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Dating-Portal:Daten gegen Liebe

Facebook: Managerin Fidji Simo stellt im April 2019 die neue Dating-Funktion vor

Vorstellung der neuen Dating-App: Die Facebook-Macher wollen hier auf ein gewisses Maß an Intimität achten.

(Foto: Stephen Lam/Reuters)

In Deutschland mischt Facebook nun auch bei Dating-Plattformen mit. Wer mehr von sich preisgibt, erhöht seine Chance auf einen Treffer. Auf ein Maß an Intimität soll trotzdem geachtet werden.

Von Thorsten Riedl

Schon Shakespeare wusste: "Liebe wechselt nicht mit Stunde oder Woche" und "weit reicht ihre Kraft bis zum letzten Tag". Doch, wo soll man sie finden, diese ewige Liebe? In Zeiten des Internets ist die Antwort offensichtlich: im Netz natürlich. Bei den zahlreichen Angeboten zur Online-Partnervermittlung mischt seit Kurzem auch Facebook mit. Bislang ist das Angebot gratis, aber nicht umsonst - denn die Nutzer "zahlen", indem sie noch mehr intime Daten von sich preisgeben.

Fast ein Drittel der Deutschen hat schon mal einen Onlinedating-Service genutzt, hat eine Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom herausgefunden. Naturgemäß liegt der Anteil bei den Jüngeren deutlich höher, bei den Älteren niedriger. Jeder Zweite hatte dort sogar Erfolg bei der Suche. Ein Fünftel der Liebesbedürftigen zahlt für die Dienste von Parship, Elite Partner & Co., ein weiteres Fünftel setzt auf Services wie die von Tinder oder nun von Facebook, die kein Geld kosten. Für dieses Jahr wird der Umsatz im Markt für Internet-Partnervermittlungen allein in Deutschland auf fast 100 Millionen Euro geschätzt. Die Match Group, ein US-Unternehmen, zu dem Online-Datingdienste wie Tinder oder Match.com gehören, hatte im vergangenen Jahr weltweit einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Dollar.

Wer sich belästigt fühlt, kann Personen melden oder blockieren

Kein Wunder also, dass die Aktien der Match-Gruppe im Mai 2018 fast ein Fünftel an Wert verloren. An dem Tag, als Facebook ankündigte, ebenso ein Dating-Portal an den Start zu bringen. Es gehe um den "Aufbau echter langfristiger Beziehungen, nicht nur um kurze Affären", erklärte Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg damals, als er den Dienst vorstellte - offenbar mit Seitenhieb auf viele andere, bei denen die schnelle Affäre im Vordergrund steht. Mehr als 200 Millionen Mitglieder der seinerzeit 2,2 Milliarden Facebook-Nutzer seien Single. Denen wolle man im größten sozialen Netz der Welt eine Chance geben, sich kennenzulernen.

In 19 Ländern startete Facebook 2018 Dating, in den Vereinigten Staaten ein Jahr später. Es handele sich um eine "Wohlfühl-Mission", erklärte Nathan Sharp zum Marktstart in den USA. Es gehe nur darum, Menschen miteinander zu verbinden. "Es gibt keine Pläne für Anzeigen oder Abos."

Datenschützer in der Europäischen Union wollten dieser uneigennützig klingenden Erklärung von Facebook nicht ganz glauben. Kurz vor dem Valentinstag in diesem Jahr stoppten sie den geplanten Start von Facebook Dating auf dem alten Kontinent. Nach eigenen Aussagen hatte der US-Konzern sie gerade mal zehn Tage zuvor über das Vorhaben unterrichtet. Ende Oktober war es so weit: In Deutschland und 31 weiteren europäischen Ländern ist Facebook Dating nun möglich. Insgesamt können sich Nutzer in 51 Ländern über die App innerhalb von Facebook verabreden.

Bislang findet sich die Flirt-Abteilung des sozialen Netzes nur auf den mobilen Apps für iOS- und Android-Geräten. Dort gibt es neben den gewohnten Funktionen ein Register mit drei Strichen für weitere Dienste - und da findet sich auch das Dating-Segment. Innerhalb des Bereichs finden sich neue Funktionen wie "Secret Crush", mit dem sich der heimliche Schwarm im Bekanntenkreis markieren lässt. Bis zu neun angebetete Personen lassen sich auf diese Weise aus den eigenen Facebook- und Instagram-Kontakten wählen. Beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit, werden beide Personen informiert - sonst erfahre das Gegenüber niemals von den eigenen Gefühlen, verspricht Facebook. Man kennt das Prinzip von Tinder.

Daneben haben sich die Softwareentwickler des sozialen Netzes weitere Features einfallen lassen: Stories etwa, um Momente aus dem eigenen Alltag zu teilen, oder virtuelle Verabredungen, um innerhalb der Facebook-App einen Videoanruf zu starten.

Wert legen die Facebook-Macher auf ein Maß an Intimität innerhalb des Dating-Bereichs: So erfahre niemand der Facebook-Freunde, falls man ein Profil im Liebes-Sektor erstelle, heißt es. Die Kommunikation innerhalb des Bereichs laufe getrennt von den anderen Diensten wie Facebook Messenger, Instagram-Chat oder Whatsapp. Wer sich belästigt fühlt, kann Personen melden oder blockieren. Gleichwohl fällt beim Anlegen eines Dating-Profils sofort auf, dass Facebook noch mehr Daten sammelt als ohnehin schon: Informationen zur eigenen Größe etwa, noch vergleichsweise harmlos, aber auch zur sexuellen Orientierung oder den Wünschen - ist nur ein Chatpartner gesucht, etwas Zwangloses oder eine langfristige Beziehung? "Für Verbraucher wäre es wichtig zu wissen, welche Daten Facebook genau sammelt und wie diese mit bestehenden verknüpft werden", erklärt Ayten Öksüz von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Schon jetzt sammele Facebook viele Infos auf der eigenen Seite und unter Umständen beim Ansteuern externer Angebote. "Daher gehen wir davon aus, dass das Unternehmen auch über die Dating-Funktion viele weitere Informationen über seine Nutzer erfahren kann."

Eine Sprecherin des US-Konzerns verweist grundsätzlich auf die Datenrichtlinie des Hauses. Informationen, die das Unternehmen als "Special Category" klassifiziert, darunter fallen beispielsweise religiöse Interessen, würden nicht verwendet. Daten aus der "Non-Special Category" dagegen würden genutzt, "um die Benutzererfahrung auf anderen Facebook-Plattformen zu personalisieren", erklärt sie weiter.

Daten preiszugeben der Liebe wegen? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Alternativen zum Dating-Dienst von Facebook gibt es zuhauf. Und im Netz finden sich Vergleiche von Partnerbörsen, bei denen nach der richtigen Plattform gesucht werden kann: Dort lassen sich die Börsen filtern nach der Altersgruppe etwa, die dort vornehmlich vertreten ist, oder der Bildungsschicht, wie es beliebt. Und für die Zeiten nach Corona empfiehlt sich vielleicht ein Treffen mit Freunden - im echten Leben. Denn dort finden die Deutschen, so heißt es in verschiedenen Statistiken, am ehesten ihr Liebesglück. Hoffentlich bis zum letzten Tag.

© SZ vom 26.11.2020
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