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Colin Fan:Unter Verdacht

Colin Fan, Global Head of Credit Trading and Head of Emerging Markets Debt Trading, Deutsche Bank, participates in the Corporate Debt Financing and Economic Recovery panel at the 2010 Milken Institute Global Conference in Beverly Hills, California

Die Deutsche Bank hat Colin Fan 2016 wegen möglichen Insiderhandels bei den Behörden gemeldet.

(Foto: Danny Moloshok/Reuters, Bearbeitung: SZ)

Die Deutsche Bank zeigte einen ihrer Ex-Top-Manager wegen möglichen Insider­handels bei den Behörden an.

Von Frederik Obermaier und Meike Schreiber

Kurz vor dem Gipfel seiner Karriere war der Aufstieg für Colin Fan beendet. Gerade noch hatte die Branche den Chef des Investmentbanking-Bereichs der Deutschen Bank als Kandidaten für den Vorstand gehandelt - da warf ihn der damalige Chef des Gremiums, John Cryan, im Herbst 2015 plötzlich raus. Der Grund dafür war laut Medienberichten, dass die Konzernrevision fragwürdige Handelsgeschäfte von Fan und fünf weiteren Deutsche-Bank-Mitarbeitern entdeckt hatte, bei denen die Banker privat 37 Millionen Dollar verdient haben sollen. Die Bank fror zunächst Fans Boni ein, als der Verdacht aufkam, ein Teil dieser Gewinne könnten auf Kosten des Geldhauses erzielt worden sein. Fan selbst sprach von Rufmord.

In den FinCEN-Files finden sich nun Spuren eines anderen Vorgangs, der viele Fragen aufwirft. Laut den Dokumenten meldete die Deutsche Bank im Juli 2016, ein Dreivierteljahr nach dem Rauswurf von Colin Fan, einen möglichen Fall von Insiderhandel - eine Straftat. Fan war trotz des Karriereknicks offenbar Kunde der Deutschen Bank geblieben. Die Nachricht ging an die britische Finanzmarktaufsicht und später auch an das US-Justizministerium. Dass eine Bank einen früheren Spitzenangestellten den Behörden meldet, noch dazu im Zusammenhang mit einem so schwerwiegenden Vorwurf, ist ein höchst seltener Vorgang. In den USA wird Insiderhandel besonders streng bestraft.

Womöglich ist Fan wirklich fragwürdigen Geschäften nachgegangen. Könnte es aber auch sein, dass die Deutsche Bank ihn bei den Behörden angeschwärzt hat, um in dem mit harten Bandagen geführten Streit um Fans Abfindung eine bessere Verhandlungsposition zu bekommen? Weder Fan noch die Bank äußerten sich dazu, ob der Verdacht Thema der Verhandlungen war.

Es ist so: Insider dürfen unveröffentlichte Informationen, wie etwa Übernahmeangebote, nicht für den Handel auf eigene oder fremde Rechnung nutzen, da dadurch andere Marktteilnehmer geschädigt werden können, die nicht über vergleichbare Informationen verfügen. Insider kann theoretisch jeder sein, der Zugang zu öffentlich noch nicht bekannten Informationen hat, deren Bekanntwerden sich aber auf Börsenkurse auswirken kann. Das kann der Chauffeur eines Vorstandsvorsitzenden sein, der im Auto mithört, oder Freunde eines Aufsichtsratschefs, die beim Rotwein zu viel erfahren. Oder ein Ex-Banker, dessen gute Kontakte nie abrissen.

An mehreren Tagen zwischen November 2015 und Mai 2016 meldete die Deutsche Bank London an amerikanische und britische Aufsichtsbehörden, dass Fan Aktien des kanadischen Pharma-Unternehmens Valeant Pharmaceuticals International (heute Bausch Health) gehandelt habe. Jeweils kurz danach stiegen oder fielen die Kurse wegen relevanter Nachrichten überraschend stark. Entweder hatte Fan also ein gutes Händchen - oder einen Tipp von jemandem, der schon von den Nachrichten wusste, bevor sie öffentlich wurden.

