China Wahnsinn ab Mitternacht

Der 11. November ist in der Volksrepublik Singles' Day. Diesen obskuren Feiertag hat der Onlinehändler Alibaba ins Leben gerufen - und setzt dabei Milliarden um.

Von Christoph Giesen, Shenzhen

Es ist kurz vor Mitternacht, als schließlich Jack Ma auftritt. Der Firmengründer von Alibaba trägt einen grauen Kapuzenpullover und kommt schnell zu Sache. Freiwillige brauche er, sagt Ma. Zwei Männer aus dem Publikum stehen auf. "Mensch du zitterst ja", sagt Ma zu einem der beiden, als er ihm ein Kartenspiel in die Hand drückt. Kein Wunder, schließlich können mehr als 100 Millionen Chinesen vor dem Fernseher mitverfolgen, was jetzt passiert.

Der Nervöse soll eine Karte ziehen, statt Buben, Damen und Königen sind die Köpfe von Hollywood-Stars abgebildet. "Und wen hast du?", fragt Ma. Es ist die Schauspielerin Scarlett Johansson.

"Oje. Tom Hanks oder Leonardo di Caprio das wäre kein Problem gewesen. Aber Scarlett Johansson?", sagt Ma, beginnt aber dann zu zählen: "Fünf, vier, drei, zwei, eins." Ein Vorhang fällt und vor einem Helikopter steht sie: Scarlett Johansson. "Ein echter internationaler Megastar", wie Ma sie nennt, auf die Bühne gestellt im südchinesischen Shenzhen von Alibaba.

Was Magier Ma dem Publikum verschweigt: Scarlett Johansson ist ohnehin in der Stadt. Der Mobilfunkkonzern Huawei, für den sie wirbt, hat gerade ein neues Smartphone präsentiert - die Huawei-Truppe ist in demselben Hotel abgestiegen, das auch die Alibaba-Crew gewählt hat. Den ganzen Nachmittag hatte ein chinesischer Scarlett-Johansson-Fanclub in der Lobby gelauert.

Aber das ist jetzt egal. Es ist der 11. November, "Singles' Day" in China. An keinem anderen Tag wird mehr im Netz bestellt. Und Scarlett Johansson soll mithelfen, dass ein neuer Verkaufrekord geknackt wird. 2009 begann Alibaba, den Tag für Singles zu vermarkten, die sich mit günstigen Angeboten selbst verwöhnen wollen. Mehr als 14 000 Markenhersteller verkaufen an diesem 11. November über Alibaba ihre Waren günstiger.

Auf einer großen Leinwand lässt sich verfolgen, wie viel Geld schon umgesetzt wurde. Und auch, wo die Käufer wohnen.

(Foto: Bobby Yip/Reuters)

Vor zwanzig Jahren ließ sich das nicht einmal erahnen. Es war im Jahr 1995, als der Englischlehrer Ma Yun das Internet kennenlernte. Er war zum ersten Mal zu Besuch in den USA, und schon damals nannte er sich Jack. Bei Freunden in Seattle tippte er zwei Worte in eine Suchmaschine: "Beer" und "China". Es gab keine Treffer. Zurück in China machte er sich ans Werk, und aus dem Lehrer Ma wurde Chinas erster Internetunternehmer. Nur Monate später war seine Webseite online, das erste kommerzielle Angebot in China - eine Art Gelbe Seiten. Doch kaum jemand interessierte sich für dafür, und bald schon übernahm die Lokalregierung die Kontrolle.

Erst Mas zweite Geschäftsidee ließ ihn zu einem der reichsten Männer Chinas werden. Vor zwei Jahren ging Alibaba in New York an die Börse. 25 Milliarden Dollar wurden erlöst. Gegründet hatte Ma Alibaba 1999 mit 60 000 Dollar Startkapital in seiner Heimatstadt Hangzhou. Seine Idee war simpel und doch genial: China, die Werkbank der Welt, wollte er an den globalen Handel anschließen, mit einer Webseite, die ein Umschlagplatz für Großhändler ist, auf der einfach alles feilgeboten wird: Maschinen, Kleidung, Spielzeug - und alles immer in großer Menge, das gängige Bestellvolumen ist der Schiffscontainer. Käufer aus Übersee können sich bei Alibaba direkt an die Hersteller in China wenden, niemand braucht mehr einen Zwischenhändler, der Kontakte herstellt und mitverdient.

