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Corona-Hilfen:Zwischen Krise und Goldgräberstimmung

In diesen Zeiten könnte die Gemengelage für Start-ups ­kaum unterschiedlicher sein: Bei den einen stürzt der Umsatz auf null, bei den anderen schnellen die Einnahmen in die Höhe.

Von Steffen Uhlmann

Es ist nicht bekannt, wie oft Lawrence Leuschner in letzter Zeit im Gedanken ein entspanntes Juchzen ins Land der aufgehenden Sonne geschickt hat. Es dürften einige Freudensignale gewesen sein, denn der Chef des Berliner Start-ups Tier Mobility hat gerade bei Geldgebern über 200 Millionen Euro frisches Kapital eingesammelt. Angeführt wurde der ausländische Investorenpool vom japanischen Softbank-Konzern, der allein mehr als 105 Millionen Euro "spendierte". Für den Tech-Konzern freilich ein Betrag aus der Portokasse, schließlich hat er trotz Corona-Krise im laufenden Jahr 2020 mit mehr als 15 Milliarden Euro in seiner Halbjahresbilanz den höchsten Nettogewinn seiner Geschichte ausgewiesen.

Das Geld der Japaner und der anderen Investoren braucht Leuschner in Corona-Krisenzeiten nicht zum Überleben seines erst zwei Jahre alten Unternehmens. Der E-Scooter-Verleiher hat es seit Sommer 2020 geschafft, seine Geschäfte profitabel zu betreiben. Nun will er die Führungsposition seines Start-ups, das schon jetzt in mehr als 80 Städten in zehn Ländern mehr als 60 000 Fahrzeuge per Verleih auf die Straße bringt, mit dem frischen Kapital auf dem europäischen Markt weiter ausbauen.

Für die Japaner ist das Engagement beim Berliner Unternehmen nicht der erste Einstieg in den deutschen Start-up-Markt. Softbank-Geld steckt unter anderem auch in dem Berliner Unternehmen Getyourguide, das seit einigen Jahren Service für Touristen und digitale Dienstleistungen für Veranstalter, Museen oder Freizeitparks anbietet. Die ersten zwei Monate des Jahres 2020 seien die besten in der noch jungen Firmengeschichte gewesen, erklärt Gründer und Vorstandschef Johannes Reck. Dann aber musste er mit ansehen, wie die einsetzende Corona-Pandemie binnen weniger Wochen sämtliche Expansionspläne für das laufende Jahr zu Makulatur machte.

Schon Mitte März war der Umsatz von Getyourguide auf die Nulllinie abgestürzt. Und Reck blieb wie vielen anderen Unternehmen nichts anderes übrig, als auf die Hilfsangebote der Bundesregierung zurückzugreifen. So konnte auch er einen großen Teil seiner mehr als 500-köpfigen Belegschaft für unbestimmte Zeit in die Kurzarbeit schicken. Darüber hinaus wurde das gesamte Personal zu einem 30-prozentigen Gehaltsverzicht verpflichtet. Dabei hatte Reck noch Glück, hatte er doch noch kurz vor dem Pandemie-Einbruch ebenfalls eine weitere Finanzierungsrunde für Getyourguide erfolgreich abschließen können.

Illustration: Stefan Dimitrov

Hier Aufstieg und weiterhin kühne Expansionspläne, dort zäher Überlebenskampf am Rande des Ruins. Die Gemengelage könnte für Start-ups nicht unterschiedlicher sein. Eigentlich eine Normalität. Schließlich gilt es als statistisch gesichert, dass neun von zehn Start-ups scheitern, ein Drittel davon wegen fehlender Barmittel. Zugleich aber hat sich laut Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) der Bestand an innovations- und wachstumsorientierten Unternehmen in den vergangenen Jahren in Deutschland relativ konstant bei etwa 70 000 eingepegelt. Jetzt aber, so die KfW-Banker, drohe durch die Corona-Krise der Verlust einer ganzen Start-up-Generation. Also statt Goldgräberstimmung nun Krisenmodus?

