren wieder ein realer Einkommenszuwachs. Er falle bei einer erwarteten Teuerungsrate von rund drei Prozent aber sehr mager aus, sagte Bispinck.

Das WSI legte bei seinen Berechnungen die im ersten Halbjahr abgeschlossenen Tarifverträge zugrunde, die den Beschäftigten durchschnittlich 4,6 Prozent mehr Lohn und Gehalt brachten. Auch länger laufende Verträge aus dem Vorjahr wurden berücksichtigt.

Vertretbare Abschlüsse

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hält den deutlichen Anstieg für vertretbar. "Die Abschlüsse sind vor allem in den boomenden Exportbranchen hoch, die sich das auch erlauben können", sagte IW-Tarifexperte Hagen Lesch zur Nachrichtenagentur Reuters.

Allerdings könne von Lohnzurückhaltung nun nicht mehr die Rede sein, die seit Mitte der neunziger Jahre 880.000 Arbeitsplätze gesichert habe. In wirtschaftlich schwächeren Zeiten könnten sich hohe Lohnkosten als Beschäftigungsbremse erweisen. "Die Lohnerhöhungen von heute beeinflussen die Einstellungen von morgen", sagte Lesch.

Die Lohnzuwächse fielen in der boomenden Chemie- und Stahlbranche mit jeweils rund fünf Prozent überdurchschnittlich aus. Auch die Beschäftigten von Bund und Kommunen erhalten rund fünf Prozent mehr. Im Steinkohlebergbau oder bei Hotels und Gaststätten gab es dagegen nur ein leichtes Plus. Im Einzelhandel wurde nach über einjährigen Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften noch kein Abschluss erreicht.

Die unter dem Dach des DGB vereinten Gewerkschaften schlossen in den ersten sechs Monaten für rund 4,4 Millionen Beschäftigte neue Lohn- und Gehaltstarifverträge ab. Das sei ein knappes Viertel der von Tarifverträgen erfassten Arbeitnehmer, sagte Bispinck. Für weitere 4,6 Millionen wurden die Lohnsteigerungen für 2008 bereits im Vorjahr vereinbart.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet warnte unterdessen vor übermäßigen Lohnerhöhungen. Sie könnten dazu führen, dass sich Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln und sich die Inflation verfestigt, sagte Trichet in Brüssel.

In Deutschland gebe es keinerlei Anzeichen für eine solche Lohn-Preis-Spirale, sagte WSI-Experte Bispinck: "Von lohngetriebenen Preissteigerungen kann überhaupt nicht die Rede sein". Die starke Teuerung sei Folge der stark gestiegenen Preise für Öl und Lebensmittel.