Die Deals des Ex-Kollegen fielen, soweit man weiß, bankintern auf, wahrscheinlich bei einer Routineprüfung. Software von Geldhäusern ist darauf programmiert, solch überraschende Aktiengewinne zu erkennen und gegebenenfalls Alarm auszulösen. "Suspicious trading" heißt das im Banker-Jargon, verdächtige Transaktionen. "Profitable trading" würde auch passen: Im November 2015 fuhr Fan in wenigen Tagen einen Gewinn von 169 000 Dollar ein, als er Valeant-Aktien kaufte - drei Tage bevor die Firma ein neues Anreizprogramm verkündete, um wichtige Mitarbeiter zu halten, woraufhin der Aktienkurs kräftig stieg. Im Mai 2016 machte Fan sogar rund 236 000 Dollar Gewinn, weil er Aktien kaufte, kurz bevor der Konzern mit einem Herz-Medikament Vertriebserfolge meldete. Ende Mai schließlich machte ein Übernahmeangebot die Runde - und Colin Fan hatte schon einige Tage vorher sein Portfolio aufgestockt, und 151 000 Dollar gewonnen. Macht unterm Strich 784 000 Dollar.

Colin Fan wurde als Kandidat für den Vorstand gehandelt, dann flog er plötzlich raus

In der Verdachtsmeldung der Deutschen Bank von Ende 2016 kann man lesen, dass "der Zeitpunkt und die Häufigkeit der Handelsaktivitäten" - also Colin Fans Käufe und Verkäufe - sowie "die daraus resultierenden realisierten Gewinne" ungewöhnlich seien. Die Experten der Deutschen Bank erkannten "mögliche Indikatoren für verdächtige Handelsaktivitäten". Und weiter: "Diese Faktoren in Verbindung mit der Sorge, dass eine mögliche persönliche Beziehung zwischen Fan und dem Vorstand von Valeant bestehen könnte, rechtfertigten weitere Untersuchungen."

Banken sind verpflichtet, solche Vorgänge den Behörden zu melden. Die Deutsche Bank erklärte, sich zu Geldwäscheverdachtsmeldungen aus rechtlichen Gründen nicht äußern zu dürfen, sie gehe aber grundsätzlich jedem Insiderhandel-Verdacht nach. Colin Fan ließ eine SZ-Anfrage dazu unbeantwortet.

Colin Fan, in China geboren und in Kanada aufgewachsen, galt als Überflieger in der Banken-Szene. Bevor er 1998 bei der Deutschen Bank anheuerte, hatte er bei der US-Investment Merrill Lynch und der Schweizer UBS gearbeitet. In der Deutschen Bank machte er schnell Karriere, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nannte ihn einen "Vorkämpfer für den Kulturwandel in einem Konzern, der von Gier und krimineller Energie in den eigenen Reihen niedergedrückt wurde". Im Internet kursierte damals ein Video, in dem er seine Kollegen zur Räson rief: Einige, so schimpfte Fan, seien "weit davon entfernt", die Verhaltensvorschriften der Bank zu erfüllen - all jenen drohte er mit "ernsten Konsequenzen für die Karriere". Das war 2014.

Schon bald geriet er selbst in Verruf. Nachdem die Deutsche Bank ihm seine Boni eingefroren hatte, zog er vor Gericht. Erst Jahre später kam es zu einer diskreten Einigung, über die sich weder Fan, der mittlerweile für den japanischen Technologiekonzern Softbank arbeitet, noch die Deutsche Bank äußern wollten. Das FinCEN ließ eine Anfrage zu dem Vorgang unbeantwortet. Die britische FCA erklärte, Verdachtsfälle grundsätzlich nicht zu bestätigen, geschweige denn etwas dazu zu sagen. Ob in den USA, Großbritannien oder anderswo Ermittlungen eingeleitet wurden, bleibt damit unklar.

Insiderhandel nachzuweisen ist generell sehr schwer. Die Ermittler müssen belegen, dass ein Verdächtiger tatsächlich Vorabinformationen hatte und diese für Aktiendeals auch nutzte. In einer internen Untersuchung von Colin Fans Aktivitäten zwischen Oktober 2015 und September 2016 kam das Geldhaus nach SZ-Informationen zu einem vorsichtigen Schluss: Es gebe gerade "keinen ausreichenden Verdacht" für eine weitere Meldung an die Behörden. Man müsse Colin Fan aber im Auge behalten.

© SZ vom 22.09.2020
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