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Chinesische Wanderarbeiter:Das Los von Wu Ying

Seit einigen Jahren gibt es auch in China erste unabhängige Arbeiterorganisationen. Liu Kaiming hatte Literatur studiert und promovierte über die Rolle kritischer Schriftsteller in Taiwan. Nach den Studentenprotesten 1989 hatte er einige Zeit im Gefängnis verbracht. Es war mit dem Hintergrund nicht leicht, einen Job zu finden. Ein Freund vermittelte ihm einen Arbeitsplatz als Reporter bei der Rechtszeitung in Shenzhen. Das Blatt gehörte der Regierung, und Liu schrieb lange Artikel über Komiteebeschlüsse und Verordnungen, er hackte bis tief in die Nacht Phrasen und Parolen in den Computer, doch Liu fehlte die Leidenschaft.

Unzählige bei der Arbeit verstümmelt

1998 interviewte er einen Anwalt. Er hieß Zhou Litai, und Liu hatte gehört, dass er plante, die Regierung zu verklagen. "Das klingt interessant", dachte Liu. Er besuchte Zhou in seiner Wohnung. Der Anwalt teilte sich ein paar heruntergekommene Zimmer mit 20 Wanderarbeitern. Sie schliefen auf Pritschen.

Viele hatten eine Hand verloren, manche einen ganzen Arm, andere hatten vernarbte Gesichter, und viele von ihnen waren fast noch Kinder. Alle hatten ihre Körper bei Arbeitsunfällen verstümmelt. "Ihre Geschichten berührten mein Herz", sagt Liu. Die gesetzliche Entschädigung für eine verlorene Hand betrug damals 3300 Yuan. Zhou, der Anwalt, wollte das Büro für soziale Sicherheit verklagen, um vor Gericht höhere Entschädigungen zu erkämpfen.

Lius Artikel erregte damals so großes Aufsehen, dass die Regierung in Peking sich bei ihm meldete und ihn beauftragte, einen Bericht über Arbeitsunfälle zu schreiben. Er arbeitete ein halbes Jahr daran. Er führte 500 Interviews und sammelte die Namen von 12000 Arbeitern, die alle in einem einzigen Jahr verletzt worden waren. "Danach wollte ich nicht mehr Journalist sein", sagt er. Liu gründete das Institute of Contemporary Observation. Er druckt Broschüren für Arbeiter, er informiert auch die Manager, die selbst die Gesetze oft nicht kennen.

Vor einigen Jahren kam eine Studie der chinesischen Regierung zu dem Ergebnis, dass die Löhne der Fließbandarbeiter zwischen 1992 und 2004 nur um 68 Yuan gestiegen sind - es gibt in Shenzhen Hotels, wo eine Tasse Kaffee mehr kostet. "Doch in jüngster Zeit ist der Durchschnittsverdienst um 20 Prozent gewachsen", sagt Liu. "Und das ist erst der Anfang!"

Der Arbeitskräftemangel stärkt die Position der Arbeiter

In Shenzhen ist es schwer geworden, Mitarbeiter zu finden. 2006 konnten allein in der Provinz Guangdong 2,5 Millionen offene Stellen nicht besetzt werden. Seitdem hat sich die Situation noch verschärft. Heute konkurrieren die Fabriken um ihre Arbeiter. Sie locken mit Geschenken. In den Wohnheimen fließt auch warmes Wasser in den Duschen. Und die Löhne der Arbeiter steigen schneller als je zuvor.

Der Arbeitskräftemangel hat die Position der Arbeiter gestärkt. Sie sind selbstbewusster geworden. Wenn die Löhne nicht pünktlich gezahlt werden, stehen die Maschinen still. Langsam drängt die erste Generation der Ein-Kind-Politik auf den Arbeitsmarkt. Das wird die Situation der Arbeiter weiter aufhellen. In kurzer Zeit hat die Demografie erreicht, was Gesetze und Aktivisten nie geschafft hatten. "Das wird die ganze Wirtschaft verändern, und die Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter werden sich weiter verbessern", sagt Liu.

Viele Fabrikbesitzer kritisieren, dass höhere Löhne im harten Wettbewerb nicht finanzierbar seien. "Sie klagen über hohe Kosten, doch sie fahren dicke Autos und wohnen in Luxusvillen", sagt Liu. Er klingt jetzt wie ein richtiger Arbeiterführer.

© SZ vom 28.06.2008

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