Vielleicht, jedenfalls grassierte seit Frühjahr dieses Jahres nicht nur das Virus durchs Land, sondern auch die Furcht unter jungen Unternehmern. Nach einer Umfrage des Bundesverbands Deutsche Startups berichteten bereits Ende März drei Viertel der Firmen von ernsthaften Existenzängsten. Erhebliche Umsatzeinbrüche, das Platzen sicher geglaubter Finanzierungen ließen für das Jahr Schlimmes befürchten. Vorbei die Zeit üppiger Finanzierungsrunden, weil vornehmlich private Investoren nun noch genauer auf die Geschäftsmodelle der Firmen schauen und in Krisenzeiten gerade die Wagniskapitalgeber (Venture-Capital-Investoren) ihre Taschen mehr und mehr zuhalten. Müssen sie doch deutlich höhere Ausfallquoten für ihre Portfolios befürchten.

Mithin sind nach vorläufigen Berechnungen allein im zweiten Quartal dieses Jahres die Finanzierungsrunden um die Hälfte zurückgegangen. Dabei waren Kapitalgeber noch im Jahr zuvor überaus großzügig in der Gründerszene unterwegs gewesen. 2019 hatten Start-ups in Deutschland und dem übrigen Europa Rekordgelder eingeworben. Die Investitionen von Fonds, Beteiligungsgesellschaften und Konzernen in Wachstumsfirmen kletterten gegenüber dem Jahr zuvor um 46 Prozent auf mehr als 31 Milliarden Euro. Deutsche Start-ups bekamen davon 6,1 Milliarden Euro ab, etwa ein Drittel mehr als noch 2018.

Start-ups, die in den ersten Jahren zumeist defizitär arbeiten, leben statt von Darlehen mehr und mehr von Risikokapital. Denn die jungen Firmen profitieren zwar häufig von Förderinstrumenten der Bundesregierung, erfüllen jedoch oft die Anforderungen der Banken für Kredite nicht. So will/muss jedes fünfte Start-up sein Wachstum mit Wagniskapital finanzieren, das sind mehr als doppelt so viele wie noch 2018. In der Regel sind dafür alle eineinhalb bis zwei Jahre neue Finanzierungsrunden nötig, die nun auf der Kippe stehen. Damit wird die Pandemie zur existenziellen Herausforderung für Start-ups.

Hilfspaket

Start-ups haben Zugang zu allen Unterstützungsmaßnahmen des Corona-Hilfspakets, versichert das Bundeswirtschaftsministerium. Um den Bedürfnissen junger Firmen aber besser gerecht zu werden, habe man ein mit zwei Milliarden Euro dotiertes Unterstützungspaket "maßgeschneidert", das auf zwei Säulen basiert:

SÄULE 1A: "Corona Matching Fazilität" (CMF): Wagniskapitalfonds erhalten zusätzliche öffentliche Mittel, damit Investoren auch während der Corona-Pandemie hoch innovative und zukunftsträchtige Start-ups finanzieren. Dazu werden Kooperationen mit öffentlichen Partnern wie etwa KfW Capital oder dem Europäischen Investitionsfonds (EIF) genutzt (Informationen dazu bzw. Antragsformulare sind unter https://kfw-capital.de/corona-matching-fazilitaet/ zu finden.

SÄULE 1B: "Corona Liquidity Fazilität" (CLF): Direkte Bereitstellung zusätzlicher Mittel für Start-ups über die öffentlichen Wagniskapitalfonds High Tech Gründerfonds (HTGF) und Coparion sowie über das Finanzierungsprogramm ERP-Startfonds.

