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Maria Eichhorn:Ein befreites Haus

Ein Haus ohne Besitzer wäre ein juristisches Novum. Fotos im Bild: Maria Eichhorn/VG Bild-Kunst, Bonn 2017.

(Foto: Mathias Völzke)

Zehntausende griechische Immobilien sind wertlos - weil niemand für dafür aufkommen kann. Die deutsche Künstlerin Maria Eichhorn zeigt den Ausweg und entwickelt das Konzept des "Nichteigentums", um die Häuser für immer von Besitzern zu befreien.

Die Türen sind weit geöffnet. Man kann von den Eingangsstufen aus über die marmorgeflieste Eingangshalle in den Garten schauen, wo ein ausladender Zitronenbaum blüht. Maria Eichhorn steht dort mit ein paar Kuratoren und Kunstkritikern, sie zeigt ihnen die rot lackierte Treppe, die auf die Dachterrasse führt, freut sich über den Gartengrill und das kleine Waschbecken an der Mauer zum Nachbargrundstück. Der zweistöckige Altbau steht zum Verkauf, im Angebot des Maklers zur Adresse "15, Stavropoulou, 11252 Athens" heißt es: "Die Gegend war einmal ein elegantes Viertel, in dem vor allem die obere Mittelklasse lebte. In den vergangenen Jahren nahm die Beliebtheit allerdings ab, heute ist es möglich, in dieser Gegend das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu finden."

Maria Eichhorn ist Künstlerin. Und sie erklärt gerade die Finessen der Preisverhandlungen - 140 000 Euro hat sie für den Altbau geboten. Derzeit recherchieren Anwälte in ihrem Auftrag die Eigentumsverhältnisse, erzählt sie. "Erst wenn die lückenlos geklärt sind und das Gebäude nachweislich frei von Belastungen, darf gekauft werden." Wenn alles klappt, ist zumindest der Kauf in den nächsten Wochen abgeschlossen. Maria Eichhorn scheint sich damit abgefunden zu haben, dass ihr Werk "Building an Unowned Property" (das Schaffen einer eigentümerlosen Immobilie also) nicht rechtzeitig zur Eröffnung der Weltkunstschau Documenta 14 schlüsselfertig bereit steht.

Doch Maria Eichhorn will in die Stavropoulou nicht einziehen. Sie plant überhaupt nicht, das Haus selbst zu nutzen. Ihr Werk besteht darin, den Status eines Gebäudes in ein "Nichteigentum" zu überführen, heißt es im Konzept, "in allen Aktivitäten und Prozeduren, die dafür notwendig sind, unter anderem die juristischen Recherchen, die Suche nach verfügbaren Gebäuden, die Begehungen, die Auswahl und die notariell bestätigte Beglaubigung des neuen juristischen Status des Gebäudes und Grundstücks". All das also ein Kunstwerk.

Wenn alles klappt, wird Maria Eichhorn den letzten Kauf in der Geschichte dieses Hauses organisieren. Um es für immer von Besitzern zu befreien. Eichhorn schließt nicht aus, dass dort dann auch gewohnt, gemalt, diskutiert wird. Das Schweizer Migros-Museum finanziert das Werk und soll - als Hausmeister sozusagen - auch über die Nutzung entscheiden. Künstler-Residenz, Ausstellungsraum, Obdachlosen-Asyl: Alles möglich.

Der von Maria Eichhorn angestoßene Vorgang ist ein juristisches Novum; eine "eigentümerlose Immobilie" ist weder in Griechenland, noch sonst in Europa als Kategorie vorgesehen. Rechtsberater haben eine Strategie entwickelt; Voraussetzung ist, dass das Haus den Status eines "zeitgenössischen kulturellen Objekts" erhält, das "den Schutz des griechischen Staates benötigt, damit der künstlerische Wert einer historischen Erinnerung erhalten werden kann", heißt es in einem Gutachten. "Von dem Moment an, können das Gebäude und das Grundstück von niemandem mehr im juristischen Sinn erworben werden. Unbenutzt und vor Gentrifikation geschützt, vor Spekulation und dem Erwerb für geschäftliche Zwecke."

Maria Eichhorn referiert routiniert die verschiedenen Eingaben, die dafür notwendig sind, und erzählt, dass sie es mit mehreren Ministerien zu tun hat, mit Politikern und Finanzbehörden.

Und auch wenn das Projekt idealistisch klingt, fast verspielt, so dürfte den griechischen Beamten und Politikern die Brisanz durchaus bewusst sein: In den vergangenen Jahren sind in Griechenland Tausende Immobilien von ihren Eigentümern aufgegeben worden. Allein im Jahr 2016 verzeichnet die Statistik gut 10 000 Fälle.

