Der Zins-Skandal und die Folgen:Lieber ohne Libor

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On The Trading Floor Inside The London Metal Exchange

Geheime Absprachen: Aufgezeichnete Telefongespräche und E-Mails brachten einen der größten Bankenskandale ans Licht.

(Foto: Jason Alden/Bloomberg)

Der Zinssatz, der über Jahre von einigen Großbanken manipuliert wurde, soll nach und nach durch neue Referenzsätze ersetzt werden. Was das für Anleger bedeutet.

Von Harald Freiberger

Es ist einer der größten Bankenskandale, der je an die Öffentlichkeit kam: Über Jahre manipulierten Großbanken den Zinssatz Libor zu ihrem eigenen Vorteil und zum Schaden der Anleger. Die Regulierungsbehörden verhängten deswegen in den vergangenen Jahren Milliardenstrafen. Gleichzeitig schrieben sie vor, dass der Libor durch andere Referenzinssätze ersetzt werden muss, die weniger anfällig für Manipulationen sind.

Die Aufarbeitung des Betrugs ist noch lange nicht abgeschlossen

Mehrere Notenbanken, auch die EZB, sowie verschiedene Arbeitsgruppen arbeiten derzeit daran, Nachfolger für den Libor zu finden. Bis es so weit ist, wird es aber noch einige Jahre dauern, da komplizierte technische Fragen gelöst werden müssen. Verbraucher können sich darauf zumindest schon vorbereiten, indem sie eigene Verträge darauf prüfen, ob sie an den Libor gekoppelt sind. Über Jahre untersuchten europäische, britische und amerikanische Regulierer die Vorgänge. Was sie zutage förderten, war haarsträubend. Händler großer Banken wie der Deutschen Bank, der Schweizer UBS, der Royal Bank of Scotland oder der US-Investmentbank Morgan Stanley hatten sich von 2003 bis 2011 immer wieder verabredet, den Libor in eine bestimmte Richtung zu manipulieren. Heraus kam das über aufgezeichnete Telefongespräche und E-Mails.

In den E-Mails wurden die Bankkunden verhöhnt, die von den Manipulationen nichts wussten: "Heute also wieder handgemachte Libors. O je, meine armen Kunden, hehe." Einer der Händler nannte sich selbst "Lord Libor" und verspottete seine Kunden als "Schafe". Auch offene Bestechung kam vor: "Ein Händler kauft dir nächstes Jahr einen Ferrari, wenn der Drei-Monats-Libor steigt und der Sechs-Monats-Libor sich nicht bewegt." Ein anderer Händler dagegen sei billiger: "Er kann mit einer Flasche Champagner im Jahr, einem Besäufnis und ab und an einem kleinen Bonus leben."

Möglich waren die Manipulationen deshalb, weil eine relativ kleine Zahl von Händlern mit der Feststellung der Zinssätze betraut war. Libor ist die Abkürzung für London Interbank Offered Rate, das heißt: der Zinssatz, zu dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. Es gab mehrere solcher Zinssätze, je nachdem, wie lange das Geld verliehen wurde, auch in mehreren Währungen. Festgelegt wurden die Sätze von acht bis 16 Händlern der Banken. Sie meldeten diese jeden Tag um elf Uhr per Telefon an den britischen Bankenverband.

Die Banker hatten vor allem zwei Motive für ihre Manipulationen: Zum einen wollten sie sich selbst bereichern. Wer weiß, wie ein Zins sich entwickelt, kann die Handelspositionen der Bank darauf abstellen und Wetten abschließen. Das nutzt auch den Händlern selbst: Je mehr Gewinn sie erzielen, umso höher ist ihr Bonus. Zum anderen ging es ihnen darum, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise um 2008, die Situation der eigenen Bank zu beschönigen. Sie meldeten einen niedrigeren Zinssatz, als sie eigentlich zahlen mussten, denn ein hoher Zins gilt als Alarmsignal. Der Skandal ist so groß, weil der Libor auf den Kapitalmärkten weltweit enorme Bedeutung hat. Finanzprodukte in Höhe von mehreren Hundert Billionen Euro sind an ihn gekoppelt. Es handelt sich etwa um Derivate, also Wetten auf Aktien, Anleihen oder Währungen, die sich auf einen Basis-Zinssatz beziehen. Auch Sparpläne oder Immobilienkreditverträge können den Libor als Basis haben.

