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Die Recherche:Frau zu sein ist teuer

Gleicher Rasierer, anderer Preis.

Ob Rasierer, Haarschnitt oder Parfüm: Für identische Produkte und Dienstleistungen müssen Frauen oft mehr zahlen.

Es klingt erst mal nach einem Schnäppchen: Fünf Einwegrasierer für 85 Cent, mit Aloe-Vera-Gleitstreifen, "ideal auch für die Bikinizone". Ohne groß nachzudenken, landen die pinken Rasierer in der Einkaufstüte.

Doch Moment - zwei Regale weiter liegt fast die gleiche Packung in der Farbe Blau. Die Marke ist die Gleiche, die Eigenschaften identisch. Nur der Preis ist ein anderer: 1,45 Euro für zehn Stück. Die Frauenrasierer sind damit um 17 Prozent teurer.

Pink Tax - pinke Steuer - nennt man diesen Preisaufschlag. Ist ein Produkt nicht für beide Geschlechter, kostet die Damenvariante fast immer mehr. In Einzelfällen fand die Verbraucherzentrale Hamburg Unterschiede von bis zu 200 Prozent. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Stadt New York: Dort zahlen Frauen im Schnitt sieben Prozent mehr als Männer für vergleichbare Produkte. Die Pink Tax begleitet Frauen von Geburt an - selbst Spielzeuge und Kleidung sind der Studie zufolge für Mädchen teurer als für Jungs.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der elften Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alle Texte zur aktuellen Recherche finden Sie hier. Mehr zum Projekt finden Sie hier.

Auch der Selbstversuch zeigt, dass der Alltag der Frauen in Deutschland oftmals viel teurer kommt. Bleiben wir beim Thema Haarentfernung: Ein Rasierschaum für Frauen kostet 0,89 Euro für 150 Milliliter, Männer zahlen hingegen 79 Cent für 250 Milliliter. Nachgerechnet bedeutet das einen Frauenaufschlag von 88 Prozent.

Gleicher Preis, unterschiedliche Menge

Für Konsumentinnen ist es gar nicht einfach, Produkte miteinander zu vergleichen. Die Waren stehen in den Länden in unterschiedlichen Regalen, weit voneinander entfernt. Auch Inhaltsstoffe und Verpackung sind nicht immer genau die gleichen. Die ungerechten Preise werden gut kaschiert. Man muss genauer hinsehen, um die pinken Mogelpackungen auszumachen.

Ein Beispiel dafür findet sich bei den Düften im Douglas-Online-Shop: Das Parfüm "Exotic Summer" der Marke Davidoff ist um 46,99 Euro bei 125 Milliliter erhältlich. Auch Frauen zahlen für ihre Variante des Wässerchens 46,99 Euro. Es sind aber nur 100 Milliliter im Flakon.

Aber nicht nur bei Produkten gibt es Unterschiede. Auch für manche Dienstleistung müssen Frauen mehr Geld hinlegen. Mein Wunsch nach einem günstigeren Männer-Haarschnitt wird in drei Friseurläden in der Münchner Innenstadt abgelehnt. Die Begründung ist dabei immer ähnlich: Frauen-Haarschnitte seien von der Schneidetechnik her angeblich aufwendiger und würden länger dauern. Die Friseur-Innung München hat auf eine Anfrage nicht reagiert.

Was macht pink so teuer?

Über die Gründe für diese eklatanten Unterschiede könne man nur spekulieren, sagt Gerd Meier, Professor für Wirtschaftspsychologie in Lüneburg. Seine Theorie lautet: Frauen seien tendenziell eher bereit, höhere Preise zu zahlen, weil sie einen höheren Wert auf Qualität legen. Männer hingegen seien preissensitiver.

