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Corona-Impfstoff:Sanofi im Verzug

"Sanofi tötet seine Forschung", steht am Tor einer Fabrik von Sanofi. Der französische Konzern ist mit seinem Impfstoff im Verzug. Anfang Februar protestierten Mitarbeiter gegen einen Stellenabbau in der Entwicklung.

(Foto: Alain Jocard/AFP)

Über den Stand der Impfstoff-Entwicklung gibt es widersprüchliche Äußerungen.

Wie weit ist der französische Konzern Sanofi mit seinem Impfstoff? Darüber scheint sich selbst das Management nicht einig. Vorstandschef Paul Hudson sagte der Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche, das mit dem US-Partner Translate Bio entwickelte Vakzin werde in diesem Jahr nicht zur Verfügung stehen. Bislang war Sanofi davon ausgegangen, dass eine Zulassung schon in der zweiten Jahreshälfte 2021 möglich sei. Frankreich und damit auch die EU hatten große Hoffnungen in Sanofi gesetzt. Der Kandidat basiert auf der neuartigen mRNA-Technologie, die auch das Mainzer Unternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer sowie der US-Konzern Moderna für ihre bereits zugelassenen Impfstoffe nutzen. "Dieser Impfstoff wird nicht in diesem Jahr fertig sein, aber er könnte zu einem späteren Zeitpunkt von Nutzen sein - umso mehr, wenn der Kampf gegen Mutationen weitergeht", sagte Hudson.

Sanofi kämpft bereits mit einer Verzögerung bei seinem anderen Covid-19-Impfstoffkandidaten, der zusammen mit dem britischen Pharmakonzern Glaxo Smith Kline entwickelt wird. Die beiden Unternehmen hatten im Dezember mitgeteilt, dass das Mittel bei älteren Erwachsenen keine ausreichende Immunantwort hervorrief.

Das sieht Thomas Triomphe, Chef der Impfstoffsparte Sanofi Pasteur, wohl anders. Die Impfstoffe träten in den kommenden Wochen in neue klinische Phasen und beide könnten bis Ende des Jahres verfügbar sein, sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der mit Glaxo Smith Kline entwickelte Kandidat werde im Laufe des Februars in eine Phase-II eintreten, es gäbe keine Probleme bei der Formulierung. Der mRNA-Impfstoffkandidat werde im März mit frühen Tests beginnen und könnte bis zum Ende des Jahres zugelassen werden, wenn die Behörden keine umfangreichen Tests in den späten klinischen Phasen verlangten. Biontech hatte diese mit weltweit mehr als 40 000 Probanden durchgeführt.

Unterdessen stellte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides ein Schnellverfahren für die Anpassung bereits zugelassener Corona-Impfstoffe an Virus-Mutanten in Aussicht. "Wir haben nun entschieden, dass ein Impfstoff, der vom Hersteller auf der Basis des bisherigen Vakzins zur Bekämpfung neuer Mutationen nachgebessert wurde, nicht mehr den ganzen Zulassungsprozess durchlaufen muss", sagte sie der Augsburger Allgemeinen. "Es wird also schneller gehen, geeignete Impfstoffe verfügbar zu haben, ohne bei der Sicherheit Abstriche zu machen." Die USA und Großbritannien hatten - anders als die EU - die ersten Corona-Impfstoffe wesentlich schneller in einem Notfallverfahren zugelassen und sind deutlich weiter bei der Impfung von Risikogruppen als etwa Deutschland und Frankreich.

Der Kommissarin zufolge sollen bis Ende September mindestens 700 Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Das sei mehr als genug für 70 Prozent der EU-Bevölkerung. Bis Ende Juni stünden 300 Millionen Dosen der bislang drei zugelassenen Impfstoffe für mehr als ein Drittel der EU-Bürger bereit. "Diese Zahl könnte sich sogar noch erhöhen, wenn der Impfstoff von Johnson & Johnson hinzukommt", so Kyriakides mit Blick auf den US-Konzern. In Japan wurde inzwischen als erster Impfstoff das Mittel von Biontech zugelassen. Das teilte das dortige Gesundheitsministerium am Sonntag mit, nachdem ein Regierungsgremium am Freitag die Zulassung empfohlen hatte. Mit dem Impfstoff, den die Mainzer zusammen mit Pfizer entwickelt haben und vertreiben, will Japan seinen Kampf zur Eindämmung einer dritten Infektionswelle im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele verstärken.

Die europäische Arzneimittel-Behörde EMA teilte am Freitag mit, dass sie das schnelle Prüfverfahren für den Impfstoff des Tübinger Herstellers Curevac gestartet habe. Die Entscheidung beruhe auf den vorläufigen Ergebnissen von Labortests und klinischen Studien. Daraus wird nach Angaben der EMA deutlich, dass der Impfstoff die Produktion von Antikörpern gegen das Coronavirus anregt. Die Behörde bewertet die Daten nach dem sogenannten Rolling-Review-Verfahren. Dabei werden Daten und Ergebnisse laufend geprüft, auch wenn die Testreihen noch nicht abgeschlossen sind und auch kein Antrag auf Zulassung in der EU gestellt wurde. Das Verfahren ist schneller als herkömmliche Prüfungen, aber ebenso sorgfältig, wie die EMA mitteilte. Wie lange die Prüfung dauern werde, ist unklar.

© SZ/Reuters/Bloomberg/dpa/Reuters/Bloomberg/dpa
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