Nach Schätzungen soll Bankkunden ein Schaden von rund 17 Milliarden Dollar entstanden sein. Konkret ist dies aber schwer zu ermitteln. Denn dazu müsste bekannt sein, in welche Richtung der Libor in welchem Zeitraum manipuliert wurde. Erst dann könnten Bankkunden anhand ihrer damaligen Wertpapier-Positionen sagen, welchen Schaden sie erlitten haben. Es gibt dem Vernehmen nach aber eine Reihe professioneller Investoren, die klagen.

Die Aufarbeitung des Skandals ist noch lange nicht abgeschlossen. Bisher verhängten Regulierungsbehörden Geldstrafen. Die höchste Strafe musste die Deutsche Bank in den USA im Jahr 2015 zahlen: 2,5 Milliarden Dollar. Die Strafe fiel auch deshalb so hoch aus, weil das Institut wenig kooperationsbereit war; unter anderem sollen Aufzeichnungen von Telefongesprächen zurückgehalten worden sein. Die Schweizer UBS musste in den USA 1,5 Milliarden Dollar zahlen, die Royal Bank of Scotland gut 600 Millionen Dollar. Auch die EU-Kommission verhängte ein Bußgeld von 1,5 Milliarden Euro, davon allein 725 Millionen für die Deutsche Bank.

Ein Händler wurde bisher persönlich verurteilt: Tom Hayes, der bei der UBS arbeitete und als Drahtzieher der Manipulationen galt. Der Londoner Southwark Crown Court verurteilte ihn 2015 zu einer Haftstrafe von elf Jahren. Der Prozessbeginn gegen elf andere Beteiligte zieht sich hin. Ursprünglich war er für September dieses Jahres geplant, nun soll er im April 2018 stattfinden. Unter anderen sollen dabei sechs Händler der Deutschen Bank vor Gericht kommen, die in die Manipulationen verwickelt waren. Das größte deutsche Institut entließ zwölf Händler, neun weitere wurden versetzt. Unter ihnen ist auch der Starhändler Christian Bittar, der Berühmtheit erlangte, weil er im Jahr 2009 Anspruch auf einen Bonus von 80 Millionen Euro hatte, den ihm die Bank aber nicht komplett auszahlte. Bittar lebt heute in Singapur, er erschien Anfang 2017 auch schon zu Anhörungen in London. Für eine Kaution von einer Million Pfund darf er seine Freiheit behalten. Er beteuert seine Unschuld.

Dem britischen Bankenverband ist inzwischen die Verantwortung für die Feststellung des Libor entzogen. Dafür ist nun die Börse ICE verantwortlich, die von der Finanzaufsicht FCA überwacht wird. Nach wie vor wird der Libor täglich von einem Panel aus elf bis 17 Banken für mehrere Laufzeiten und Währungen notiert. Er bildet auch weiter die Grundlage für unzählige Finanzprodukte auf der ganzen Welt. Die Umstellung auf andere Referenzzinssätze dauert so lange, weil sich die Notenbanken künftig nicht mehr auf "Offered Rates" verlassen wollen, also auf Zinsen, die sich Händler gegenseitig anbieten, sondern auf Marktdaten, also Zinsen, die Banken untereinander wirklich gezahlt haben.

Ob der Libor ganz verschwinden wird, ist unklar. Die britische Finanzmarktaufsicht FCA hat deutlich gemacht, dass sie Banken ab Ende 2021 nicht mehr darin unterstützt, im Libor-Panel zu sein. Für Bankkunden in Deutschland hat er offenbar keine große Bedeutung. "Nach unserer Kenntnis spielt der Libor weder bei Sparverträgen noch bei Kreditverträgen von Verbrauchern eine große Rolle", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Weiter verbreitet sei der europäische Zinssatz Euribor. Um sicherzugehen, sollten Bankkunden in ihren Verträgen nachsehen, ob der Libor dabei als Referenzzinssatz angegeben ist. Sei dies der Fall, könnten sie sich erkundigen, wie die Bank damit künftig verfahren will. "Grundsätzlich darf die Bank einen vertraglich vereinbarten Referenzzinssatz während der Vertragslaufzeit nicht einseitig ändern", sagt Nauhauser. Sie benötige dafür die Zustimmung des Kunden. Bei Immobilienkreditverträgen sind in Deutschland keine variablen Zinssätze üblich, sondern feste Zinsen mit bestimmten Laufzeiten. Deshalb spielt der Libor hier kaum eine Rolle. In der Schweiz ist das anders, dort taucht der Libor oft in Kreditverträgen auf. Deshalb ist die Abschaffung des Libor für die Hauskäufer dort eine große Unbekannte.

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