Dirk Schulz, Geschäftsführer des Gender Studies-Institut der Universität Köln, hat eine ähnliche Erklärung. "Frauen gelten zumindest als das 'schöne Geschlecht' - das trägt dazu bei, dass Frauen mehr für ihr Aussehen und für Pflege ausgeben", sagt Schulz. Männer seien neu am Schönheitsmarkt, deshalb würde versucht, sie mit günstigen Angeboten zum Kauf zu bringen.

Die Preise für Produkte und Dienstleistungen hängen demnach nur zum Teil von harten Fakten wie Material-, Herstellungs- und Lohnkosten ab. Ansonsten verlangen Händler schlicht das Maximum dessen, was die Kundinnen und Kunden bereit sind, zu zahlen. Da Frauen es Dirk Schulz zufolge für ihre Pflicht halten, gut auszusehen, ist es für sie selbstverständlicher, dafür viel zu bezahlen. Der Markt nutzt diesen weiblichen Reflex aus.

Nur in ganz wenigen Bereichen funktioniert der Markt zugunsten der Frauen. Auf Online-Partnerbörsen wie Single.de müssen Männer für die Suche nach der Traumpartnerin Gebühren bezahlen, während Frauen gratis baggern dürfen. Auch der Eintritt in manche Diskothek ist für Männer deutlich teurer als für Frauen.

Ist es der Markt? Ist es Diskriminierung? Oder diskriminiert der Markt?

Womöglich steckt hinter dem Frauenaufschlag gar nicht der Markt, sondern eine Diskriminierung - im Sinne von Simone de Beauvoir: Wenn der Mann als Norm und die Frau als das andere gesehen wird, dann gelten auch Männerprodukte als normale Version. Frauenprodukte wären demnach die besondere, luxuriöse Ausführung und teurer. Die Beauvoir'sche These anhand von Laptoptaschen: Während die schwarze Tasche 39,99 Euro kostet, kostet die identische pinke Version 44,95 Euro.

Die Politik sieht keinen Handlungsbedarf

Eigentlich will die Gesetzgebung, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden. 2012 mussten deshalb die unterschiedlichen Versicherungsprämien nach Geschlecht abgeschafft werden. Davor zahlten Frauen bei privaten Kranken- oder Rentenversicherungen höhere Beiträge als Männer, Männer wiederum bei Autoversicherungen.

Bei den unterschiedlichen Preisen in den Läden sieht die Politik jedoch keinen Handlungsbedarf. Dem Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz liegen keine statistischen Erkenntnisse über diese Ungleichbehandlung vor, heißt es auf Anfrage. "Diese Preisunterschiede sind aber grotesk", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Das sogenannte "gender pricing" werde in Deutschland nicht ernst genommen. In den US-Bundesstaaten New York und Kalifornien ist es inzwischen verboten, in Frankreich wird darüber diskutiert.

Frauen zahlen nicht nur mehr, sie kriegen auch weniger für ihre Waren

Übrigens ist es nicht nur so, dass Frauen für ihre Produkte oft mehr hinblättern - sie bekommen auch weniger. Und nein, damit ist nicht der Gender Pay Gap gemeint, die Tatsache, dass Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen (bezogen auf den Bruttostundenlohn). Auch als Händlerinnen kämpfen sie mit schlechteren Margen. Eine aktuelle Studie der Universität Tel Aviv fand heraus, dass Frauen auf Ebay niedrigere Preise als männliche Verkäufer erzielen - für identische Produkte.

Was kann man als Frau also gegen diese Ungleichbehandlung tun - auf Ebay einen männlich klingenden Nutzernamen wählen? Vielleicht. Als Konsumentinnen sollten sich Frauen zumindest nicht austricksen lassen und sich bei den Herstellern beschweren. Solange kein Bewusstsein für diese Ungerechtigkeit herrscht, wird sich auch nichts ändern.

Fürs Erste heißt das: Raus mit den pinken Rasierern aus der Einkaufstüte. Die blauen tun das Gleiche.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

© SZ.de/bavo/cat
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