2003 erweiterte Ma das Angebot und gründete die Webseite Taobao, Chinas Ebay. Im Gegensatz zum amerikanischen Auktionshaus passte er Taobao an die Bedürfnisse der chinesischen Nutzer an. Er führte zum Beispiel ein eigenes Online-Bezahlsystem ein: Alipay. Wer damals bei Ebay handelte, musste vertrauen können - darauf, dass der Verkäufer die ersteigerte Ware schickt und der Käufer wirklich zahlt. Dieses Vertrauen haben viele Chinesen nicht, zu oft wurde es enttäuscht. Bei Alipay wird das eingezahlte Geld erst dann weitergereicht, wenn die Ware tatsächlich beim Kunden angekommen ist. An einem normalen Tag in China gehen inzwischen auf Webseiten von Alibaba 52 Millionen Bestellungen ein. Zum Vergleich: Amazon verschickt jeden Tag etwa sechs Millionen Pakete. An jeder Transaktion verdient Alibaba eine Kommission, die je nach Produktgruppe zwischen 0,4 und fünf Prozent liegt.

Zur Eröffnung kamen auch David Beckham und seine Frau Victoria. Das Fernsehen berichtete live.

(Foto: dpa)

Vier Stunden hat die Gala gedauert. Am Ende erinnert man sich an einen etwas verdrucksten David Beckham, der neben seiner Frau Victoria stand und über seine eigene Whiskey-Marke sprechen sollte. Und an Mas Kartentrick. Ansonsten ist die Show eine einzige große Butterfahrt. Alles, was während der Gala gezeigt wird, kann man verbilligt kaufen, Trikots von Bayern München, die Kleider der Moderatorinnen, genauso wie eben Beckhams Whiskey. Das Vorspiel für den Wahnsinn, der um Punkt Mitternacht beginnt.

Auf einer Leinwand im Pressezentrum, die geschätzt 40 Meter lang ist, lässt sich alles verfolgen. Nach genau 52 Sekunden ist die erste Milliarde Yuan erreicht. Nach einer Stunde sind fast 35 Milliarden Yuan, umgerechnet gut fünf Milliarden Dollar, umgesetzt. Nach 24 Stunden werden es schließlich 120,7 Milliarden Yuan (17,8 Milliarden Dollar) sein. Doch vorher feuert ein Moderator an: "Wir brauchen neue Energie", ruft er. "Was ist neue Energie? Daten. Wir brauchen Daten."

Bis auf einzelne Häuser können die Verkäufe heruntergebrochen werden. Eine Stadtteilkarte von Shenzhen zeigt das eindrucksvoll. Gebäude, in denen gerade jemand etwas bestellt, leuchten rot. Wo noch niemand gekauft hat, schimmert es blau. Es sind mehr rote als blaue Häuser zu sehen.

Dass Konzerne wie Google und Amazon das Kaufverhalten ihrer Kunden genau kennen und ihre Algorithmen einsetzen, um immer mehr zu verkaufen, ist bekannt. Doch niemand gibt das so offen zu wie Alibaba. Fast alles fassen sie in Zahlen: Welche Waschmaschinen sich in welcher Stadt am besten verkaufen. Wo Milchpulver der Marke Hipp am beliebtesten ist und welche Luftreiniger gerade im versmogten Peking geordert werden.

52 Millionen

... Sendungen werden jeden Tag über Webseiten des Onlinehändlers Alibaba bestellt. Während des Singles' Days sind es sogar mehr als zehn Mal so viele Lieferungen. Insgesamt gehen mehr als 60 Prozent aller Pakete, die in der Volksrepublik verschickt werden, auf eine Alibaba-Bestellung zurück. Zum Vergleich: Amazon kommt im Schnitt pro Tag auf gerade einmal etwa sechs Millionen Sendungen. Der große Unterschied allerdings: Während Amazon eigene Logistikzentren betreibt und Waren vorhält, ist der Wettbewerber aus China lediglich als Vermittler tätig.

Joe Tsai ist der zweite Mann bei Alibaba. Der Mann der Zahlen. "Wenn man sich bei Amazon einloggt, möchte man die Seite doch so schnell wie möglich wieder verlassen", stichelt er. Ganz unrecht hat er nicht. Chinesische Kunden verbringen in der Tat Stunden auf Shopping-Webseiten und vergleichen danach ihre Beute. Noch bis vor einigen Jahren war das Einkaufen schwierig in China. Die Läden waren überfüllt, doch ständig hörte man den Satz des Sozialismus: "Das haben wir nicht."

Einkaufen, sagt Tsai, müsse Spaß machen, ja fast ein Spiel sein. Wie man sich das bei Alibaba vorstellt, zeigt eine App, die das Unternehmen vor Kurzem programmiert hat. In der realen Welt sind virtuell Katzen versteckt, die man einfangen muss. In der Alibaba-App findet man die digitalen Viecher auffällig oft bei Starbucks oder KFC versteckt. "Ja", sagt Tsai, so versuche man mit Ketten, die nicht online verkaufen können, zu kooperieren. "Wir bringen viele Leute in die Läden, die Besitzer lieben das natürlich.

Und die Kunden? Zumindest in China schert sich leider kaum jemand um den Datenschutz.