SÄULE 2: Hilfen für Start-ups und kleine Mittelständler: Für Firmen, die keinen Zugang zu den Hilfen über die Corona Matching Fazilität haben, werden in Kooperation mit den Förderinstituten der Bundesländer weitere Finanzierungsmöglichkeiten eröffnet. Bis zu 800 000 Euro können pro Firma ausgereicht werden. Informationen sind unter https://www.kfw.de/inlandsfoerderung/Unternehmen/KfW-Corona-Hilfe/Start-ups.html zu finden.

Die Politik hat das erkannt und versucht seit Monaten, mit immer neuen Hilfsprogrammen gegenzusteuern, um auch die von ihnen hochgelobte Start-up-Kultur nicht verkümmern zu lassen. Eingebettet wurden die Start-up-Hilfen zunächst einmal in das Corona-Hilfsprogramm für die Wirtschaft, die sich schon jetzt auf mehr als 70 Milliarden Euro summieren. Und nach den für November beschlossenen Überbrückungshilfen in Höhe von zehn Milliarden Euro will die Regierung nun im Dezember erneut draufsatteln. Die Rede ist von weiteren 17 Milliarden Euro. Das Gros der bislang bewilligten Milliarden aber ist bis heute von den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) nur spärlich abgerufen worden, weil die Hilfsprogramme einfach nicht passgenau sind oder durch ihre bürokratischen wie rechtlichen Fallstricke fast nur Großkonzernen zugutekommen, die über schlagkräftige Rechtsabteilungen verfügen. Die Rettungsmilliarden narkotisieren, aber heilen nicht, monieren Kritiker. Es bestehe die Gefahr, dass die Regierung in vielen Fällen nur "Sterbehilfe" für eh schon kranke Firmen leiste, die wiederum andere gesunde Unternehmen ansteckten.

Hoffnungen der Start-ups machen sich jetzt vor allem an dem zwei Milliarden Euro schweren Hilfsprogramm fest, das Finanzminister Olaf Scholz (SPD) aus dem bereits geplanten, mit zehn Milliarden Euro dotierten Zukunftsfonds abzweigen will. Mit diesen vorgezogenen zwei Milliarden, so Scholz, wolle die Bundesregierung verhindern, dass man zwar über ein "schönes Wachstumsprogramm" verfüge, für das es aber alsbald keine förderfähigen jungen Wachstumsfirmen mehr gebe. Dabei lebe die Wirtschaft gerade davon, dass immer wieder Neues entstehe, ist er überzeugt. Und dafür sorgten nun mal vorrangig junge Unternehmen aus der Start-up-Kultur. Weil die klassischen Kreditinstrumente zu den jungen innovativen Firmen nicht passen, sollen nach Plänen von Finanz- und Wirtschaftsministerium des Bundes öffentliche Wagniskapitalgeber wie etwa KfW Capital oder der Europäische Investitionsfonds (EIF) kurzfristig mit zusätzlichen Mitteln versorgt werden, die dann in Co-Investments mit privaten Investoren einfließen. So will man in "unsicheren Zeiten" Finanzierungsrunden sicherer machen, weil die öffentlichen Wagniskapitalgeber damit in die Lage versetzt werden, die Anteile der privaten Investoren zu übernehmen, sollten diese abspringen.

Auch wenn es im Jahr 2020 krisenbedingt mehr Pleiten von Start-ups geben wird, macht sich unter Gründerinnen und Gründern Optimismus breit. Deutlich mehr als in der etablierten Wirtschaft. Viele von ihnen "sehen in der Krise meist auch eine Chance und sind es gewohnt, schnell auf neue Situationen zu reagieren", sagt Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutsche Start-ups. Teubert stützt sich dabei auf Ergebnisse des 8. Deutschen Startup Monitors (DSM), den ihr Verband mit der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und der Universität Duisburg-Essen erstellt hat. Viele Gründerinnen und Gründer setzten statt auf Personalabbau auf Innovation und Nachhaltigkeit und avancierten so zum Wachstumsmotor für den Weg aus der Krise.

© SZ vom 03.12.2020
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