bedeckt München 10°

Chinesische Wanderarbeiter:Das Los von Wu Ying

Millionen chinesischer Wanderarbeiter werden noch immer rücksichtslos ausgebeutet, doch die Regierung unternimmt kaum etwas dagegen.

Janis Vougioukas

Wu Ying sagt, dass sie zufrieden ist. Ihr Team hat gerade einen neuen Schichtleiter bekommen, er ist nett. Sie müssen jetzt nicht mehr so oft Überstunden machen. Vor ein paar Wochen hat der Chef ihr sogar einen Bonus gegeben, weil sie drei Monate keine Fehler gemacht hatte. 60 Yuan waren das, umgerechnet fast sechs Euro. "Das hat mich wirklich sehr gefreut", sagt sie.

Eine Arbeiterin in einer Fahrradfabrik im chinesischen Shenzen.

(Foto: Foto: dpa)

Es ist später Nachmittag, ein Sonntag in der chinesischen Fabrikstadt Shenzhen, die Luft ist heiß. Wu Ying trägt einen blauen Arbeitskittel, auf der linken Brust steht der Name ihrer Firma: Yonghong Electronics. Alle hier tragen diesen Kittel. Gerade hat die Pause begonnen, aus dem Kantinenbau dringt der Geruch von gebratenem Gemüse auf die Straße, doch Wu Ying möchte vor dem Essen und der Spätschicht noch schnell die letzten Sonnenstrahlen genießen und hockt draußen neben dem Fabriktor auf dem Bürgersteig. Sie ist älter als die anderen 2000 Arbeiter bei Yonghong Electronics, Mitte 40 bereits, und dankbar, dass sie Arbeit hat.

Geldstrafen für kleinste Fehler

Es dauert fast eine Stunde, bis sie dann doch noch von ihren Problemen erzählt. Sie ärgert sich über die "freiwilligen Überstunden", die sie am Fließband leisten muss, immer wenn die Kunden aus Europa und den USA es besonders eilig haben. "Freiwillig" heißt: ohne Bezahlung. Selbst kleine Fehler werden mit Geldstrafen geahndet. Manchmal ziehen die Aufseher zehn Yuan vom Gehalt ab, wenn man nicht gerade auf seinem Stuhl sitzt. Und oft schmerzen Augen und Hände nach der Arbeit. Wu Ying sagt, ihr letzter freier Tag liege Wochen zurück.

Sie trägt ihren Dienstausweis um den Hals. Auf der Rückseite hat sie ein Foto in die Plastikhülle geklebt. Ein Junge und ein Mädchen, beide lächeln. Es sind ihre Kinder, die zu Hause in ihrem Heimatdorf auf sie warten. Wenn sie einsam ist, oder müde von den langen Stunden am Fließband, dann schaut sie kurz auf das Bild und hat wieder genug Kraft für ein paar Stunden. Wu Ying steht auf und trottet zurück durch das Fabriktor, die ganze Straße ist auf einmal leer und still. Um 18 Uhr beginnt die Abendschicht, das Fließband duldet keine Verspätung.

Yonghong Electronics ist Teil des Elektronikkonzerns FSP Group aus Taiwan. Die Fabrik in der südchinesischen Industriestadt Shenzhen produziert Konverter und Adapter für die Notebooks fast aller großen Computerhersteller. Chinas Wirtschaft hat in wenigen Jahren Unglaubliches geschafft: Lebensstandard und Konsumgewohnheiten der Stadtbewohner an der reichen Ostküste sind heute nicht mehr weit entfernt von dem Niveau vieler westlicher Länder. Nur die 200 Millionen Wanderarbeiter in den Fabrikstädten entlang der Ostküste arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen. Doch zum ersten Mal seit dem Beginn der chinesischen Wirtschaftsreformen bessert sich die Situation der Fabrikarbeiter.

Die Fabrikhalle der Welt

Immer wieder hört Jenny Chan Geschichten wie die von Wu Ying. Sie hat jeden Satz in ihrem kleinen Notizbuch mitgeschrieben, und zum Abschied hat sie die leicht verdutzte Wu Ying in den Arm genommen, wie eine alte Freundin. Tausende Wanderarbeiter hat Chan in den letzten Jahren befragt, Dutzende Berichte verfasst, und noch immer geht ihr jede Geschichte nahe. Chan ist 31 Jahre alt, geboren in Hongkong, kaum 50 Kilometer von hier entfernt. Hongkong war damals noch eine Kolonie der britischen Krone. Sie war gerade ein Jahr alt, als China sich öffnete. Seitdem sind Shenzhen und das Perlflussdelta zum Zentrum der chinesischen Exportindustrie geworden, die Fabrikhalle der Welt.