Maria Eichhorn führt vor, wie das gehen könnte: Die Selbstenteignung

Der Grund ist die Verarmung der Griechen, die sich den Land- und Hausbesitz oft nicht mehr leisten können. Weil auch viele Mieter schon lange nichts mehr zahlen können, bringt Immobilieneigentum oft keine Einnahmen mehr. "Die Lage auf dem Immobilienmarkt ist dramatisch", zitieren Zeitungen Makler, viele Eigentümer senken die Mieten, häufig reicht es, wenn die Mieter ihre Strom- und Wasserrechnung sowie die Immobiliensteuer begleichen. Die Zahl der Zwangsversteigerungen hat sich verdoppelt, seit die Banken im Besitz Zehntausender Immobilien sind, für die es keinen Markt mehr gibt. In Athen streiken die Notare aus Solidarität mit den Hauseigentümern.

"Building an Unowned Property" nimmt diese dramatische Situation als Ausgangspunkt. Die 1962 in Bamberg geborene Maria Eichhorn zielt mit ihrer Konzept-Kunst meist unmittelbar auf das ökonomische oder politische Umfeld, in dem sie arbeitet. Sie sei weder an "Sichtbarkeit noch an Originalität interessiert", schrieb einmal die Künstlerin Mai-Thu Perret anerkennend über Eichhorn, sondern liefere vielmehr das, was am meisten benötigt werde, "nur eben kein Objekt". Wer Maria Eichhorn zu einer Ausstellung einlädt, der muss - wie beispielsweise die Kunsthalle Bern 2001 - auf der Einladungskarte eine Liste von Handwerkern abdrucken, die von der Künstlerin mit Reparaturen beauftragt wurden. Zur Documenta 11 gründete sie eine Aktiengesellschaft, deren einziger Zweck darin bestand, Kapitalzuwachs zu vermeiden.

Eine ihrer folgenreichsten Ausstellungen fand 2003 im Münchner Lenbachhaus statt. Dort stellte sie Gemälde aus den Schausälen und Depots so aus, dass auch die Rückseiten sichtbar waren, mit allen Sammlungs- und Händleraufklebern. Daneben hängte sie die Ergebnisse von sorgfältigen Provenienz-Recherchen, die sie in Auftrag gegeben hatte. Eichhorn war damit eine der ersten, die auf Raubkunst verwies, die in deutschen Museen ausgestellt wurde, obwohl sie aus dem Restbestand der nach Kriegsende von den Alliierten konfiszierten Sammlungen stammten. Eichhorn wies das Publikum auf die - häufig dunkle - Rückseite der Kunstgeschichte hin. "Building an Unowned Property" konfrontiert das Publikum wieder mit Recherchen und Akten. Im Obergeschoss des Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst (EMST) in der Athener Innenstadt stellt Eichhorn in einer Vitrine ein paar Bögen aus dem Schriftverkehr mit Maklern und Anwälten aus. Wer die Seiten aufmerksam liest, merkt schnell, dass es der Künstlerin nicht um einen Kommentar geht zur Zeitgeschichte, um ein Bild oder ein Mahnmal. Maria Eichhorn arbeitet an einem Modell, einem Ideal. Wieder sind ihre Recherchen beispielhaft, führen vor, wie das gehen könnte: Die Selbstenteignung. Dieser Vorgang, der ein Haus dem Markt für immer entzieht. Um es wieder nutzbar zu machen.

Das wirkt überzeugend, vor allem in diesem Museum, das in einer ehemaligen Brauerei untergebracht ist; auch so eine Ruine, die die Krise hinterlassen hat. Nach dem Umbau stand das perfekt ausgestattete Museum mehr als fünf Jahre leer, weil sich der Staat den Betrieb nicht leisten konnte. Aus den Fenstern hinter den Vitrinen von Maria Eichhorn schaut man auf die Akropolis und über die weißen Häuser der Stadt. Straßenzüge, die manche zeitgenössische Ruinen nennen, weil die Geschäfte geschlossen, die Mieter fortgezogen, die Adressen wertlos geworden sind.

Wenn Maria Eichhorn ihr Werk vollendet hat, dann ist auch 15 Stavropoulou wertlos für alle, die von Grundstücken, Gebäuden, Mieten, Hypotheken profitieren. Eine ewige Leerstelle im Stadtplan, eine neue Form von Ruine. Aber weil das Haus noch da ist, weil man unter diesem Dach leben und arbeiten kann, wird das Werk "Building an Unowned Property" womöglich die zukunftssicherste Unterkunft, die an einem Ort wie Athen zu haben ist.