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Daimler :Harte Wahrheiten

Ola Källenius

Daimler-Chef Ola Källenius muss mit den Altlasten fertigwerden.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Der neue Boss Ola Källenius präsentiert seine neue Strategie. Er signalisiert Entschlossenheit zum Sparen und Umlenken, stößt aber an die Grenzen eines Großkonzerns.

Es sollte ein Befreiungsschlag werden. Der zuletzt ins Schlingern geratene Autohersteller Daimler hat am Donnerstag Investoren und Analysten in das Londoner Fünf-Sterne-Hotel Corinthia geladen, um seine neue Strategie vorzustellen und eine klare Perspektive für die Zukunft zu geben. Unter hohen, in blaues Licht getauchte Bögen und mächtigen Kronleuchtern gibt sich der neue Chef Ola Källenius große Mühe, um nach zwei Gewinnwarnungen die Börsen zu überzeugen. Das gelingt ihm nicht wirklich. Viele Pläne und Absichtserklärungen klingen zwar gut, aber ob sie auch in Erfüllung gehen, bleibt offen. Nach dreieinhalb Stunden mit vielen kritischen Fragen steht fest: Die Aktienmärkte bleiben skeptisch. Der ohnehin schon schwache Kurs sackt zwischenzeitlich um vier Prozent auf unter 52 Euro ab.

"Es ist erschreckend, wie weit Mercedes hinter dem Wettbewerb liegt. Bei CO₂, bei Rendite und beim Cash Flow", sagt Analyst Arndt Ellinghorst von Evercore ISI kopfschüttelnd. "Das hat das Management heute eingestanden. Nun geht es darum, die Lücken in den kommenden drei Jahren zu schließen." Die Skepsis liegt nicht an Källenius' Auftreten. Der 50-jährige Schwede macht bei seinem ersten Kapitalmarkttag seit seinem Amtsantritt im Mai eine gute Figur. Er zeigt sich entschlossen, die "zu hohen Fixkosten" massiv zu reduzieren. Alleine beim Personal will er bis Ende 2022 1,4 Milliarden Euro einsparen. Dennoch gesteht er ein, dass der Konzern vor schwierigen Zeiten steht: "2020 und 2021 werden sehr herausfordernde Jahre." Mehrmals spricht er in fließendem Englisch von "großen Brocken" ("big chunks"), die er aus dem Weg räumen müsse. Der größte Brocken: Die strengeren Flotten-Grenzwerte für den CO₂-Ausstoß, die in der EU ab 2020 greifen: "Wir müssen innerhalb eines Jahres von 138 auf 100 Gramm runter", sagt Källenius. "Das ist eine große Distanz." Sollte Daimler die Grenzwerte reißen, drohen saftige Strafen. Ob er das verhindern kann? "Es ist möglich", sagt Källenius, "aber ich kann es nicht garantieren".

Nach mehreren Jubeljahren ist die Party bei Daimler vorbei

Kurzum: Nach mehreren Jubeljahren in Folge mit allerlei Absatzrekorden ist die Party bei Daimler vorbei. Das liegt sowohl an externen Faktoren (Brexit, Strafzölle, Regulierung) als auch an hausgemachten Problemen (Produktionsengpässe, Ineffizienz, Dieselaffäre). Källenius muss jetzt den Kehraus managen - und sitzt dabei zwischen allen Stühlen; Die EU-Kommission zwingt ihn zu einem massiven Umbau der Flotte, die Aktionäre fordern größere Margen, die Arbeitnehmer wehren sich gegen Einschnitte. Und ganz nebenbei legt die Autoindustrie einen Transformationsprozess hin, dessen Ausmaß noch niemand abschätzen kann. "In zehn Jahren wird die Industrie nicht dieselbe sein wie heute", sagt Källenius. Er betont aber auch: "Das Auto-Business ist ein Wachstum-Business." Dabei wachse das Premium-Segment sogar stärker als das Volumen-Segment.

Dennoch erwartet Daimler zunächst eine "Margen-Erosion". Auch deshalb will Källenius die Investitionen in Sachanlagen sowie in Forschung und Entwicklung von 2021 an reduzieren. Auch die Ausgaben für das Projekt Robotaxis in Kalifornien werden gestutzt. Die Entwicklung selbstfahrender Stadttaxis sei zu teuer und die Erfolgschance zu gering, deshalb werde die Kooperation mit Bosch heruntergefahren, erklärt Källenius. Zudem soll die Varianz bei den Modellen und Motoren sinken. Wegen der langen Entwicklungszyklen greife dies aber erst 2025. "Der Höhepunkt der Komplexität ist noch vor uns", sagt Källenius. Und macht damit klar: Selbst wenn er schneller umsteuern wollte, es ist angesichts der Abläufe in der Industrie und im Konzern schlicht nicht möglich. Bei den Personal-Einsparungen trifft es die Pkw-Sparte am härtesten. Sie alleine soll die Kosten um eine Milliarde Euro reduzieren. Den Rest tragen die Bereiche Vans (100 Millionen) und Lkw/Busse (300 Millionen) bei. Källenius will vor allem in der Verwaltung Stellen abbauen, im Management sollen zehn Prozent aller Jobs wegfallen. Der Betriebsrat hatte bereits vor Tagen veröffentlicht, Daimler wolle 1100 Führungs-Jobs abbauen und verlange von den Mitarbeitern, auf die Tariferhöhungen 2020 zu verzichten. Vor allem letztere Forderung wies der Betriebsrat scharf zurück. Hierzu äußert sich Källenius nicht, mit Verweis auf laufende Verhandlungen.

Fakt ist, dass für alle deutschen Mitarbeiter bis Ende 2029 eine Beschäftigungssicherung gilt. Betriebsbedingte Kündigungen sind für sie also ausgeschlossen. Dies gilt aber nicht für höhere Führungskräfte.

Mit welcher Strategie die Hauptmarke Mercedes in die Zukunft steuert? "Electric first", sagt Källenius. Bis 2030 soll mehr als die Hälfte der verkauften Fahrzeuge elektrifiziert sein. Es ist ein neues Feld, bei dem Daimler bislang der Konkurrenz von Tesla bis Porsche hinterherfährt. Und was passiert mit den Benzin- und Diesel-Motoren, bei deren Entwicklung die Stuttgarter als weltweit mitführend gelten? "Wir befinden uns im letzten Entwicklungs-Zyklus der Verbrennermotoren", verkündet Källenius. Bis etwa 2023 werde noch in die Entwicklung von Verbrennern investiert. Und dann? Kommt darauf an, ob Daimler den Umbruch geschafft hat oder nicht. "Es gab heute viele harte Wahrheiten", sagt Källenius in seinem Schlusswort, "aber langfristig haben wir eine Strategie und eine großartige Perspektive". Diese Strategie sei zunächst zwar "teuer", aber von 2025 führe sie zum Erfolg, beteuert er. Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler ist skeptischer: "Die mittelfristigen Ziele sind sehr enttäuschend", sagt er, "und die strategischen Ankündigungen viel zu allgemein".