Im September 2005 eröffnete Disneyland Hongkong. Über Monate war der Park das wichtigste Gesprächsthema der Stadt. Chan studierte Soziologie an der Hong Kong University. Einige ihrer Professoren hatten sich damals zusammengeschlossen, um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu untersuchen, die für den Disney-Konzern die Kinderbücher, Souvenirs und die lustigen Comicpuppen produzierten. "Walt Disney verkauft eine Zauberwelt, doch in den Fabriken herrschten Bedingungen wie in einer Strafkolonie", sagt Chan. Viele Hongkonger erfuhren zum ersten Mal vom Elend und der Ausbeutung der chinesischen Fließbandarbeiter.

Es war ein roher, brutaler Kapitalismus, der sich damals auf dem chinesischen Festland ausbreitete. In den Zeitungen tauchten immer mehr Schreckensgeschichten auf. Bei einem Feuer in einer Fabrik in Shenzhen starben 78 Arbeiter, weil die Fenster vergittert und die Türen abgeschlossen waren. In vielen Fabriken mussten die Arbeiter jeden Tag 16 Stunden schuften, und wer sich beschwerte, wurde fristlos gefeuert, denn am Fabrikeingang warteten schon die nächsten Wanderarbeiter aus dem weiten chinesischen Hinterland.

"Jede Fabrik verletzt die Arbeitsgesetze"

Chan schloss sich ihren Professoren an und half bei den Recherchen. Nach ihrem Studium wurde sie hauptberufliche Aktivistin bei der kleinen Nichtregierungsorganisation Students and Scholars against Corporate Misbehavior, die sich von Hongkong aus für die Rechte chinesischer Arbeiter einsetzt.

Seit Walt Disney ist viel passiert. Es gibt inzwischen Gesetze zum Schutz der Arbeiter. Chinas Regierung hat Mindestlöhne und Sozialversicherungen eingeführt, seit Januar gilt ein neues Arbeitsvertragsrecht, das in vielen Punkten sogar noch strenger ist als das deutsche. Auch im Westen sind viele Kunden kritischer geworden. Kein Weltkonzern kann es sich heute noch erlauben, die Arbeitsbedingungen der chinesischen Lieferanten zu ignorieren. Jeder Markenhersteller verfügt inzwischen über Ethikrichtlinien, die Kinderarbeit verbieten und soziale Mindeststandards vorschreiben.

Doch das alles half nur wenig. "Fast jede Fabrik verletzt die chinesischen Arbeitsgesetze, und die lokalen Regierungen in den Industriestädten akzeptieren das, um das Investitionsklima nicht zu verschlechtern", sagt Chan. Vor zwei Jahren hat sie Yonghong Electronics zum ersten Mal besucht und entdeckt, dass über 200 Arbeiter nicht einmal 16 Jahre alt waren. Dabei ist Kinderarbeit auch in China verboten. "Die Arbeiter haben am meisten zum Aufbau Chinas beigetragen. Sie geben dafür ihre Jugend und ihre Gesundheit und profitieren am wenigsten", sagt Chan. Als sie ihren ersten Bericht über Yonghong veröffentlichte, kündigte der amerikanische Computerkonzern Dell seine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen. Yonghong achtet seither auf das Alter seiner Mitarbeiter. "Nur wenn die Firmen aus dem Westen ihre Einkaufspolitik ändern, wird sich etwas verbessern", sagt Chan.

Es gibt auch in China Gewerkschaften. Doch die werden streng vom Staat kontrolliert und beschränken sich meist auf die Veranstaltung von Tischtennisturnieren und Tanzabenden. Unabhängige Arbeiterorganisationen gab es früher nur in Hongkong. Der Dissident Han Dongfang moderierte dort sogar eine Radiosendung, die nach China ausgestrahlt wurde, um die Arbeiter über ihre Rechte zu informieren. Doch berühmt wurde er damit vor allem in Europa und den USA.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite